Witten

Herbeder favorisieren Südvariante – Weiterhin Proteste

Verschwunden ist das Schreckgespenst vom isolierten und damit absterbenden Stadtteil...

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Im Gegensatz zur „Nordvariante“ verstellt die von Bürgern favorisierte „Südvariante“ (rot) nicht den Blick auf Haus Herbede. Bei einem parallelen Versatz der neuen Brücke würde die Straße kurz vorm Kreisverkehr (links) auf die alte Verkehrsführung (gelb) stoßen. Der „Arbeitskreis Herbeder Brückenneubau“ hat mit allen Grundstücksbesitzern auf Herbeder Seite gesprochen, die von einer kompletten südlichen Parallelbaulösung vor einem Brückenabriss betroffen wären. Alle Besitzer signalisierten Gesprächsbereitschaft

Der „Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen“, der sich gerne „Straßen.NRW“ nennt hatte gesprochen: Während des längst fälligen Baus einer neuen Brücke nach Herbede bleibt der Stadtteil abgeschnitten. Die alte Brücke wird an gleicher Stelle durch eine neue ersetzt. Das haben sich die Herbeder nicht gefallenlassen.
Die „alternativlose“ Sperrung war schnell vom Landestisch, als engagierte Herbeder ­– eine Etage höher – dem Landesverkehrsministerium ihre Sorgen schilderten. Dem Straßenbaubetrieb kam danach schnell die Erleuchtung, dass es sehr wohl eine Alternative gäbe, und zwar ein Neubau neben der alten Brücke, die bis zum Abschluss der Arbeiten weitgehend befahrbar bleibt. Nicht nur die Herbeder atmeten auf, auch alle Auswärtigen, die irgend etwas mit dem Vorort zu tun haben; verschwunden ist das Schreckgespenst vom isolierten und damit absterbenden Stadtteil. Eindeutiger Favorit, unter anderem der Mitglieder von „Bürgerkreis Herbede“, „Heimatverein Herbede“ und „Werbegemeinschaft Herbede“, ist die sogenannte „Südvariante“, also ein „Parallelbau“ direkt neben der alten Brücke auf der Seite der Lake-Brücke. Diese Antwort kam vom Landesbetrieb: „Selbstverständlich stimme ich Ihnen zu, dass die Bautätigkeit (...) zu Belastungen für die Bürgerschaft führen wird. Mit Unterstützung des Verkehrsministeriums ist nun aber eine Variante bestimmt worden, (...) um die Belange der Stadt Witten bzw. des Ortsteils Herbede bestmöglich zu berücksichtigen.“

Parallelbauweise
Und diese „Variante“ ist – Überraschung – gerade nicht die gewünschte, sondern: „Eine Parallelbauweise auf der Südseite der bestehenden Ruhrbrücke wurde zunächst auch von Straßen.NRW erwogen. Eine vertiefte Machbarkeitsstudie hat aber die Vorzugsvariante ,Neubau in nördlicher Seitenlage‘ ergeben.“
In welche Tiefen die Landesleute hinabsteigen mussten, um sich an ihrer „Nordvariante“ festzubeißen, wird in dem Antwortschreiben überhaupt nicht eingegangen. Stattdessen wird der Vorschlag des Arbeitskreises, zur Entlastung des Herbeder Ortskerns einen Brückenabzweig zur Von-Elverfeldt-Allee für den Schwerlastverkehr einzurichten als nicht sinnvoll angesehen. Der von vielen Herbedern als Königsweg eingeschätzte Bahnübergang statt Omegabrücke wird als unzulässig eingestuft, obwohl das Eisenbahnkreuzungsgesetz vereinzelte Ausnahmen zulässt.

Erhebliche Abänderungen
Der eigens gegründete „Arbeitskreis Herbeder Brückenneubau“ ist gegen die „Nordvariante“ und zieht sie nur mit erheblichen Abänderungen in seine Planungen ein, und zwar unter anderem mit einem Abzweig für Schwerlastverkehr vor den Bahngleisen und einer Freistellung von Haus Herbede. Der Arbeitskreis regt ferner die Einrichtung einer Bürgerwerkstatt zur Festlegung einer für alle Interessen optimalen Brückenbaulösung an.
Die nördliche Ruhrquerung endet direkt vor Haus Herbede, um dort wieder auf die alte Trasse einzuschwenken. Um diese Brückenführung zu ermöglichen, „versinkt“ Haus Herbede hinter einem neu erstellten Berg aus Abböschungen. Mit dieser Neubaulösung ist der Arbeitskreis Herbeder Brückenneubau nicht einverstanden. In einem Rückschreiben an Straßen-NRW hinterfragt der Kreis die neue Variante und bittet um Erklärungen, warum viele konstruktive Vorschläge der Herbeder Bürgerschaft nicht berücksichtigt wurden: „Die Bemühungen konnten eine langjährige Sperrung der Herbeder Brücken verhindern. Vom Landesministerium wurde ein geändertes Neubaukonzept vorgegeben mit einer vor Abriss neu zu erstellenden Ruhrbrücke in Parallellage und einer anschließenden abrissbedingten Sperrung der Omegabrücke über einen Zeitraum von rund einem Jahr.“

Kommentar von Thomas Strehl:

Der Landesbetrieb scheint mir eine typische Ausgeburt bürokratischen Wildwuchses zu sein: uneffektiv und offenbar nur durch höhere Einwirkung kontrollierbar. Kurzum: Er legt mit seiner Vorgehensweise öffentliches Leben lahm durch unnötiges Verzögern der Arbeiten, teils jahrelang, und durch unnötige Straßensperren. Das kostet Geld, vor allem durch die Belastung der Allgemeinheit mit schier endlosen Staus während der Arbeiten, durch die Folgekosten von Schließungen meist kleiner Betriebe wegen schlechter Erreichbarkeit und vor allem durch die „Kollateralschäden“ der zahllosen Verspätungen von Mensch und Ware. Mit graut’s schon, wenn der Betrieb mit dem Brückenbau auch die Straßen längs der Ruhr zwischen Herbede und Wetter erneuert, übersichtliche sechs bis sieben Kilometer davon. Das wird wohl ein Jahrhundertwerk.