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Hattingen

Psychisch chronisch erkrankt

Was Kontakt- und Krisenhilfe erreichen kann.

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Menschen, die Wege aus ihrer Einsamkeit und Isolation suchen oder sich in einer Lebenskrise befinden, können in Hattingen Unterstützung in der Tagesstätte der Kontakt- und Krisenhilfe (KuK) an der Kreisstraße finden. Sie agiert als Verein und begleitet chronisch psychisch erkrankte Menschen dabei, ihre Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben wiederzuerlangen. Seit 2007 gibt es die Anlaufstelle in Hattingen, die Tagesstätte bietet Platz für 15 Personen und kann an fünf Tagen für bis zu sieben Stunden genutzt werden. Das IMAGE-Magazin hat mit Geschäftsführerin Barbara Waldhart und Bereichsleiterin Liv von Hagen gesprochen.

Warum trauen sich viele Leute nicht, über psychische Belastungen oder sogar Erkrankungen zu sprechen?
Barbara Waldhart: Es liegt an der Stigmatisierung, die damit einhergeht. Durch das Outing vieler Prominenter, etwa Comedian Kurt Krömer, können viele offener damit umgehen, wenn sie Depressionen haben. Darüber hinaus gibt es allerdings Erkrankungen, die nicht so bekannt sind. In der heutigen Gesellschaft ist das Bild ausgeprägter, gesund und ausgeglichen zu sein. Aus diesem Rahmen wollen viele nicht fallen. Man muss aber seine eigenen Grenzen erkennen und wahren. Oft fällt es Personen sehr spät auf, das sie diese längst überschritten und Probleme haben.

Wie kann man ihnen das Schamgefühl nehmen und wer kann sie dabei als erstes unterstützen?
Liv von Hagen: Wenn sie zu uns kommen, ist der Punkt erreicht, an dem sie drüber sprechen möchten. Wenn sie Interesse zeigen, schauen wir gemeinsam auf den Anfang, wie sich alles bei den Betroffenen entwickelt hat. Dann klappt es meistens schon. Wichtig ist, Verständnis zu zeigen.
Barbara Waldhart: Die Anforderungen des Lebens werden immer höher. Das überfordert viele, damit ist man aber meistens nicht alleine. Man sollte offen darüber sprechen, zunächst im direkten Umfeld, mit der Familie oder mit Freunden. Das bringt schon viel. Und dann kann man sich an Selbsthilfegruppen wenden.

Ab wann sollte man eine Kontaktstelle oder Hilfsangebote von sich aus aufsuchen?
Barbara Waldhart: Ab dem Zeitpunkt, ab dem die psychische Belastung so groß wird, dass man Gefahr läuft, die täglichen Belastungen nicht mehr bewältigen können. Dann wenden sich womöglich Freunde ab, man gerät in finanzielle Nöte und verliert eventuell sogar seine Wohnung. So weit muss es nicht kommen. Je frühzeitiger Dinge angegangen werden, desto eher können sie geregelt werden und die Betroffenen können sich sortieren.

Wie betreuen Sie Ihre Zielgruppe?
Liv von Hagen: Es hängt von der psychischen Erkrankung der Nutzenden ab. Viele wollen sich erst einmal informieren und einleben. Die meisten sind nur an wenigen Tagen vor Ort, je nachdem, wie sie es zeitlich einrichten können. Derzeit sind viele in Teilzeit da. Das hängt von ihrer psychischen Belastbarkeit und aktuellen Situation ab. Wir schauen individuell und flexibel, was möglich ist.
Barbara Waldhart: Wir schauen, was notwendig und gerade sinnvoll ist, um die Belastbarkeit zu steigern und sie psychisch zu stabilisieren. Wir beobachten, dass die Belastbarkeit der Menschen sinkt. Viele sind sehr instabil. Dazu kommt eine geringe Fähigkeit der Einhaltung von Verbindlichkeiten, was wir bei uns vor Ort immer mal wieder merken.

Was passiert während eines Tages in der Kontakt- und Krisenhilfe Hattingen?
Liv von Hagen: Wir haben einen Wochenplan, der mit den Nutzerinnen und Nutzern gemeinsam entwickelt wird. Es ist wichtig, eine Tagesstruktur hinzubekommen und Alltagssituationen gemeinsam zu meistern, die einzelne selbstständig nicht schaffen. Wir sind aber kein therapeutisches Angebot, sondern ein pädagogisches. Wir fördern durch Angebote wie zum Beispiel der Arbeit in einer Holzwerkstatt oder in unserem Garten zu arbeiten. Wir spielen Gesellschaftsspiele, hören Hörbücher, haben eine Lese- oder Malrunde. Ein Nutzer ist sehr begabt in Kalligraphie und leitet andere an. Diese Stärken nutzen wir, dadurch ergibt sich ein Erfolgserlebnis. Das gab es auch mal, als ein paar Nutzende intern ein Theaterstück aufgeführt haben. Im Rahmen eines Schreibprojekts mit einem Autor ist über Wochen ein kleines Buch für die Gruppe intern entstanden. Es gibt auch mal Ausflüge, in der Adventszeit bieten sich Weihnachtsmärkte an. Wichtig ist uns, dass wir gemeinsam essen, damit die Nutzenden nicht alleine sind. Im besten Falle wird zusammen gekocht oder gebacken, um genau das zu machen, was manche alleine nicht schaffen. Denn zur Struktur eines Essen gehört im Alltag die Planung des Einkaufs, der eigentliche Einkauf, die Vorbereitung des Essens und das Anstellen des Herdes. Struktur ist das A und O, was in einer gemeinschaftlichen Atmosphäre erreicht werden soll.

Inwiefern vernetzen sich die Leute?
Liv von Hagen: Es ergeben sich Konstellationen von Nutzenden, die voneinander profitieren. Damit würde man teilweise gar nicht rechnen. Es gibt Ältere, die viel Lebenserfahrungen mitbringen, auch durch Krankheiten. Jüngere bringen mehr Energie mit. Manche bauen sich ein soziales Umfeld auf, was auch danach noch besteht. Wir haben einmal im Monat sogar ein Ehemaligentreffen.

In welchen Fällen wäre dies womöglich ungünstig?
Barbara Waldhart: Wenn sie sich gegenseitig befeuern würden und sich die Krise vertieft. Dafür haben wir unser Fachpersonal, das dem entgegenwirkt. Es gibt generell Einzelgespräche, um zu schauen, wo die Nutzenden stehen. Jegliche zwischenmenschlichen Beziehungen werden reflektiert. Betroffene bringen aber in der Regel ein hohes Maß an Empathie mit und spüren, was in Situationen angebracht ist und was nicht.

Wie schnell kann bei Betroffenen ein Effekt eintreten und worauf müssen sie sich einstellen?
Liv von Hagen: Es kommt darauf an, welche Ressourcen und Lebenserfahrungen sie mitbringen. Eine Person kam drei Monate lang, ist danach nach England umgezogen und hat dort ohne Probleme studiert. Es gibt ähnliche Menschen, die aber fünf Jahre oder länger brauchen. Manche waren danach zunächst gefestigt, wendeten sich aber nach ein paar Jahren wieder an uns. Und es gibt Menschen, die es gar nicht schaffen oder nur ihren Stand halten können, der sich nicht verschlechtern soll. Jeden Tag aufzustehen und hierhin zu kommen, ist dann schon ein riesiger Erfolg. Von Hendrik Steimann