Bibliotheken Hattingen & Witten: Welchen Stellenwert hat Lesen? Freude über Rekordzahlen.
Zur Auftaktveranstaltung des Sommerleseclubs 2025 las Kinderbuchautor Jürgen Banscherus vor.
Über die Sommerferien haben sich eine Menge Kinder in den Stadtbibliotheken in Witten und Hattingen blicken lassen. Die Kinder haben sich mit viel Freude Lesestoff ausgesucht, mit dem sie sich sieben Wochen lang befasst haben – im Rahmen des beliebten Sommerleseclubs (SCL), der aus Sicht der Bibliotheken sehr gut angenommen wird. In beiden Städten ist die Zahl der Teilnehmenden so hoch wie noch nie gewesen. In Hattingen nahmen über 320 teil, in Witten sogar über 420.
Kurz zum Grundkonzept: Teilnehmende hatten von Anfang Juli bis Ende August in den Bibliotheken Medien für sich entdeckt und sie konsumiert. Zum Großteil Bücher – auch digital – und daneben Hörspiele. Man kann einzeln oder als Team teilnehmen und ein Logbuch führen, für das es jeweils einen Stempel gibt, wenn ein Buch komplett gelesen oder einem Hörspiel bis zum Ende gelauscht wurde. Jeder kann sich beteiligen, zumeist sind dies aber Kinder – die auch die fokussierte Zielgruppe bilden. Die Hauptgruppe der Teilnehmenden waren wie gewohnt Kinder im Grundschulalter. Das bestätigt die Statistik, die Bibliothekarin Lisa Kreuzer in Witten geführt hat. „Die meisten der Kinder waren Sechs- bis Achtjährige“, sagt sie. Aber bis einschließlich zehn Jahre bilden die Grundschüler den größten Anteil. In Hattingen waren der größte Anteil die Acht- bis Zwölfjährigen (über 200 Anmeldungen in dieser Altersklasse). Erwachsene sind seltener dabei, es sind in der Regel Eltern oder Großeltern. In Hattingen war die älteste Teilnehmerin 70 Jahre alt, in Witten gab es einen 76 Jahre alten Teilnehmer.
Teilweise wird über die Eltern gefragt, ob auch jüngere Geschwisterkinder teilnehmen können, die das Lesen noch gar nicht gelernt haben. Das unterstützen die Bibliotheken gerne. In Hattingen gibt Bibliotheksleiterin Susanne Link an, dass knapp 60 Kinder unter sieben Jahre alt waren. Viele bilden ein Familienteam. „Wenn ein Geschwisterkind sieht, ich kann hier mitmachen oder schon einzelne Wörter lesen kann, ist es motivierend“, schildert die Wittener Bibliothekarin Kreuzer. In Hattingen wird das Projekt seit nun 21 Jahren durchgeführt, also seit Start des Projektes. Link sagt deshalb: „Das ist ein Zeichen, dass es sich bewährt hat.“ Es ist eine der größten Aktionen der Bibliothek überhaupt. Und es gibt immer ein anderes Motto. Dieses Jahr war es „Sommer, Sonne, Rätselzeit“. Link erinnert sich noch an das Motto vor 21 Jahren: „Schock deine Lehrer, lies ein Buch“. Ein deutliches Signal. „Das ist so leider nicht verfolgt worden“, sagt die Hattinger Bibliotheksleiterin.
Über den Sommerleseclub sollen Kinder verstärkt an das Lesen herangeführt werden. Link betont: „Leseförderung stellt eine Kernkompetenz von öffentlichen Bibliotheken dar. Wir stellen fest, dass die Lesekompetenz stark rückläufig ist.“ Die Förderung wird ernsthaft verfolgt, aber nicht übermäßig streng. „Unser Anspruch ist es, dies mit einem Unterhaltungswert zu gestalten. Die Leseförderung soll gegeben sein, aber nebenbei stattfinden. Der Sommerleseclub soll nicht zur Pflichtaufgabe werden, alles unbedingt erfolgreich anzugehen“, betont Kreuzer. Die Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein, sind recht gering: Drei Medien, egal ob Buch der Hörspiel, sind angesetzt. „Das kann für ein Kind, was dies nicht kennt, natürlich eine Herausforderung sein“, wirft Kreuzer ein. Kollegin Link verweist in dem Zusammenhang auch auf die familiären Situationen und Möglichkeiten.
Generell hänge das Konsumieren von Büchern und Hörspielen daran, inwiefern Eltern es ihren Kindern vorleben. Leseförderung passiert auch digital, in Hattingen und Witten kann dafür die „Onleihe Ruhr“ genutzt werden, in der es über 1000 Jugendbücher und 3000 Kinderbücher als E-Book gibt. „Manche fühlen sich von der digitalen Form abgeholter als Seiten umzublättern,“ so Link. Die Bibliotheken wollen aber mit den analogen Büchern zukunftsfähig bleiben. Und sie haben festgestellt, dass das Medium Buch in analoger Form das beliebteste ist. Und es hat im Rahmen des Sommerleseclubs deutlich die Nase vor den Hörspielen: rund zwei Drittel der Ausleihen machen in Witten die Bücher aus, in Hattingen sind es sogar über 80 Prozent Die Einrichtungen gehen immer wieder auf Anschaffungswünsche ein, um ihren Bestand so aktuell wie möglich zu halten.
Was dem Sommerleseclub sehr hilft, ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Über die Schulen wird das Projekt bekannt gemacht, manche Lehrer regen ganze Klassen zur Teilnahme an. In Hattingen gab es dieses Jahr im Vorfeld eine Schultour, bei der das Projekt in jeder einzelnen Klasse vorgestellt wurde. Zudem animieren sich Kinder untereinander – ein großer Gewinn, von dem alle profitieren. Kreuzer spricht dabei den Punkt der Freiwilligkeit an, auf dem alles basieren soll. Kinder sollen selbst wählen können, was sie lesen oder hören möchten. „Es ist das Wichtigste, dass das Kind ein Buch findet, was es interessiert. Wenn es Spaß macht, lesen die Kinder auch“, weiß sie.
Beliebt waren in diesem Jahr erneut bekannte Buchserien, beispielsweise „Die drei Fragezeichen Kids“, „Gregs Tagebuch“, „Die Schule der magischen Tiere“ oder „Mein Lotta-Leben“. Im Erstlesebereich waren „Die Drachenmeister“ mit vorne dabei. Bei ihrem Angebot orientieren sich die Bibliotheken zudem an Bestseller-Listen für Kinder. Deshalb gibt‘s einen bunten Mix. Mit „Die Nussknacker-Bande“ zum Beispiel etwas Witzigeres, mit „Olympia Magica“ oder „Glim aus dem Ginsterwald“ etwas aus dem Bereich Fantasy oder mit „Willkommen bei den Grauses“ etwas Gruseliges. Ziehen die Bücher die Kinder in ihren Bann, sind die jungen Leserinnen und Leser sowie ihre Eltern teilweise selbst überrascht, wie schnell sie ein kleineres Buch durchgelesen und Lust auf mehr haben. Viele haben am Ende des Sommerleseclubs mehr als drei Stempel in ihrem Logbuch gesammelt. Link hat festgestellt: „Es ist eine bleibende Erfahrung. Der Kontakt der Kinder zur Bibliothek bleibt bestehen. Es entwickelt sich Interesse, weiterhin Bücher zu Lesen.“ Nicht nur innerhalb der Sommerferien. von Hendrik Steimann