Donnerstag, 9. Dezember
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Natur & Garten

Unser Wald ist krank- Revierförster Jansen schlägt Alarm

Trockenheit und Krankheiten sorgen bei den Altbäumen von Buchen und Fichten für Kahlschlag.

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Beim Blick auf Sprockhövel sieht man deutlich die Schädigung der Bäume.

Fast ein Drittel des Ennepe-Ruhr-Kreises gehört dem Wald. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie besinnen sich viele Menschen auf die grüne Lunge und wollen wieder einen Spaziergang in der Natur machen. Doch unser Wald ist im Stress. Die Trockenheit in den Sommern der letzten Jahre hat den Baumbestand schwer in Mitleidenschaft gezogen. Auch die Flutkatastrophe hat die Situation erschwert. Und der Borkenkäfer hat obendrein dafür gesorgt, dass ganze Fichten-Areale abgestorben sind. Revierförster Thomas Jansen kennt die Probleme ebenso wie der Leiter von Wald und Holz NRW Andreas Wiebe.
Revierförster und Diplom-Forstingenieur Thomas Jansen kümmert sich in Hattingen und Sprockhövel um 33 Millionen Quadratmeter (3300 Hektar) Waldfläche. Seit über zwanzig Jahren ist er Mitarbeiter des Regionalforstamtes Ruhrgebiet. Zunächst war er nur für die Hattinger Wälder zuständig, seit 2008 gehört auch Sprockhövel zu seinem Revier. Überwiegend sind es Fichte, Buche und Eiche, die das Bild des heimischen Waldes dominieren. Thomas Jansen gibt einen düsteren Ausblick: „Alles, was älter ist als 20 bis 25 Jahre und den Namen Fichte trägt, wird verschwinden. Die Fichte macht ungefähr zehn Prozent im heimischen Wald aus. Trockenheit und Borkenkäfer sind die Hauptgründe. Noch größere Sorgen bereitet mir die Buche. Sie hat einen Flächenanteil von vierzig Prozent und kämpft ebenfalls mit der Trockenheit und Schädlingen wie Pilzen oder dem Kleinen Buchborkenkäfer. Ist ein großer Baum einmal erkrankt, so kann er nicht mehr gesunden. Hinzu kommt, dass die Bäume in unseren Wäldern über eine lange Zeit in Nachbarschaft mit anderen Bäumen standen. Wenn diese Nachbarn aufgrund der Krankheiten wegfallen, verursacht das auch den verbleibenden Bäumen Stress und macht sie ebenfalls anfällig für Krankheiten. Ich denke, ein großer Teil der Alt-Buchen wird deshalb sterben.” Auch das Wiederaufforsten hört sich einfacher an, als es tatsächlich ist. „Wenn man eine saubere Fläche, auf der früher Fichten gestanden haben, aufforsten will, so geht das relativ problemlos. Standen dort vorher Buchen, so wird man viel Ilex finden. Die Bearbeitung der Fläche ist wesentlich aufwändiger und kostenintensiver. Und weil hier bei uns die meisten Flächen in privater Hand liegen, ist das für die Waldbesitzer nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ökonomisches Problem.”
Natürlich, so der Förster, kann man nach der Räumung eine Fläche auch komplett der Natur überlassen. „Das bedeutet dann aber, sich tatsächlich zwanzig, dreißig Jahre aus der Fläche rauszuhalten.
Dramatisch ist vor allem, dass die Gesellschaft mit dem sterbenden Wald einen Schatz verliert, dessen Wert wir hoffentlich nicht erst erkennen, wenn es zu spät ist“, ergänzt Andreas Wiebe. Zu rund 27 Prozent ist NRW mit Wald bedeckt. Auf der Suche nach dem Wald der Zukunft scheint klar: Monokulturen gehören der Vergangenheit an. „Traubeneiche, Winterlinde oder Vogelkirsche, Roteiche und vielleicht auch die Esskastanie verpacken den Klimastress besser. Wo wieder aufgeforstet werden muss, setzen wir auf eine möglichst artenreiche Mischung widerstandsfähiger Bäume. Deshalb gehört die Beratung zu meinen Aufgaben. Nur 15 Prozent der Waldflächen in meinem Gebiet sind in kommunaler Trägerschaft. Alle anderen Flächen gehören Privatbesitzern“, erzählt Thomas Jansen.

Zu Gast in der Natur
Aus dem Waldzustandsbericht NRW 2020 geht hervor: So schlecht wie heute ging es dem Wald noch nie. Richtet man den Blick beispielsweise auf den Zustand der Baumkronen, der die Vitalität der Waldbäume wiedergibt, wird das Problem deutlich. Nach einem bundesweit einheitlichen Verfahren wird vor allem der Verlust von Blättern und Nadeln beurteilt. 44 Prozent der Bäume (2019 waren es 42 Prozent) weisen eine deutliche Kronenverlichtung auf – so viele waren es seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1984 noch nie. Auch die sogenannte Absterberate hat sich deutlich verschlechtert, der langjährige Mittelwert über alle Baumarten lag bis 2018 bei 0,21 Prozent. Schon 2019 steigt der Anteil auf 2,4 Prozent, heißt es in dem Bericht. 2020 lag dieser Wert bei 3,98 Prozent. Allein 10,53 Prozent der Fichten starben in 2020 ab. Das entspricht dem 60-fachen Wert des langjährigen Mittels. Ein Wiederbewaldungskonzept des Landes sowie Fördermittel in Millionenhöhe sollen es in den nächsten Jahren richten und die Situation zum Besseren führen. „Dieser regenreiche Sommer war übrigens für neu angelegte Forstkulturen hervorragend. Aber ein alter Baum mit Wurzeln in den tieferen Bodenschichten hat von der Feuchtigkeit nichts.”
Doch warum ist der Wald überhaupt so wichtig? „Er ist nicht nur ein nachwachsender Rohstofflieferant. Er speichert Millionen Tonnen Kohlenstoff, entzieht dadurch der Atmosphäre Millionen Tonnen CO2. Er setzt jedes Jahr Millionen Tonnen Sauerstoff frei, filtert Feinstaub und Wasser, schützt vor Erosion, ist Lebensraum für Tiere und Pflanzen und Erholungsraum für den Menschen“, fassen die Waldexperten zusammen.
Deshalb findet es der Förster wichtig, mit dem Wald sorgsam umzugehen. „Wenn wir es lieben, in den Wald zu gehen, dann sollten wir den Wunsch verspüren, dass, was wir lieben zu schützen“, sagt er. „Dazu gehört es auch, seinen Müll wieder mit nach Hause zu nehmen. Die kleine weggeworfene Tüte kann zum Beispiel für den Igel ein Problem werden, wenn er in die Tüte kriecht und sich seine Stacheln im Material verfangen. Also: Hinterlasse nichts als Deine Fußspuren in der Natur und nach Möglichkeit noch nicht einmal diese. Wer sich im Wald aufhält ist zu Gast - beim Waldeigentümer und bei der Natur.”anja