IMAGE-Gespräch mit Chefarzt Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann.
Prof. Dr. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologie am EvK.
Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann ist Chefarzt der Urologie am EvK Witten und Inhaber einer Professur für Urogeriatrie an der Universität Witten/Herdecke.
Die Urologie ist die medizinische Lehre von den Harnorganen Niere, Harnleiter, Blase und Harnröhre und der männlichen Geschlechtsorgane einschließlich ihrer Anhangsdrüsen und Fortpflanzungsfunktion.
Zum Versorgungsspektrum der Klinik für Urologie am Ev. Krankenhaus Witten gehören operative und konservative Verfahren zur Behandlung von Nieren- und Harnsteinen, Inkontinenz oder Tumorerkrankungen des Harntraktes sowie der männlichen Geschlechtsorgane.
IMAGE: Schon die alten ägyptischen Mumien hatten Blasensteine. Wie kommt es dazu und wie hat man die historisch behandelt?
WIEDEMANN: Blasensteine sind keine eigentlichen Harnsteine wie wir sie heute kennen. Sie entstehen bei einem Abflusshindernis (beispielsweise durch eine vergrößerte Prostata) gerne auch dann, wenn sich eine Infektion hinzugesellt. Martin Luther hatte übrigens Blasensteine, Johann Sebastian Bach auch – diese mussten offen operativ mit Schnitt entfernt werden. In Zeiten ohne moderne Anästhesieverfahren möchte man sich diese „Operation“ gar nicht vorstellen.
IMAGE: Wie kommt es überhaupt zu Nierensteinen?
WIEDEMANN: Nierensteine entstehen in einem sauren Urinmilieu. Dieses ist Folge unserer westlichen Wohlstandsernährung. Viel Protein, wenig pflanzliche Nahrungsmittel. Salopp könnte man einfach sagen, dass Vegetarier eher keine Nierensteine bilden, während es bei „Grillfreunden“ häufiger zu Harnsteinen kommt.
Im veränderten Urinmilieu entstehen Kristalle, die dann typischerweise in den Nierenkelchen zu kleinen Steinen „zusammenkleben“. Solch ein Nierenstein kann jahrelang unentdeckt bleiben, bis er dann plötzlich mit dem Harnfluss über das Nierenbecken in den Harnleiter schwimmt. Er verstopft die kleine Röhre zwischen Niere und Blase und es kommt zu den gefürchteten Koliken.
IMAGE: Ist es so, dass viele Frauen sagen eine Kolik sei schlimmer als eine Geburt?
WIEDEMANN: Und ob. Eine Nierenkolik kann mit leichten Schmerzen, aber auch maximalem Schmerz verbunden sein. Manchmal trifft man Patienten auf der Feuerwehrliege antransportiert an, die sich vor Schmerzen wälzen und nur noch wimmern. Dann ist eine effiziente Schmerztherapie das Gebot der Stunde. Wir verwenden meist Morphinpräparate – also schon starke Schmerzmittel.
IMAGE: Und wie wird dann weiter vorgegangen?
WIEDEMANN: Nachdem der Patient mit Medikamenten schmerzfrei gemacht wurde, wird Ultraschall und zumeist ein Röntgenbild angefertigt. Dieses gibt Auskunft über die Steinlage und die Steingröße. Als Faustregel gilt, dass Steine über 3 mm Durchmesser insbesondere dann, wenn sie noch im oberen Harnleiter stecken, nicht abgangsfähig sind. Sie müssen in diesem Fall instrumentell operativ entfernt werden.
IMAGE: Ist das die sogenannte „Badewannen-Methode“, von der Sie sprachen?
WIEDEMANN: Nein, hier wird in Narkose mit dünnen Instrumenten über die Blase in den Harnleiter vorgespiegelt und ein solcher Stein mit einer Laserfaser zerkrümelt oder aber mit einem Fangkörbchen oder einer Fasszange komplett entfernt.
Der Harnleiter wird – damit er nicht anschwillt – über eine Woche mit einem dünnen Silikonschlauch geschient (sog. „Harnleiterschiene“). Die Badewannenmethode ist eine kontaktfreie Zertrümmerung von Steinen im Körper. Hierbei werden Stoßwellen über ein Wasserkissen in den Körper eingeleitet, die ihr Energiemaximum in dem vorher georteten Stein entfalten und ihn zersprengen. Diese Methode kommt in aller Regel nur für Nierensteine und solche, die eine gewisse Mindestgröße haben, in Betracht.
„Badewanne“ wurden die ersten Steinzertrümmerer der Firma Dornier genannt. Hierbei wurde der Patient in einer Art „Liege“ in einem Wassertank abgesenkt, um ein berührungsfreies Einleiten der Stoßwellen in den Körper zu ermöglichen. Dies war in den 80er Jahren Stand der Technik – heute werden die Stoßwellen über ein Wasserkissen, das mit Ultraschallgel eingerieben an den Körper kommt, eingeleitet.
IMAGE: Gibt es auch Steine, die nicht entfernt werden können?
WIEDEMANN: Im Prinzip kann jeder Stein im Harntrakt entfernt werden. Wir haben die Harnleiterspiegelung zur Verfügung, die Steinzertrümmerung, können aber auch große Nierensteine von außen mit einer Optik in der Niere erreichen oder (selten) offen operativ entfernen. Die Frage ist, ob ein solcher Stein immer behandelt werden muss. Bei hochbetagten und mit vielen Krankheiten behafteten Patienten kann es manchmal sinniger sein, einen Stein, der keine weiteren Probleme macht, einfach dort zu belassen. Dies gilt sicher nicht für infizierte Steine oder aber Steine, die die Nierenfunktion beeinträchtigen. Hier kann es nicht schaden, etwa bei einer urologischen Vorsorgeuntersuchung oder beim Hausarzt einmal einen Nierenultraschall machen zu lassen, um evtl. Risiken zu entdecken.
IMAGE: Was kann man denn nach einer Steinbehandlung vorbeugend tun?
WIEDEMANN: Früher hat man Patienten eine drastische Diät verordnet, bei Steinen, die calciumhaltig waren beispielsweise Käse, Milchprodukte, bei oxalathaltigen Steinen Tomaten, Gemüse, Spinat verboten.
Heute weiß man, dass die Schäden im Stoffwechsel beispielsweise im Hinblick auf den Knochenaufbau eher größer sind als der Nutzen. Eine solche Diät wird heute nur dann vorgenommen, wenn es sich um Patienten handelt, die kurze Zeit hintereinander mehrere Steine bilden und bei denen die Steinart bekannt ist, um eine gezielte Stoffwechselberatung und -abklärung vornehmen zu können.
Ganz wichtig ist, das Trinken von reichlich Flüssigkeit über den Tag verteilt. Insbesondere dann, wenn vermehrt geschwitzt wird, ist es wichtig, den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, denn Steine entstehen immer nur im konzentrierten „dunklen“ Urin.
Vielen Dank für das Gespräch! anja