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Hattingen

Verantwortung und Disziplin durch Wandern in der Natur

Junge Hattinger und Wittener sammeln viel Lebenserfahrung durch den Wandervogel.

Gruppenbild unterwegs

Unterwegs...

Es war eine Jugendbewegung um 1900 herum, aus der damals der Wandervogel entstand. Eine Bewegung, die sich für ein naturverbundenes, einfaches Leben einsetzte. Der Fokus lag dabei auf Selbstverwaltung, Wandern, Musik und Gemeinschaft. Die Gruppen waren viel in der Natur unterwegs und gestalteten ihre Aktivitäten frei. Es gibt heute immer noch Gruppen, darunter auch im Bereich Hattingen und Witten. Die Kinder und Jugendlichen treffen sich regelmäßig und unternehmen jedes Jahr Fahrten.
In Hattingen gibt es unter dem Dachverband „Zugvogel deutscher Fahrtenbund“ einen Ableger, der zur Untergruppierung „Orden der Geusen“ gehört. Acht Jahre lang kamen die Jungs aus und um Hattingen herum oberhalb der Ruhr am Isenberg an einem Schäferwagen zusammen, den sie selbst gebaut hatten. Vor kurzem haben sie diesen an eine andere Gruppe weitergegeben und treffen sich derzeit – so wie auch in den vergangenen drei Jahren über den Winter hinweg – in einer Hütte in Velbert-Langenberg. „Einzugsort bleibt aber immer noch der Umkreis und das wird auch so bleiben. In der Jugendgruppe sind Jungs aus Witten, Bochum und Hattingen“, erklärt Sebastian Mieckley alias Joker. Spitznamen sind beim Wandervogel üblich, erklärt der Organisator im Hintergrund.

Jugendliche lernen mehr als nur Verantwortung
Die Jugendlichen sollen ihr Programm auch selbst gestalten und verantworten. Der Wandervogel hat anders als Pfadfinder kein pädagogisches Konzept. Als Jugendlicher war Mieckley selbst Pfadfinder. „Das war mir aber zu steif mit den festen Abläufen. Es wurde zu viel vorgegeben“, befand er und schloss sich der Wandervogelgruppe im nördlichen EN-Kreis an. „Natürlich muss auch dies in einem Rahmen bleiben, aber die Aktivitäten können komplett frei gestaltet werden“, erklärt der Zimmereimeister, der früher in Betrieben in Hattingen und Sprockhövel in der Denkmalpflege gearbeitet hat und mittlerweile selbstständig ist. Der 43-Jährige tritt beim Wandervogel bewusst in den Hintergrund, unterstützt aber weiterhin.
Ziel ist es eben, dass die Jugendlichen – vor Eintritt ins Erwachsenenalter – sich selbst organisieren. Es gibt mit dem 16 Jahre alten Leon (Spitzname: Schlingel) derzeit einen Gruppenleiter, der mit einer Handvoll Jugendlichen alle zwei Wochen zusammenkommt, Zeit in der Natur verbringt und Fahrten plant. Er gelangte zufällig zum Wandervogel, als sein Vater nach einer Freizeitbeschäftigung für ihn suchte. Er lernte seitdem viel, berichtet er: „Teamarbeit, Zusammenhalt, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen und teilweise auch Disziplin, die im Gruppenalltag ständig gefordert und gefördert werden. Gleichzeitig eignete ich mir zahlreiche praktische Fähigkeiten an, vom sicheren Entzünden eines Feuers im Wald über den Aufbau einer Kothe bis hin zur Planung von Wanderfahrten und der Gestaltung von Nestabenden.“

Reisen bis nach China, Kuba oder Alaska
Parallel entsteht zurzeit eine Kindergruppe. Die Schwerpunkte der Grundbewegung sollen eingehalten werden. „Es geht nicht nur darum, sich in der Freizeit zu treffen und zum Beispiel irgendwo draußen Tischtennis zu spielen“, merkt Mieckley an. Es gehe um Wandern, Fahrten, Kulturaustausch oder musische Aspekte wie Gesang oder Theater. Vor allem die Fahrten und Wanderungen sind das A und O, denn dabei sollen die jungen Menschen sich entfalten können. Die Reiseziele liegen nicht nur in der näheren Umgebung. Es ging in den vergangenen Jahren auch mal nach Irland oder Griechenland. Über den Dachverband werden auch Bundesfahrten organisiert – so waren (ehemalige) heimische Jungs auch mal in Kuba, China, Namibia oder Alaska unterwegs.
Sein schönstes Erlebnis zu benennen, fällt Gruppenleiter Leon bei unzähligen besonderen Momenten schwer. „Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Großfahrt nach Irland. Dort waren wir als junge Gruppe teilweise ohne Erwachsene unterwegs, was uns nicht nur viel Verantwortung abverlangte, sondern uns auch als Gemeinschaft enger zusammengeschweißt hat. Gleichzeitig konnten wir beeindruckende Landschaften erleben und viele unvergessliche Erfahrungen sammeln“, sagt er. Die Jungs wurden sogar mal von Einheimischen zum Essen eingeladen, weil sie die Idee der Reise begrüßten und unterstützen wollten. Sonst gelten Selbstverpflegung und Zelten im Freien.

Es sind bewusst keine Mädchen dabei
Mädchen gibt es nicht, die Geschlechter werden im Wandervogel bewusst getrennt. Mieckley erklärt mit einem Schmunzeln: „Sonst würde es gerade unter Jugendlichen Hahnenkämpfe geben. Und darum geht es nicht.“ Für Mädchen gibt es eigene Gruppen. Teilweise wollten auch Eltern mal mitfahren, doch das sei nicht Sinn der Sache. Mieckley: „Sonst könnten die Jungs direkt mit ihren Eltern wandern oder verreisen.“ Die Streckenplanung, Gesundheitsbögen und Elternbriefe werden von den Jugendlichen erstellt. Das bedeutet Aufwand, erzählt Leon: „Übernachtungsmöglichkeiten müssen im Voraus recherchiert werden, und es gilt herauszufinden, wann und wo Einkaufsmöglichkeiten vorhanden sind. Gleichzeitig muss man während der Wanderung darauf achten, dass die Stimmung in der Gruppe gut bleibt und alle motiviert weiterlaufen.“
Reisen und Aktivitäten werden selbst finanziert – dabei kommen die Eltern ins Spiel. Alles bleibt aber relativ minimalistisch, bei Kosten werden diejenigen von den jeweils anderen Familien unterstützt, die finanziell nicht so gut aufgestellt sind. Dann geht es auf ins Abenteuer in die Natur. „Es ist anders als bei Backpackern, die von Hotel zu Hotel wandern. Wir versuchen, sie bewusst zu umwandern“, so Mieckley. Nur notfalls wird mal ein Hotel bezogen, sonst gezeltet. Sonst gebe es kein Erlebnis.
Handys sind bei den Fahrten und Wanderungen in der Regel tabu. Es werden klassisch Postkarten geschrieben. Für Ticketbuchungen oder wichtige Kommunikation mit den Eltern gibt es zwischendurch aber Zeit. Es gehe darum, vom Alltag wegzukommen und sich von der digitalisierten Welt zu lösen, um den Kopf freizukriegen.

Von Hendrik Steimann