Zusammen mit Stadtarchivar Thomas Weiß besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ alte Gebäude und Plätze. Thema heute: Die Königliche Gewehrfabrik an der Ruhrbrücke.
Hattinger Gewehrfabrik bei Hochwasser.
Nach der endgültigen Niederlage von Napoleon in der Schlacht bei Waterloo 1815 wollte man nur noch eines: Besser gerüstet sein, denn der Krieg hatte lange gedauert und der Sieg war schwer errungen. Daher genehmigte das Kabinett die Gewehrfabrik Saarn/Hattingen. Der in Essen ansässige Fabrikant Sylvestre Trenelle kaufte die Weiler Mühle an der Hattinger Ruhrbrücke und die alten Mühlenanlagen wurden zu einem Hammer-, Bohr- und Schleifwerk umgebaut. Zwei Jahre später wurde die Gewehrfabrik fertiggestellt.
DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
Die Hattinger Produktionsstätten bestanden aus zwei räumlich getrennten Bereichen. Direkt am Wehr, am nördlichen Ufer der Ruhr, befanden sich die Bohr, Hammer- und Schleifmühlen. Die Schmiede und das Magazin, welches später als „alte Gewehrfabrik“ bezeichnet wurde, lagen östlich der Ruhrbrücke, etwa am heutigen Campingplatz Stolle. Doch es gab ein großes Problem: In Hattingen gab es zwar Schmiede, doch diese hatten von der Herstellung der Waffen nur wenig Ahnung. Also heuerte man rund achtzig bis neunzig belgische und französische Gewehrfacharbeiter an, die in Hattingen ihren Dienst versehen sollten. Doch das verursachte die nächste Herausforderung: die Facharbeiter kamen nicht allein, sie brachten ihre Familien mit und alle sprachen nur französisch. Vor allem für die Kinder, die ja unterrichtet werden mussten, brauchte es eine Lösung. Daher beantragte der Aufseher der Gewehrfabrik, Gill Leblond, 1822 für die katholische Gemeinde einen Hilfsgeistlichen einzustellen, der der französischen Sprache mächtig sei und die etwa sechzig Kinder der belgischen und französischen Gewehrfabrikarbeiter unterrichten konnte.
Die Franzosen lebten sich ein. Gill Leblond, 1829 bereits Bohrmeister der Gewehrfabrik, wollte auf dem Platz des ehemaligen Schleifkottens der Gebrüder Kratz eine Bohr- und Schleifmaschine für Gewehre anlegen. Auch ein Eisenwalzwerk und eine Mahlmühle sollten entstehen. 1840 kündigte das Kriegsministerium den Vertrag mit Sylvestre Trenelle. Die Gewehrfabrik wurde verstaatlicht.
Die Ruhr machte der Produktion immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Der unterschiedliche Pegelstand sorgte immer wieder für Hochwasser. 1844 erfolgte im Frühjahr infolge Eisganges ein Durchbruch des Hattinger Wehres. Während der Instandsetzungsarbeiten musste die Arbeit in den Mühlenanlagen der Gewehrfabrik ruhen. Ausbaggerungen sollten in den nachfolgenden Jahren für eine ausreichende und vor allem regelmäßige und kontrollierte Wasserzufuhr sorgen und damit die Produktion zuverlässig machen. Die Erfolge stellten sich jedoch nicht ein. Daher beschloss man schließlich, die Gewehrfabrik in Hattingen an der Ruhr aufzugeben und stattdessen nach Erfurt zu verlagern. Dieser Vorgang wurde 1862 abgeschlossen. Im gleichen Jahr wurden die Hattinger Gebäude an die Verwaltung der Ruhrschifffahrt übergeben. Die Schmiede- und Magazingebäude am nördlichen Ufer wurden an den Hüttenbesitzer Reinhard Berninghaus verkauft. 1898 erwarb Wilhelm Köppern die „Berninghaus-Hütte“.
1864 erhält der Hattinger Wasserbaumeister Engelhardt den Auftrag, die Mühlenanlagen abzubrechen und Teile zu verkaufen. Das Problem mit dem Ruhrhochwasser bleibt: 1909 steigt der Pegel in nur einem Tag um über zwei Meter an. Die vom Hochwasser überraschten Bewohner der Alten Gewehrfabrik, die mittlerweile im Besitz des Kaufmanns Christian Duddeck war, mussten mittels eines Nachens aus ihrer beängstigenden Lage befreit werden. 1941 wurden die Hattinger Juden dort ghettoisiert, bevor sie nach Zamosc und Theresienstadt deportiert wurden. 1942 errichtete die Henrichshütte dort ein Kriegsgefangenenlager. In der Nachkriegszeit beschlagnahmte die Stadt Hattingen die inzwischen der Ruhrstahl AG gehörende Fabrik und brachte dort Obdachlose unter. Für die Ruhrverlegung 1957 wurde das Gelände benötigt und die alte Gewehrfabrik schließlich abgerissen.
Von Dr. Anja Pielorz