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Hattingen

Kann das alte Zeug jetzt weg?

Zusammen mit den Stadtarchivaren Thomas Weiß und Sabine Krämer besuchen wir in der Serie 
„Historische Orte“ alte Gebäude & Plätze.

Gruppenbild

Im Hattinger Stadtarchiv: Stadtarchivar Thomas Weiß, seine Nachfolgerin Sabine Krämer und Stadtarchiv-Mitarbeiterin Susanne Geertsen.

Zum 1. März trat die Historikerin Sabine Krämer (57) die Nachfolge von Stadtarchivar Thomas Weiß an, der zum 30. Juni in den Ruhestand geht. Beide kennen sich durch eine langjährige Zusammenarbeit in zahlreichen Projekten, unter anderem zu den Themen Zwangsarbeit, NS-Geschichte und Erinnerungskultur in Hattingen und der Region. Sabine Krämer lebt in Bochum-Linden, studierte an der RU Bochum Geschichte, Slawistik und Philosophie. Sie arbeitete viele Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der historischen Fakultät der Uni Bochum sowie als freiberufliche Historikerin für viele verschiedene Archive. 
Unter anderem recherchierte sie für „Porta Polonica“, der digitalen Dokumentationsstelle polnischen Lebens in Deutschland, und war beteiligt an der Entwicklung der Stele in Linden als Teil vom Stelenweg „Jüdisches Leben in Bochum und Wattenscheid“. Das Hattinger Stadtarchiv hat etwa 1200 historische Anfragen pro Jahr. Stadtarchiv-Mitarbeiterin Susanne Geertsen wird bei jährlich sechzig Erbenermittlungen tätig. Jährlich finden rund dreißig Veranstaltungen mit Vorträgen, Führungen, Radtouren und Stolperstein-Aktionen statt.

Fast jeder Mensch hat ein persönliches Archiv. Von der Geburtsurkunde über das Familienstammbuch bis hin zu Zeugnissen wird aufbewahrt, was zum Nachweis von Identität und Befähigungen notwendig ist. Was für Personen gilt, ist auch ein Thema für Städte. Wer etwas darf und wer Recht hat, muss das nachweisen. Geschrieben auf altem Pergament oder digital erfasst – irgendwo muss „das alte Zeug“ zum Nachweis für die Nachkommen und die Rechtslage aufbewahrt werden. „Das alte Zeug“ kann eben nicht einfach weg. 
In Hattingen gab es bereits im Alten Rathaus ein Archiv. Im Laufe der Zeit wurden Stadtarchive Pflichtaufgaben der Städte und per Gesetz als solche definiert. Das Stadtarchiv in Hattingen war in den 30er Jahren in der Bahnhofstraße 20 und wanderte im Jahr 1994 nach Welper in das Gemeindeamt und 2013 von dort in die frühere Grundschule Rauendahl, die 1976 gebaut und 2012 aufgegeben wurde. Helmut Fischer war ab 1967 der erste hauptamtliche Stadtarchivar in Hattingen und Vorgänger von Thomas Weiß, der 1986 von ihm diese Aufgabe übernahm.

DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
Im Stadtarchiv befinden sich heute über 600 Regale Archivmaterial. Das sind 2,5 Regalkilometer. Ein Regalmeter ist einen Meter breit, 40 Zentimeter tief und 30 Zentimeter hoch und es passen neun Archivkartons hinein. Würde man alle Materialien aneinanderreihen, so reicht die Aktenkette heute vom Stadtarchiv bis zum Hattinger Rathaus. 450 unterschiedliche Bestände von Urkunden über Vereinsarchive bis zur Stadtgeschichte werden hier aufbewahrt. Das älteste Dokument im Archiv ist eine mittelalterliche Urkunde auf Pergament aus dem Jahr 1352, wo man noch den Haaransatz des Tieres erkennen kann, aus dem das Pergament gefertigt wurde. Tausende von Akten, 10.000 Fotos (davon 8000 zusätzlich in digitaler Form), 4000 Plakate und hunderte von Landkarten sowie die Lokalpresse ab 1840 lagern in den Regalen. Auch die IMAGE wird selbstverständlich archiviert. 
Die analogen Materialien mussten und müssen vor Feuchtigkeit geschützt werden. Bei den zusätzlich digital archivierten Unterlagen (die einfacher für jeden, wo auch immer er lebt, zugänglich gemacht werden können) muss sichergestellt sein, dass sie mit den passenden Programmen noch in Jahrzehnten lesbar sind. Der Aufbau eines digitalen Langzeitarchivs gehört deshalb zu den Zukunftsaufgaben. Trotz der Digitalisierung muss das Original jedoch im Bestand verbleiben. So will es das Archivgesetz, welches die Archivierung des Materials im Entstehungszustand vorschreibt. Der Vorteil liegt darin, dass jeder im Original erkennen kann, ob das Dokument verändert wurde. In Zeiten von Fake-Nachrichten ist dies bei digitalen Dokumenten schwierig. 
„Wir haben die Aufgabe, zu bewahren, zu erschließen, zu erforschen und das archivierte Material zugänglich zu machen. Archive sind in demokratischen Gesellschaften für jeden öffentlich. Sie sind identitätsstiftend, machen Heimat erlebbar. Wer wenig von seinen Vorfahren weiß, findet in Archiven seine Wurzeln. Wer die Vergangenheit kennt, versteht Gegenwart und Zukunft. Das Stadtarchiv steht in der Mitte unserer Stadtgesellschaft. Und genau da gehört es auch hin“, sind sich Stadtarchivar Thomas Weiß und Sabine Krämer einig. 
Von Dr. Anja Pielorz