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So kann man Fasten modern angehen

Heutzutage gibt es andere Ansätze als Verzicht auf Süßes oder Alkohol. Ein Diakon klärt auf.

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Diakon Andreas Lange

Aktuell läuft die Fastenzeit. Dies nehmen sich einige Personen in den sechseinhalb Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag zum Anlass, auf bestimmte Dinge zu verzichten oder sie einzuschränken. Klassiker sind dabei Süßigkeiten oder Alkohol. Gerade in der heutigen Gesellschaft kann man das Fasten, was einen religiösen Ursprung hat, auf moderne Weise betrachten. Andreas Lange ist Diakon der katholischen Kirche in Witten und gehört dem Team der Seelsorger an. Er befasst sich mit dem Thema.
„Medienfasten ist immer mal wieder im Gespräch. Ich halte das für eine sinnvolle Variante“, sagt er. Es gebe Menschen, die seiner Einschätzung nach ein Stück weit von Medien „abhängig“ geworden sind. Das hat er bereits in verschiedenen Alltagssituationen erlebt. Etwa, als er zu einem Hausbesuch zwecks eines Gespräch einer Taufvorbereitung unterwegs war. „Der Fernseher lief neben dem Gespräch weiter“, berichtet der Diakon. Ein anderes Beispiel, was ihm begegnete: In einem Restaurant saß ein Pärchen und sowohl Frau als auch Mann hatten ihr Handy in der Hand. „Sie haben die ganze Zeit kein Wort miteinander geredet und wahrscheinlich irgendwelche Nachrichten gelesen. Das fand ich erschreckend“, so Lange.

Handy liegt fast immer griffbereit
Generell sei das Handy heutzutage immer griffbereit und wird bei Gesprächen zwischendurch zur Hand genommen, um kurz draufzuschauen. Lange: „Leute führen in dem Moment quasi parallel Gespräche, selbst wenn sie nur mal eben eine Nachricht bei WhatsApp beantworten.“ All dies führe dazu, dass die Konzentration eingeschränkt wird. Das Handy hilft im Alltag bei vielem, alles wird digital und es kann zwischendurch fix etwas geregelt werden. Allerdings zwischen Tür und Angel. Und auch in der Freizeit nimmt es einen großen Zeitraum ein, wenn etwa vor dem Bildschirm gegoogelt, online geshoppt oder durch soziale Netzwerke gescrollt wird. „Die Frage ist: Wie viel Zeit verbringe ich mit dem Konsum im Verlaufe eines Tages? Sind Medien eine Hilfe oder sind sie manchmal auch eher eine Last?“, wirft Lange in den Raum.
Natürlich könne man nun sagen, man schaltet das Handy wochenlang aus. Das würde aber nicht funktionieren und gar nicht praktikabel sein – weil eben einiges über das Mobiltelefon geregelt wird. „Man fastet nicht nur um des Verzichtens willen. Es macht keinen Sinn, sich unter Zwanghaft zu setzen. Alles, was ich dann zu viel tue, kann ins Negative umschlagen“, warnt der Diakon und fügt an: „Letztendlich geht es immer um den Blick auf mein Leben, wo ist zu viel und wo ist zu wenig – und da gilt es, an einer Stellschraube drehen.“ Zudem brauche es das Erfolgserlebnis, dazu seien sechseinhalb Wochen geeignet. Lange sagt: „Ich sollte mir etwas raussuchen, was sinnvoll für mein eigenes Leben ist und gleichzeitig etwas, was anderen dadurch guttut.“
Wie kann das nun funktionieren? „Gerade für junge Leute ist es nicht schlecht, es in einer Gruppe zu versuchen. Man kann sagen: Wir verzichten darauf, ständig nur per WhatsApp miteinander zu kommunizieren. Das sollten mehrere tun, damit ein einzelner nicht als Außenseiter gilt. Die Grenze zum Mobbing ist nämlich sehr eng“, rät Lange. Manches ließe sich einfacher klären, wenn man kurz telefoniert. Der Wittener selbst findet: „Diese Form der Kommunikation ist eine andere und angenehmere. Sicherlich kann ein Telefonat in dem Moment dann länger dauern. Aber bei Textnachrichten kann es auch mal ein paar Tage dauern, bis endlich alles geklärt ist.“
Wichtig ist es, in Zeiten voller Alltage und Dauerstress zu entschleunigen. Ganz nach dem Urlaubsprinzip. Man kann versuchen, das Handy eine Stunde am Tag wegzulegen, um nicht ständig erreichbar zu sein und in die Versuchung zu kommen draufzuschauen. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten. Lange: „Vielleicht führt es dazu, die andere Zeit drum herum auszugleichen und doch genauso lange am Tag mit dem Handy zu verbringen.“ Die Frage sei eher: „Was mache ich mit der gewonnen Zeit? Man könnte Bekannte oder Verwandte persönlich treffen. Die Zeit, die man einspart, kann sinnvoll woanders eingesetzt werden. Dinge, die sonst liegen bleiben, können erledigt werden. Und daraus kann eine gute Routine werden.“ Womöglich ergibt sich auch etwas, woran man Spaß findet und dran bleibt.

Soziale Kontakte pflegen
Bevor das Handy dazu führt, sich ein Stück weit zu isolieren, können sich die „modern“ fastenden Personen mehr draußen bewegen. Entweder zur Selbstfürsorge in Form eines Spaziergangs an der frischen Luft – das geht auch gemeinsam mit anderen Personen. Oder man trifft draußen vor der Tür Nachbarn und unterhält sich einfach mal. „Nachbarn laufen teilweise jahrelang nebeneinander her und kennen sich gar nicht“, merkt Lange an. So entstehen soziale Kontakte oder werden gepflegt und auch andere profitieren. Da kommt nämlich der religiöse Ansatz zum Tragen: Welche Wirkung hat Fasten auf andere? Es geht um Nächstenliebe, die geschenkt wird. In der heutigen Welt kann das wirklich einfach gemeinsame Zeit sein, die sonst kaum möglich ist.
Praktisch gesehen könnte man auch bei den klassischen Ansätzen schauen, wie viel Geld man beim Verzicht auf Süßigkeiten oder Alkohol einspart und die Summe einem wohltätigen Projekt zugutekommen lassen. In der Heimatgemeinde von Lange, St. Franziskus in Heven, wird in der Fastenzeit etwa sonntags ein brasilianisches Gericht zubereitet und zu einem niedrigen Preis angeboten – sodass die Gäste Geld einsparen. Das eingesparte Geld kann gespendet werden und wird der Partnergemeinde in Brasilien in Bacabal übermittelt, die eine Schule mit unterhält.
Ein zwischenzeitliches Fastenbrechen sei übrigens sinnvoll, wenn es hilft. Erneut Stichwort Außenseiter: „Bevor es dazu kommt, kann man in einer Runde doch mal ein Bier mittrinken, es dann aber wirklich dabei belassen. Man kann es anderen dann auch einfacher erklären. Streng religiös betrachtet sind die Sonntage in den sechseinhalb Wochen vom Fasten ausgenommen, man fastet also nur 40 statt 46 Tage“, erklärt Lange. Er betont gleichzeitig: „Wenn man ganz bewusst auf diese Sonntage setzt, nur um sein Fasten zu brechen und den Tag auszunutzen, ist es im Endeffekt aber Selbstbetrug.“ 
Von Hendrik Steimann