Wohnprojekt der Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen will mitten in der Stadtgesellschaft sein.
Vor Ort (v.l.): Rainer Bücher (Geschäftsführung), Dr. Klaus Walterscheid (Vorsitzender Kuratorium Stiftung Lebenshilfe) und Daniel Krieter (Geschäftsführung und zukünftiger Nachfolger von Rainer Bücher).
Endlich – die erste eigene Bude! Für viele junge Leute ist das ein besonderer Augenblick in ihrem Leben, den sie nie vergessen. Das gilt auch für junge Menschen mit einem geistigen Handicap. Aber für sie ist es deutlich schwieriger, auf (fast) eigenen Füßen zu stehen. Der Spagat zwischen Betreuung und Hilfe auf der einen Seite und dem Wunsch nach einem möglichst eigenständigen Leben ist groß. Für 16 junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren wird er im Herbst 2027 deutlich kleiner werden, denn sie ziehen bei ihren Eltern aus in ein neues betreutes Wohnprojekt der Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen mitten in den Ortskern von Niedersprockhövel.
Das alte Gebäude stand schon eine Zeit lang leer. Fast alle Sprockhöveler kennen es, beherbergte das Haus doch früher die Elektrogeschäfte Schöneborn und später Seyock, der sich jetzt mit seinem Fachgeschäft gegenüber befindet. Bauherr ist die Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen und es dauerte etwas, bis die Bagger nun rollen können. Geschäftsführer Rainer Bücher erzählt: „Ich bin Sprockhöveler, habe in der Friedrichstraße gewohnt. Und als ich hörte, dass das Gebäude von Schöneborn zum Verkauf steht, da wusste ich sofort: Das ist es! Ich freue mich sehr, dass es nun losgeht. Es wird ein nachhaltiges Gebäude in Holzbauweise entstehen mit einer passenden Front zur Hauptstraße und nach hinten mit Laubengängen und einem Atrium, damit die Bewohner draußen viel Gemeinschaft erleben können. Zur Hauptstraße hin soll es einen Veranstaltungsraum geben, der auch vermietet werden kann – beispielsweise an Vereine. Hier möchten wir auch Vorträge anbieten.“ Rainer Bücher wird zum Jahresende in den Ruhestand gehen, aber: „Dieses Herzensprojekt begleite ich, bis die Gardinen hängen“, lacht er. Sein Nachfolger, der natürlich schon jetzt in das Projekt eingebunden ist, steht schon fest: Daniel Krieter wird seine Aufgaben übernehmen.
Sechzehn junge Menschen ziehen hier ein
Doch für wen wird hier gebaut? Es wird 16 Apartments geben, alle etwa 35 Quadratmeter groß und einige von ihnen sogar mit einem kleinen Balkon ausgestattet. Alle Apartments haben Kochmöglichkeiten, aber es gibt auch eine große Gemeinschaftsküche. Die Apartments mit Wohn- und Schlafbereich sowie Bad können individuell eingerichtet werden. „Wer hier einzieht, den lernen wir vorher durch Hausbesuche und gemeinsame Veranstaltungen kennen. Alle zukünftigen Bewohner kommen aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis, einige von ihnen aus Sprockhövel. Wer hier einzieht, hat eine gewisse Eigenständigkeit. Er kann mit Hilfe einkaufen und ist in der Lage, in Notsituationen eigenständig Hilfe zu holen. Alle Bewohner gehen arbeiten und haben das Potenzial, mit Hilfe noch Dinge zu lernen – zum Beispiel, was man für wieviel Geld beim Einkaufen bekommt“, erklärt Daniel Krieter. „Dieses Wohnprojekt ist kein Wohnheim. Es geht hier nicht um Pflege und Nachtwache, sondern um betreutes ambulantes Wohnen“, ergänzt Rainer Bücher. Die Betreuung wird finanziert über den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), das Gebäude selbst entsteht als sozialer Wohnungsbau mit entsprechenden Förderungen. Die zukünftigen Bewohner zahlen Miete, können sich die Kosten aber in der Regel über Wohngeld oder andere finanzielle Hilfen im Rahmen des Bundesteilhabegesetzes zurückholen.
Gespräche mit den zukünftigen Bewohnern gibt es schon. „Beispielsweise werden Menschen mit Trisomie 21 (umgangssprachlich Down-Syndrom) hier leben. Sie brauchen Hilfe, aber sie haben die Perspektive, viele Dinge lernen zu können. Sie werden eigenständig ihr Apartment öffnen und schließen können und an der Gemeinschaft teilnehmen, wenn sie es möchten“, so Bücher. „Bei den Gesprächen werden wir oft gefragt, ob sie auch ihre Poster aufhängen dürfen und eigene Möbel mitbringen können – selbstverständlich. Es soll ja ihr eigenes Apartment sein“, so Krieter.
Das wird aufregend. Für die Bewohner, für ihre Familien – die sie natürlich regelmäßig besuchen und unterstützen – und auch für die Lebenshilfe, denn das ist schon ein ganz besonderes Projekt.
Während das Gebäude mithilfe von Fördermitteln finanziert ist, sieht das bei dem Atrium anders aus. „Den Innenhof müssen wir selbst stemmen und das ist besonders wichtig, weil er die Seele des Hauses wird. Jedes Apartment hat über den Laubengang Zugang zum Innenhof und hier soll Gemeinschaft lebbar sein. Zur Finanzierung von Ideen, die wir nicht über eine Förderung realisiert bekommen, sind wir auf Spenden angewiesen. 2005 wurde deshalb die Stiftung Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen ins Leben gerufen“, berichtet Dr. Klaus Walterscheid. Der ehemalige Bürgermeister von Sprockhövel ist Vorsitzender im Stiftungskuratorium. Wer das Projekt in Niedersprockhövel finanziell unterstützen möchte, kann dies gerne tun.
„Im Laufe der Bauphase werden wir natürlich immer wieder über die Fortschritte berichten. Alle sind sehr gespannt und viele kennen das Haus ja auch. Aufgrund der zentralen Lage an der Hauptstraße in Niedersprockhövel kann man jeden Fortschritt gut beobachten. Und wenn alles fertig ist und die Bewohner eingezogen sind, dann sind wir mit diesem Projekt mitten in der Stadtgesellschaft angekommen“, freut sich Rainer Bücher. Und wenn die jungen Bewohner dann mal keine Lust auf eigenes Kochen haben – gegenüber und nebenan locken Pizza, Brötchen und Kuchen. Man ist eben mitten „im Dorf“.
Von Dr. Anja Pielorz