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Hattingen

Kleine Weilstraße: Vom „Tilly-Haus” und dem „Narrenhäußlein”

Zusammen mit Thomas Weiß, Stadtarchivar in Hattingen, schlägt IMAGE ein historisches Kapitel der Stadt auf. Diesmal geht es um die Kleine Weilstraße, die gerade saniert wird. An ihrer Ecke stand eine der bedeutendsten Druckereien. Doch sie hat noch mehr zu bieten...

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Frühstück der Kriegsveteranen im Trarbacher Hof 1895.

Die Kleine Weilstraße wird gerade saniert. Fast 100 Jahre alte Kanäle müssen ausgetauscht werden. Die Straßendecke stammt aus den siebziger Jahren. An den Kosten von rund 650.000 Euro müssen sich die Anlieger beteiligen. Für die Arbeiten werden rund sieben Monate veranschlagt. Wir werfen einen Blick zurück auf Historisches in der Kleinen Weilstraße.

Die Kleine Weilstraße erhielt ihren Namen durch die Weiler Brücke. Der Legende nach soll um 1625 der kaiserliche General Tilly durch Hattingen gezogen sein. Dabei soll er im Trarbacher Hof an der Kleinen Weilstraße übernachtet haben und dem Haus im Volksmund den Namen „Tilly-Haus“ gegeben haben. Das Haus wurde 1590 errichtet und 1909 unter Denkmalschutz gestellt. Unter dem Vorwand, das Fachwerkhaus sei ein Verkehrshindernis an der Ecke Kleine und Große Weilstraße, wurde es 1954 abgerissen, „um die Kleine Weilstraße zu begradigen und um Platz für den Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses der Familie August Schepmann zu schaffen“, wie Lars Friedrich, Vorsitzender des Hattinger Heimatvereines, herausfand. Noch 1952 schien es eine Chance zu geben, das Gebäude zu sanieren und als Gastwirtschaft fortzuführen, „ zumal sich mit Heinrich Lehthaus ein heimischer Käufer für die Immobilie gefunden hatte und auch der westfälische Landeskonservator „für die Instandsetzung, hauptsächlich des Äußeren, eine Landesbeihilfe“ in Aussicht stellte. 1954 dann wieder eine Wende: Abriss und Wiederaufbau auf dem Flachsmarkt, nachdem die letzten Bewohner – Obdachlose – die heruntergekommene Immobilie verlassen hatten. Warum dieses Hin und Her? Spekuliert wurde damals, dass der finanzkräftige neue Pächter des „Lindenhofes“ an der Heggerstraße sowie andere Innenstadt- Gastronomen Druck auf die Stadt ausübten, damit keine neue Konkurrenz mit Schanklizenz an der Kleinen Weilstraße entstehe“, so Friedrich.
Die Kleine Weilstraße wird auch als Standort des „Narrenhäußlein“ genannt. 1629 war dort der Quacksalber Wilhelm, ein stadtbekannter Rauf- und Trunkenbold, der im Oktober 1629 in alkoholisiertem Zustand die beiden Hattinger Bürgermeister verprügelte und seine Strafe im sogenannten „Narrenhäußlein“ absitzen musste, bevor er zusammen mit seiner Familie die Stadt binnen vierzehn Tagen verlassen musste. Wie der Schandkasten genau ausgesehen hat, ist nicht überliefert. „Wilhelm Mattheisen war Barbier und Quacksalber. Die Bürgerrechte der Stadt hatte er nicht erworben, deshalb konnte er jederzeit ausgewiesen werden“, erzählt Stadtarchivar Thomas Weiß.
Die Kleine Weilstraße war auch Standort der ersten Hattinger Kleinkinderbewahranstalt 1849. Mit der zunehmenden Industrialisierung wurde es immer wichtiger, berufstätigen Eltern die Möglichkeit zu geben, dass Kinder von zwei Jahren bis zum schulpflichtigen Alter unter sorgfältige Aufsicht gestellt wurden. Wilhelmine Cramer begann im November 1849 in einem angepachteten Zimmer der Schreinerei Müller auf der Kleinen Weilstraße mit dem Betrieb.
Eine der bedeutendsten Druckereien der Region, das Verlagsgebäude Hundt am Obermarkt, hatte einen direkten Eingang von der Kleinen Weilstraße aus. Alles fing mit Carl Wilhelm Hundt an, der 1837 eine Buchbinderei gründete. Nur zwölf Jahre später erscheint am ersten März die erste Ausgabe der „Märkischen Blätter“. Jeweils am Mittwoch und Samstag informiert die Zeitung über Neuigkeiten bis sie 1882 in „Hattinger Zeitung“ umbenannt wird. Während des Ersten Weltkrieges erlangt ein Fenster des Verlagshauses Berühmtheit. Aus dem so genannten „historischen Eckfenster“ im ersten Stock verkündete ein Redakteur täglich die aktuellsten Meldungen von der Front. Dr. Rudolf Hundt, letzter Inhaber des Traditionsbetriebes, erinnerte sich in einer Niederschrift an das Verlagshaus am Obermarkt; „Im Erdgeschoss unseres Hauses befand sich, mit der Front zum Obermarkt eine, ‚Kolonialwaren-Handlung’. Die Geschäftsstelle der Zeitung war durch den Hauseingang an der Kleinen Weilstraße zu erreichen.“ Im ersten Stock lebte er mit seinen Eltern und Geschwistern. Und gegenüber der Küche befand sich ein Redaktionsbüro. „Durch den Flur bewegte sich täglich eine nicht geringe Zahl von Besuchern, die zu dem Redakteur wollten“, schrieb Hundt. In dem Büro hing außerdem eines der wenigen Telefone der Stadt. „Wir hatten damals die Nummer 5.“ Heute befindet sich eine Buchhandlung in dem Gebäude.
Am 14. März 1945 fand der schwerste Bombenangriff auf die Stadt Hattingen statt. Der Angriff dauerte 16 Minuten und es fielen etwa 1200 Sprengbomben. Neben 144 Toten und zahlreichen Verletzten gab es starke Zerstörungen im Stadtgebiet, unter anderem auch in der Kleinen Weilstraße.
1972 wird die autofreie Fußgängerzone um den Bereich Krämersdorf, Untermarkt und Kleine Weilstraße erweitert. In jüngster Zeit machte die Straße 2015 durch die Aufstellung eines der Stadttore von sich reden. anja