Zusammen mit den Hattinger Stadtarchivaren Sabine Krämer und Thomas Weiß besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ die alten Gebäude und Plätze. Thema heute: Die Stadtvillen an der Bredenscheider Straße. Sie sind Zeitzeugen der Geschichte, doch droht ihr Verfall.
Das Foto zeigt die Villa Wilke mit der Hausnummer 8. Foto: Frank Vincentz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Wer heute auf der Bredenscheider Straße nach Hattingen fährt oder von dort Richtung Sprockhövel unterwegs ist, sieht in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt links und rechs prächtige Villen aus längst vergangenen Zeiten. Wobei – nicht alle sind prächtig anzusehen. Der Zahn der Zeit nagt an den einst so wunderschönen Jugenstil-Villen des gehobenen Bürgertums.
Stadtarchivarin Sabine Krämer verweist auf eine schulische Facharbeit von Reinhard Beckedahl 1968. Darin steht: „Der Wunsch, im Grünen zu wohnen und der Enge der Stadt zu entfliehen, ist nicht erst ein Merkmal unserer Zeit. Auch unsere Eltern und Großeltern hatten das Bestreben, sich größere und schöne Häuser am Stadtrand zu bauen. So ist es nicht verwunderlich, dass sie sich an der baumbestandenen alleeartig ausgebauten Sprockhöveler Straße niederließen. Man sieht es vielen villenartig und aufwendig gebauten Häusern noch heute an, dass vorwiegend reiche Bürger die Bauherren waren. Von den breiten Bürgersteigen durch Vorgärten getrennt und parkähnlichen Gärten umgeben, hatten diese Häuser eine ruhige Lage.“
DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
Sicher ist, dass die Bredenscheider Straße, die bis 1970 noch Sprockhöveler Straße hieß, in ihrem unteren Teil zur Hattinger Innenstadt dem Bildungsbürgertum vorbehalten war. Wer stadtnah und doch ruhig und prächtig wohnen wollte, fand hier den Platz für sein Zuhause. Eines der damals schönsten Häuser ist die Villa Nr. 8, die von Richard Wilke (1861 – 1938) erbaut wurde. Das 1820 Quadratmeter große Grundstück hatte er von seinem Schwiegervater, Brennereibesitzer Ballauf, erhalten. Wilke selbst war Lehrer, später Rektor an der höheren Töchterschule. Seine Söhne wurden Arzt und Rechtsanwalt. Nach seinem Tod gehörte die Villa seiner Tochter Grete, verheiratete Küper. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden fast alle Gebäude auf der unteren Sprockhöveler Straße beschlagnahmt. Soldaten der Besatzer lebten dort. Im August 1946 wurde die Villa Nr. 8 von den britischen Besatzungsbehörden an Grete Küper zurückgegeben. „Anfang der fünfziger Jahre kaufte die Hattinger Wohnstättengenossenschaft das Haus und nutzte es als Verwaltungsgebäude. 1964 gab es sogar noch einen Anbau im hinteren Gartenbereich. In den siebziger Jahren kaufte die Stadt Hattingen einige Stadtvillen an der Bredenscheider Straße, unter anderem die Villen Nr. 8 (Villa Wilke) und 10 (Villa Hildebrandt). Hintergrund waren die ursprünglichen Pläne zur Stadtbahntrasse Reschop-Henrichshütte und der baulichen Verbreiterung der Bredenscheider Straße. Hätten sich diese Pläne realisiert, wären die Häuser wohl abgerissen worden“, so Krämer. Die Villa Nr. 10 trägt den Namen „Hildebrandtsche Villa“. Hier lebte Ludwig Hildebrandt (1883 –1950). Er war Gesellschafter der Hattinger Kaffee-Röste Werke Gebrüder Hildebrandt, gemeinsam mit seinen Brüdern Friedrich und Karl. Erbaut hatte das Haus ein Arzt, Dr. med. Rudolf.
Nachdem die Pläne jedoch in der Schublade verschwanden, dachte man über neue Nutzungen nach. In die Häuser Nr. 8 und 10 zogen im weiteren Verlauf der siebziger und achtziger Jahre das Schulverwaltungsamt, die Stadtbücherei, die Kinder- und Jugendbücherei und die Verwaltung der Musikschule ein. Zusätzlich: „Im April 1992 zog die an der Bahnhofstraße untergebrachte internationale Bücherei in die Bredenscheider Straße 8.“
Die Villen Nr. 8 und Nr. 10 wurden am 28. November 2008 in die Liste der Hattinger Baudenkmäler eingetragen.
2009 zogen Stadt- und Jugendbücherei als Stadtbibliothek in das neu erbaute Reschop-Carré um. Das Schulverwaltungsamt zog in die Hüttenstraße. Jetzt wollte die Stadt Hattingen ihre Villen wieder loswerden. Mindestens die Nr. 8 (Villa Wilke), in der die Bücherei untergebracht war. Gern aber auch die Nr. 10 (Villa Hildebrandt), in der die Verwaltung der Musikschule war. Mehrere Male scheiterte der Verkauf, weil die Interessenten ihr Angebot zurückzogen. Viel zu aufwendig sind die Sanierungen, zu teuer macht es der Denkmalschutz. 2016 kauft der Architekt Carsten Doberenz das gesamte Ensemble an der Bredenscheider Straße 4 bis 10. In der Villa Wilke mit der Nr. 8 sollten seniorengerechte Wohnungen entstehen. 2020 erteilte die Stadt die Baugenehmigung, die mittlerweile wegen Stillstand erloschen ist. Für die Villa Hildebrandt, die Nr. 10, gibt es eine Baugenehmigung für Wohnungen und zwischenzeitlich ist auch etwas passiert, aber von einer Fertigstellung ist man noch weit entfernt.
Von Dr. Anja Pielorz