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Hattingen

HISTORISCH: Hattinger Strom für die großen Städte in der Region

Zusammen mit Stadtarchivar Thomas Weiß besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ die alten Gebäude und Plätze. Thema heute: Das Gemeinschaftswerk.

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Das Foto aus dem Jahr 1912 zeigt den Bau des Gemeinschaftswerkes.

Um 1900 wurde immer deutlicher, dass die Industrialisierung die Städte vor große Herausforderungen stellte. Notwendig wurde der Ausbau der Infrastruktur mit einer geregelten Versorgung von Strom und Wasser. Immer mehr Industrie bedeutete vor allem immer mehr Strom. Doch woher sollte die Energie kommen?

DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
1910 kam es zu einem Vertragsabschluss zwischen der Stadt Barmen und der Elektrizitätswerk Westfalen AG in Bochum über die gemeinsame Gesellschaft „Gemeinschaftswerk Hattingen.“ Durch den gemeinschaftlichen Neubau und den Betrieb versprach man sich eine höhere Wirtschaftlichkeit. Der Spatenstich erfolgte am 1. Oktober 1911. 390 Bauarbeiter waren an dem Großprojekt beteiligt, welches schon ein Jahr später fertig war – inklusive Gleisanschluss zum Hattinger Bahnhof. Am 23. November 1912 lieferte das Steinkohlenkraftwerk erstmals Strom. Die Kapazität war durch Leitungserweiterungen schnell in der Lage, auch die größeren Städte im Hattinger Umland mit immer mehr Strom zu versorgen. 
1925 wurde das Gemeinschaftswerk in eine GmbH umgewandelt. Eigentümer waren die Stadt Barmen und die Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen GmbH (VEW). Vier Jahre später entstand eine ganz besondere Hattinger Luftbrücke. Eine Seilbahn zwischen der Zeche Alte Haase in Sprockhövel und dem Hattinger Gemeinschaftswerk ging in Betrieb. Mit ihr wurde die Kohle hoch über den Köpfen von Menschen und Gebäuden zum Gemeinschaftswerk transportiert. Das ging übrigens nicht ohne Proteste ab. Vor allem die Landwirtschaft war dagegen und befürchtete Schäden durch herabfallende Kohle. Daran erinnert sich übrigens auch der Hattinger Heimatforscher Harri Petras, der von Vorfällen zu berichten weiß, bei dem der Kohlentransport in Kübeln auch schon einmal für einen privaten Abtransport der Kohle in den heimischen Keller genutzt wurde. 
Im Zweiten Weltkrieg kam es zu Angriffen auf die Infrastruktur. Bis heute kann man in aktuellen Kriegskonflikten auf der Welt immer wieder erleben, dass die kritische Infrastruktur ein Angriffsziel ist. Am 21. März 1945 kam es zu einem schweren Angriff auf die Gottwaldwerke, den Hattinger Bahnhof und das Gemeinschaftswerk. Am 12. April 1945 wurden die Werksanlagen des Gemeinschaftswerkes so stark beschädigt, dass die Stromversorgung erst eine Woche später nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wieder aufgenommen werden konnte. 
1949 begannen die Bauarbeiten an der neuen Hochdruck-Vorschaltanlage des Gemeinschaftswerkes. Ein sechzig Meter hoher Kamin wurde errichtet und am 20. Juli 1950 durch die Anwesenheit des legendären Grafen Luckner mit einem Richtfest gefeiert. Luckner war ein Seeoffizier, dem bärenstarke Kräfte nachgesagt wurden. Angeblich konnte er ein dickes Telefonbuch mit bloßen Händen zerreißen. Am 30. Mai 1964 fand die letzte Fahrt der Seilbahn „Alte Haase-Gemeinschaftswerk“ statt. Die Zeche wurde 1969 endgültig geschlossen, im Gemeinschaftswerk Hattingen wurde die Stromerzeugung am 26. Juni 1984 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Ein Jahr später wird der Schornstein gesprengt. 1986 nimmt die VEW eine Schalteranlage auf dem Gelände in Betrieb zur Versorgung des EN-Kreises und der Wuppertaler Stadtwerke mit Strom. Das Gemeinschaftswerk wird zwischen 1990 und 1991 abgerissen. Die Gesellschaft des Gemeinschaftswerkes besteht jedoch bis heute und befindet sich im Eigentum der RWE Power AG und der Wuppertaler Stadtwerke GmbH. Das Unternehmen ist mit zwölf Prozent an der Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH in Hamm beteiligt, deren Aufgabe der sichere Einschluss des Kernkraftwerks in Hamm ist (Stadt Wuppertal, 10.12.2024).
Von Dr. Anja Pielorz