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Hattingen

Das größte Barackenlager für 2500 Menschen in Welper

Zusammen mit Stadtarchivar Thomas Weiß widmen wir uns in der Serie „Historische Orte“ verschiedenen Gebäuden und Plätzen in Hattingen. Thema heute: das Wohnlager in Welper.

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Diese Luftaufnahme aus dem Jahr 1945 zeigt das Wohnlager in Welper. Die Straße mit der Kurve ist die Marxstraße. In der Bildmitte befindet sich die heutige Tankstelle. Gut zu erkennen sind darunter die Baracken und die Löschteiche. Nach rechts oben erkennt man Bombeneinschläge. Quelle: Kommunalverband Ruhr

Wenn sehr viele Menschen plötzlich an einem Ort untergebracht werden müssen, braucht es den entsprechenden Platz. Das, was dann entsteht, sind nicht selten Zeltlager oder Baracken. Zu erleben in der aktuellen Bewältigung zur Unterbringung der Flüchtlinge - aber auch ein Thema in vergangenen (Kriegs) Zeiten. Um 1940 gab es in Hattingen mehr als 100 Barackenlager. Das größte für 2500 Menschen stand in Welper. Einige Baracken sind bis heute noch erhalten.

DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
Der Personalmangel durch den Zweiten Weltkrieg wurde für das kriegswichtige Unternehmen Henrichshütte zunehmend zum Problem. Es fehlten Fachkräfte. Stattdessen sollten Hilfskräfte möglichst kleine Arbeitseinheiten erledigen, die zum Schluss zum fertigen Produkt zusammengefügt wurden. Diese Menschen - Zwangsarbeiter, Ostarbeiter, Kriegsgefangene - lebten in Barackenlagern in Hattingen. Das größe von ihnen war das Wohnlager in Welper. 2500 Menschen unterschiedlichster Nationalitäten kamen hier zusammen. Sie alle leisteten Zwangsdienst für die Henrichshütte und lebten in unmittelbarer Nähe der Hütte an der heutigen Marxstraße/Schulknapp. Hattingen hatte um 1940 etwa 40.000 Einwohner - und etwa jeder 4. Hattinger war Ausländer.
Die ersten Wirtschafts- und Wohnbaracken wurden ab April 1940 errichtet. Schnell kamen immer mehr dazu. Abortbaracke, Schälbaracke, Krankenbaracke, Waschbaracke - je mehr Menschen kamen, desto größer wurde der Zwang, weitere Baracken aus dem Boden zu stampfen. Es waren Männer, die hier einen Schlafplatz fanden und ihren Dienst in der Henrichshütte versehen mussten. Pro Kopf standen ihnen knapp drei Quadratmeter zur Verfügung. Die Baracken waren in Stuben unterteilt, die mit 12 bis 16 Mann belegt wurden. Aufenthaltsbaracken, Küchenbaracken und Kohleschuppen kamen dazu. Die Schlafgelegenheit bestand in der Regel aus Doppelbetten. Jeder Mann erhielt einen Strohsack, einen Kopfkeil und zwei Wolldecken. Das Stroh wurde in der Regel nur einmal jährlich gewechselt. Es gab einen Tisch, für jede Person einen Stuhl und zwei Personen teilten sich ein Spind zur Unterbringung ihrer Habseligkeiten. Außerdem gab es im Wohnlager Welper sieben Waschräume und zwei Badebaracken. Weiterhin gehörten 24 Spülklosetts und acht Trockenabortbaracken mit je 14 Sitzen zur Einrichtung.
1943 kaufte die Ruhrstahl AG die bislang von den Reichsautobahnen gemieteten Baracken. Wenige Monate später wurden Teile von ihnen bei einem Luftangriff völlig zerstört. Auch 1944 und 1945 fielen mehrere Baracken weiteren Fliegerangriffen zum Opfer. Es kam immer wieder zu Bränden, die teilweise die Baracken bis auf die Grundmauern zerstörten. Die Löscharbeiten erfolgten durch die im Lager stationierte Lagerfeuerwehr mit Verstärkung der ortsansässigen Feuerwehren. Im Lager selbst gab es eigene Feuerlöschteiche. Sie waren auch für Badezwecke eingerichtet und dafür freigegeben. Die in den abgebrannten Baracken untergebrachten Fremdarbeiter wurden in unbeschädigte Gebäude umgesiedelt. Es gab Ärzte und Heilgehilfen zur gesundheitlichen Versorgung. Neben dem Arzt- und Untersuchungszimmer stand ein Warteraum und ein Baderaum zur Verfügung. Außer den üblichen medizinischen Geräten gab es noch einen Ohrenbestrahler, eine Sollux-Lampe sowie einen Heißluftapparat. Jede Woche wurde das Revier desinfiziert. Außerdem bemühte man sich angeblich, die Küchen und das Essen den jeweiligen Nationalitäten anzupassen. Allerdings stand dieses Bemühen oft nur auf dem Papier, denn der Mangel an allem aufgrund des Krieges sorgte dafür, dass Schmalhans der Küchenmeister war. Zur Freizeitgestaltung standen Unterhaltungsräume mit Klavier, Billard und Gesellschaftsspielen zur Verfügung. Zeitungen in verschiedenen Sprachen lagen aus. Gebrauchsgegenstände des alltäglichen Lebens konnten gekauft werden. Aus den Beständen der Henrichshütte wurden Musikinstrumente zur Verfügung gestellt. Sogar Sportgruppen bildeten sich, die mit der erforderlichen Sportbekleidung ausgestattet wurden. Im Thyssen-Krupp-Archiv im Bericht über den Fremdarbeitereinsatz auf der Henrichshütte vom 25.7.1946 wird außerdem darauf hingewiesen, dass auch eine eigene Friseurstube mit ausländischer Bedienung zur Verfügung stand.
Immer wieder kam es zu Vergrößerungen der Barackenlager. Nach dem Plan von 1942 existierten zwei Läger - eines lag zwischen der Bismarckstraße (der heutigen Marxstraße), Schulknapp und Brucherstraße (heutige Hüttenstraße) etwa auf dem Gelände der heutigen Firma Schade. Ein zweites Lager befand sich zwischen der Bismarckstraße (Marxstraße), Friedensstraße und Stahlhausstraße.
Aus den Akten geht hervor, dass noch am 20. Juli 1945 etwa 1500 russische Kriegsgefangene im Wohnlager lebten, die drei Tage später abgezogen wurden. Die Wohnanlage diente später als Sammellager für Ostarbeiter und als Notunterkunft für Flüchtlinge. Außerdem wurden Werkstätten für Kleinbetriebe und Handwerker untergebracht. anja