Die Karte, mit der Engagierte bei mindestens fünf Stunden ehrenamtlichem Einsatz pro Woche Vergünstigungen erhalten, wird kaum eingesetzt. Manche Anbieter gibt‘s nicht mehr.
Die Ehrenamtskarte gibt es seit 15 Jahren in Witten. Sie wurde zentral über das Land Nordrhein-Westfalen eingeführt, um besonders engagierte Personen zu belohnen, die in Vereinen und Verbänden ihren Einsatz für die Gesellschaft zeigen. Voraussetzung: Fünf Stunden ehrenamtlicher, unentgeltlicher Einsatz pro Woche oder 250 Stunden im Jahr. In Witten wird die in gelb-goldener Farbe gehaltene Karte über die Freiwilligenagentur Fokus des Caritas-Verbandes bei entsprechendem Nachweis ausgegeben. Eine Umfrage des IMAGE-Magazins hat allerdings ergeben, dass sie kaum in Anspruch genommen wird oder gar nicht bekannt ist.
In all den Jahren sind 182 Karten ausgegeben worden. Das ist im Vergleich zu umliegenden und kleineren Kommunen sehr wenig. Und seit einiger Zeit wurden keine Aktualisierungen vorgenommen. Denn: Das von der Verwaltung aus zuständige Seniorenbüro hatte zuletzt keinen Kontakt zu den Rabattgebern. Nach Auskunft der Stadt ist der bislang zuständige Mitarbeiter seit Ende 2025 im Ruhestand. „Die Aufgabe haben wir aber noch auf der Agenda. Sobald die Nachfolge geregelt ist, werden wir auf die Caritas zugehen, um das Thema Ehrenamtskarte zu besprechen“, teilt die Verwaltung auf Anfrage mit.
Angaben auf Seite des Landes NRW veraltet
Eine Liste der Rabattstellen, die offiziell über die Landesregierung NRW auf eigenen Portal unter dem Punkt „Ehrensache NRW“ aufgeführt ist, ist sehr veraltet. Manche Stellen gibt es längst nicht mehr oder Telefonnummern sind nicht mehr geschaltet. Drei Standorte der Getränke Arena wurden etwa geschlossen und am verbleibenden am Salinger Feld gilt das Angebot nicht. Auch der ehemalige Nisa-IT-Service an der Crengeldanzstraße steht noch dabei. Genauso das Geschäft Chickys Accessoires, es wurde aber nur bis 2017 von Angelika Leclaire in Herbede betrieben. Sie erinnert sich, dass die Karte bei ihr nie vorgezeigt wurde. Maleeq‘s Hair Lounge hatte sich vor über zehn Jahren mal beteiligt, aber nach Auskunft des Geschäfts nur für ein Jahr – und eigentlich nur über eine Groupon-Aktion.
Die Freiwilligenagentur hat keine aktuelle Liste der Anbieter in Witten. „Leider haben wir keinen direkten Kontakt zu den Ehrenamtlichen und auch keinen Einfluss auf die Vergünstigungen. Es ist bedauerlich, dass die Ehrenamtskarte nicht weitverbreitet und bekannt ist“, sagt Enise Göktepe, Koordinatorin für das Ehrenamt. Sie weiß: „Es sind meistens Rentner, die ehrenamtlich aktiv sind. Es wäre etwas Tolles, sie und alle anderen noch mehr unterstützen zu können. Es klingt vielleicht nicht viel, wenn es irgendwo fünf oder zehn Prozent Rabatt gibt. Aber genau den Rabatt haben sie sich durch ihren Einsatz verdient. Wir würden uns freuen, wenn es in Witten noch mehr Stellen geben würde.“
Die Stadtverwaltung war vor vielen Jahren mit denjenigen Stellen in Kontakt getreten, die sich beteiligt haben oder dies weiterhin tun. Es sei laut Freiwilligenagentur wünschenswert, sich weiter für die Vergünstigungen einzusetzen und die Auswahl der Möglichkeiten umfangreicher zu gestalten. Die Idee, bestimmte Organisationen und Einrichtungen über die Karte zu informieren, um auf die Karte hinzuweisen, bestehe laut Göktepe. Sie wünscht sich, dass in Vereinen die Ehrenamtlichen auf die Möglichkeit der Ehrenamtskarte aufmerksam gemacht werden, damit es noch mehr Nutzende gibt und die Rabattgeber auch wirklich angelaufen werden. Geschäfte, Cafés oder andere Unternehmen, die Vergünstigungen anbieten möchten, können sich laut Stadt per E-Mail bei Wilfried Braun melden (senioren@stadt-witten.de).
Viele kennen die Ehrenamtskarte nicht
Mit dabei ist unter anderem der Hutsalon von Bärbel Wolfes-Maduka. Sie gewährt fünf Prozent Ermäßigung auf ihre Ware. „Ich beteilige mich, weil ich die Leute ehren möchte, die ein Ehrenamt ausüben. Die Vereinskultur geht aktuell ein bisschen den Bach herunter, das ist sehr schade“, sagt die Betreiberin. Sie überlegt sogar, den Rabatt von fünf auf zehn Prozent zu erhöhen. Bislang hat aber kaum jemand die Karte vorgezeigt. So auch in der Goldschmiede Marx: Inhaber Matthias Hauber kann sich in den rund zehn Jahren nur an ein einziges Mal erinnern, er bietet ab einem Einkauf über 100 Euro zehn Prozent Rabatt an. „Vielleicht sollten zusätzliche Aufkleber an die Rabattgeber verschickt werden, die sich beteiligen“, überlegt er. In andern Städten gibt es das, sogar Aufsteller. „Die Angebote und die Karte selbst müssten für die Ehrenamtlichen mehr publik gemacht werden“, so Hauber.
Jemand, der das Ehrenamt ebenfalls unterstützen möchte, ist Michael Kapmeyer. In seiner „Naturtuche“ an der Steinstraße 7 gibt es zehn Prozent Ermäßigung auf alle Stoffe und Garne. In den vergangenen fünf Jahren kann er sich jedoch nur an eine einzige Kundin erinnern, die eine Ehrenamtskarte nutzte. Der Großteil seines Geschäfts geschieht online. Am besten können Kunden vorher telefonisch einen Termin absprechen, sonst ist der Laden nicht immer geöffnet. „Ich unterstütze das Ehrenamt gern, es ist total wichtig und wir brauchen es“, betont Kapmeyer. Er schätzt mit Blick auf die selten vorgezeigten Ehrenamtskarten: „Viele sagen: Ich würde es trotzdem machen und nicht nur wegen der Karte. Das Dankeschön erhalten sie auf anderen Wegen.“
Häufige Nutzung bei Zeche Nachtigall
Eine Stelle, an der regelmäßig Ehrenamtskarten – auch von verschiedenen Personen – vorgezeigt werden, ist das LWL-Museum Zeche Nachtigall. Im Kassensystem ist sogar ein eigener Befehl vermerkt. Nach Auskunft des Museums wird eine Karte etwa fünf Mal pro Monat vorgezeigt. Zudem werden den Besuchern vor ihrem Besuch auch die verschiedenen Rabattmöglichkeiten aufgezählt, um darauf hinzuweisen. Das Kassenpersonal hat den Eindruck, dass vielen die Karte nichts sagt und die Gäste sich freuen, darüber die Info zu erhalten, weil sie selbst mitunter ehrenamtlich aktiv und somit als Inhaber berechtigt sind. Die Freiwilligenagentur begrüßt es, wenn die Rabattgeber explizit auf die Ehrenamtskarte hinweisen. Selbst nach 15 Jahren soll und muss der Bekanntheitsgrad steigen.
Von Hendrik Steimann