Im Tierheim Witten-Wetter-Herdecke sind derzeit etwa 40 Hunde untergebracht, dazu Katzen und Kleintiere. Manche werden fix vermittelt – andere verbringen ihr Leben dort.
Tierheim-Leiterin Kirsten Simon mit Benno.
Die Fluktuation im Tierheim ist groß, was ein gutes Zeichen ist. Denn dem motivierten Team gelingt es, vor allem durch starke Präsenz in den sozialen Medien viele Tiere zügig, aber trotzdem sorgfältig in ein neues Zuhause zu bringen. Gleichzeitig ist es auf schwierige Fälle spezialisiert, von denen manche bereits ihr halbes Leben lang in Witten leben. Derzeit sind rund 40 Hunde an der Ardeystraße untergebracht. Hinzu kommen knapp 30 Katzen und ein paar Kleintiere wie Kaninchen. Dazu noch die beiden Ziegenböcke Zeus und Hector.
Auf schwierige Fälle spezialisiert
Katzen und Kleintieren werden recht schnell vermittelt. Im Bereich der Hunde sind es von der Körpergröße her kleinere Vierbeiner, die schneller vermittelt werden. Welpen gibt es nur selten. Am schwierigsten zu vermitteln sind Hunde, die eine Vorgeschichte mit Biss-Vorfällen haben und sichergestellt wurden. Das Tierheim nimmt bewusst solche schwierigeren Fälle auf, was selten in Deutschland ist. „Wir trainieren die Hunde, schauen nach den Problemen und geben sie in die Vermittlung, wenn wir sie recht sicher kennen. Wir kennen oft die Geschichten“, erzählt Simon, die seit 2012 das Tierheim leitet.
Sie weist direkt darauf hin: „Meist ist es bei den Hunden kein Selbstverschulden, sondern falsche Erziehung. Manche Besitzer haben sich Rassen angeschafft, mit denen sie nicht vernünftig umgegangen sind.“ Wer zum Beispiel einen Border Collie hält, muss mehr als eine halbe Stunde am Tag Zeit haben, um mit ihm nach draußen zu gehen, da sich die Rasse auspowern möchte. „Wenn sie nicht ausgelastet und dadurch nicht glücklich sind, fangen sie eventuell an zu beißen. Dann wird behauptet, der Hund ist verhaltensauffällig“, merkt Simon an. Sie weiß: Hunde werden häufig nur nach ihrer Optik ausgesucht.
Manche Hunde werden für die erste Zeit nur mit Maulkorb vermittelt, was abschreckt. „Wir wissen, dass sie sich teilweise mit Beißen durchsetzen, wenn sie sich eingewöhnt haben“, merkt die Tierheimleiterin an. Selbst, wenn es mit einem neuen Zuhause gut aussah, wurden manche Hunde wieder zurückgebracht. Etwa der kleine Münsterländer Benno, der bereits seit 2018 mit zwei Unterbrechungen im Tierheim untergebracht ist und damit schon länger als sein halbes Leben (er wurde im Juni 2014 geboren). Der neun Jahre alte Staffordshire-Terrier-Mix Mavis ist ebenfalls seit 2018 vor Ort. Herdenschutzhund Hugo ist bereits zwölf Jahre alt und wird seit knapp sechs Jahren vom Tierheim betreut, sein Besitzer musste sein Haus verkaufen und konnte ihn in einer kleinen Mietwohnung nicht mehr halten.
Tierarztkosten jährlich über 100.000 Euro
Ihnen sieht man gar nicht an, dass sie früher teilweise mal so heftig zugebissen haben, dass Menschen mit Verletzungen ins Krankenhaus mussten. Viele Tierheime wollen solche Hunde nicht betreuen. „Sie nehmen oft nur die lieben, netten Hunde auf und vermitteln Welpen aus dem Ausland. Ich finde, es ist Aufgabe von Tierheimen, auch mit Hunden zu arbeiten, die Probleme haben. Ich arbeite sehr gerne mit solchen Hunden, weil es meistens sehr tolle Tiere sind, die in der Regel nichts dafür können“, sagt Simon. Die Einnahmen durch die Vermittlung decken die Ausgaben übrigens längst nicht. Allein die jährlichen Tierarztkosten liegen jährlich über 100.000 Euro. Über viele Spenden können Kosten gedeckt werden.
Zudem sind Stadtverwaltungen verpflichtet, Vorkehrungen für Tiere zu treffen, die zum Beispiel gefunden oder sichergestellt werden oder deren Besitzer erkrankt oder verstorben sind. Im EN-Kreis haben neben Witten, Wetter und Herdecke auch Hattingen, Sprockhövel, Breckerfeld und Schwelm einen Vertrag mit dem Tierheim an der Ruhr abgeschlossen und zahlen bestimmte Summen. Als große Stadt ist zudem Wuppertal mit dabei. Das Tierheim verpflichtet sich dadurch gleichzeitig, alle Hunde aufzunehmen.
Viele Vermittlungen über soziale Medien
Viele Tiere werden über die sozialen Medien vermittelt. Die vom Tierheim aufgenommenen Kurzvideos haben eine sehr hohe Reichweite. Die Facebookseite hat 29.000 Follower, auf TikTok folgen dem Tierheim 25.000 Personen und der Instagram-Account hat sogar 64.500 Tausend Follower. Es gibt vereinzelt Videos, die über eine Millionen Mal angesehen wurden. So gab es schon Anfragen aus dem Ausland, etwa aus Österreich oder der Schweiz, wohin viele Tiere vermittelt werden konnten. Nach Österreich sogar mit Balu ein Herdenschutzhund, der viele Jahre in Witten lebte.
Bei manchen Tieren gelingt eine Vermittlung innerhalb weniger Tage. „Früher mussten sie monatelang im Tierheim bleiben, das wollten wir ändern und schaffen es nun“, erzählt Wiebke Blomberg, die dem Verein hinter dem Tierheim vorsitzt und die digitalen Medien füttert. Sie hat sogar mal eine Sicherstellung mitgefilmt. „Wir klären über die Vermittlungsarbeit auf, um Leute zu sensibilisieren“, erklärt Blomberg. Im Januar kam Pudeldame Lina über einen Tierarzt ins Heim, weil ihre Besitzer sie nicht mehr wollten. „Sie sagten dem Tierarzt, dass er sie ja einschläfern kann“, erzählt Blomberg schockiert. Innerhalb von zwei Tagen war die über zehn Jahre alte Hündin in einem neuen Zuhause.
Schwerer werden es Hugo oder Benno haben. Hugo hat mittlerweile einen Tumor. „Er wird wahrscheinlich keinen neuen Besitzer mehr finden. Er hat hier sein Zuhause, es geht ihm soweit gut. Aber wir müssen irgendwann schauen, wann wir den Schritt machen und ihn gehen lassen“, sagt Simon. Von Hendrik Steimann