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Witten

Von der Villa Rüping bis zur Evangelischen Pop-Akademie

Im denkmalgeschützten Haus an der Ruhrstraße passierte in vergangenen zwei Jahrhunderten viel.

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Kurz vor 1865 ist sie erbaut worden, die Villa Rüping. Das belegen Bauzeichnungen auf den damaligen Wittener Stadtplänen. In den Stadtakten war sie 1868 erstmals vermerkt und nach und nach wurde das Gebäude in Wittens Zentrum umgebaut und erweitert. Es wechselte im Lauf der vergangenen beiden Jahrhunderte auch den Besitzer und wurde auf verschiedene Weise genutzt. Das Gebäude dürfte vielen Einheimischen bekannt sein – und früher waren wohl viele Personen auch mal im unter Denkmalschutz stehenden Gebäude neben dem Haus am Voß‘schen Garten.

Der Keller aus dem 19. Jahrhundert ist sogar bis heute noch erhalten. Kurz vor der Jahrhundertwende erfolgte ein Umbau, 1902 und 1904 jeweils Anbauten für den Kaufmann Rüping. Und nur wenige Jahre später, 1908, wurde das Wohnhaus zur städtischen Sparkasse umgebaut, die 1911 an der Ruhrstraße eröffnete. Sie hatte das Haus für rund 80.000 D-Mark erworben. Fortan gab es bauliche Anpassungen und im Zweiten Weltkrieg wurde der Gebäudekomplex teilweise zerstört. Doch da die Grundstruktur sowie bedeutende Teile der Außen- und Innenwände sowie Geschossdecken zum großen Teil erhalten blieben, wurde das im August 1999 ins Denkmalregister aufgenommene Gebäude für die Sparkasse wiederhergestellt. Es gilt durch seine Folgezeit als Zeugnis der Wirtschaftsgeschichte der Stadt und bekam außerdem eine Bedeutung für das lokale Handeln sowie Gewerbe.

Beispiel für konservative Moderne
In den 1950er-Jahren gab es Erweiterungen, etwa die Treppe sowie die angebaute Eingangs- und Kassenhalle samt Fassadenverkleidung. Nach dem Entwurf des damaligen Architekten Günther Kampmann erhielt das Gebäude seine turmartige Südostecke. Aus der Zeit stammt auch das äußerliche Erscheinungsbild, wie in der Karteikarte der Unteren Denkmalbehörde notiert ist: Die Verblendung des Mauerwerks mit dunkelgrauen Natursteinen (Sandstein). Hinzu kommen das vorstehende Flachdach sowie die Konsolsteine. Das Gebäude steht damit der konservativen Moderne der 1920-er und 1930er-Jahre nah – und im Kontrast zu vielen anderen Gebäuden, die in der Nachkriegszeit während der Wiederaufbauphase hochgezogen wurden. In der Karteikarte ist zu lesen: „Für die konservative Richtung ist das Gebäude Ruhrstr 48 das bedeutendste Beispiel.“
Die ehemaligen Räume sind erhalten geblieben, die ursprüngliche Zweckbestimmung ist laut der Unteren Denkmalbehörde „ablesbar“. Nämlich dort, wo die Kassenschalter standen und die Sparkassen-Kunden in den Empfangsbereich kamen. Auch Büros sind erhalten geblieben sowie die Befensterungsmuster zur Straßenseite hin. Im Inneren ist alles modernisiert, diese Räumlichkeiten aber nicht zu stark umgebaut worden. Daher hat der Umbau des Gebäudes für die Nutzung als Stadtbücherei im Jahr 1990 die historische Bedeutung auch nicht geschmälert. Trotz der vielen baulichen Veränderungen wurde es also in das Register aufgenommen. Begründung in der Karteikarte: „Da im Wesentlichen lediglich ein Teil des Daches über der ehemaligen Schalterhalle erhöht worden ist und die Schalterhalle eine nahezu selbsttragende, zweigeschossige Inneneinrichtung erhalten hat.“

Zweigstelle der Stadtbücherei bis 2015
Der Stil nach dem Wiederaufbau ist anhand der Treppe und deren Geländer noch heute erkennbar. Und in der früheren Schalterhalle des im Anbau viergeschossigem Gebäudes sind sogar noch alte Fußbodenfliesen erhalten. Die Stadtbibliothek richtete an der Ruhrstraße eine Zweigstelle ein, die 2015 geschlossen wurde. 2016 wurden die Räumlichkeiten leergezogen und im selben Jahr zog die bis heute bestehende Evangelische Pop-Akademie ein, die Hochschule für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche von Westfalen. Dabei galt sogar lange Zeit erst das Haus Witten als großer Favorit für die Akademie. Dort hätte es aber nur kleinere Räumlichkeiten im Vergleich zum ehemaligen Bibliotheks- und Sparkassenhaus gegeben.
Optisch sagte das Denkmal den Verantwortlichen ebenfalls zu. „Das Gebäude ist zwar alt, wartet aber mit besonderem Charme der 60er- und 70er-Jahre auf. Das ist für junge Leute schon Kult“, sagte Martin Bartelworth, der Geschäftsführer der Akademie und Gründer der Creativen Kirche, vor dem Umzug. Bereits im Oktober 2016 sollten die ersten Studenten mit ihrer Bachelor-Ausbildung in Witten beginnen. Für die entsprechende Einrichtung blieb also kaum Zeit. Seitdem war es erstmalig in Deutschland möglich, den neuen Studiengang „Kirchenmusik Popular“ zu wählen. Daneben ist der Bachelor „Klassik“ möglich, mittlerweile auch die jeweiligen Masterstudiengänge und daneben Gaststudien oder ein Jungstudium für Schülerinnen und Schüler. In den vergangenen Jahren gab es für die Öffentlichkeit im Denkmal immer mal Mitsingkonzerte im historischen Gebäude an der Ruhrstraße – sogar eintrittsfrei. Von Hendrik Steimann