Donnerstag, 9. Dezember
Logo
Hattingen

Belagert, besetzt, beraubt... Hatnegen ist eher ein "Hatnichts"

Zusammen mit Thomas Weiß, Stadtarchivar in Hattingen, schlägt IMAGE regelmäßig ein historisches Kapitel der Stadt auf. In diesem Jahr blicken wir auf 625 Jahre Stadtgeschichte zurück. Wir werfen einen Blick in die dritten hundert Jahre 1596 bis 1696.

HAT-Historisch-Alte-Karte.jpg

Viel Landschaft - und ganz hinten, rund um die Kirche St. Georg - da entsteht Hattingen Foto: Stadtarchiv Hattingen

In diesem Jahr wird Hattingen an der Ruhr 625 Jahre alt. Die Zeit nach 1600 ist für die Stadt geprägt von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) und seinen Folgen wie Hunger, Pest und Besatzung.

Egal, wer da gerade zwischen den Stadtmauern hauste - für die Hattinger Bevölkerung war es ein Grauen. Gewalt stand quasi auf der Tagesordnung. Der Kampf um das tägliche Überleben bestimmte den Alltag. Es wurde gehungert und gekämpft. Die Familie genoss in diesen Zeiten einen hohen Stellenwert, galt sie doch als Ort des Friedens. Umso härter wurde jemand bestraft, der innerhalb der Familie ein Verbrechen begang. So geschehen am Tag vor Weihnachten 1614, als vier spanische Soldaten den Hattinger Gerrit Arndt zum Sünsbroich erschossen. Wie sich wenige Wochen später herausstellte, hatte seine Frau gemeinsam mit dem Hausdiener die Soldaten zum Mord angestiftet. Während der Diener flüchten konnte, wurden die Soldaten gerädert und die Ehefrau enthauptet und zwischen die vier Soldaten ebenfalls aufs Rad gesetzt. Beim Rädern wurden die Verbrecher mit ausgestreckten Armen und Beinen auf das Rad gebunden und sämtliche Glieder wurden ihnen gebrochen. Die Strafen waren martialisch - beispielsweise wurde der 86-jährige Wingert Schubbert am 18. März 1620 enthauptet, nachdem er dreimal die städtische Armenkasse beraubt hatte. Die Enthauptung wurde am Hagenbuck, dem heutigen Bangertsweg in Winz-Baak, vorgenommen.
Geprägt ist diese Zeit auch von dem großen Pestausbruch 1616, dem beide Hattinger Bürgermeister zum Opfer fielen. Erst 1620 lässt die Pest allmählich nach, doch sind an der Epidemie 348 Menschen gestorben - nicht wenig für das kleine Hattingen mit etwa 2000 Einwohnern. Noch 1624 wird von sogenannten Leprosenhäusern berichtet. Sie standen an der nördlichen Seite der Ruhr jenseits der Brücke und dort waren die Aussätzigen untergebracht. 1627 gibt es erneut einen Hinweis auf die Pest. Leichen des Umlandes dürfen nicht zum Begräbnis auf den Kirchhof in die Stadt gebracht werden. 1631 bis 1633 wütet die Pest wieder in Hattingen.
Unrat und Gestank bestimmten die Hattinger Altstadt. Vor allem der Kirchplatz war den Stadtvätern ein Dorn im Auge, denn vor lauter Dreck und Mist konnten die braven Bürger oft kaum in die St. Georgs-Kirche gelangen.
Da nimmt es nicht wunder, dass die Stadtväter im November 1616 ein Machtwort sprachen und sowohl das Branntweingelage als auch das Zocken und erst recht das Abladen von Unrat auf dem Kirchplatz untersagten. Krämer durften ihre Läden am Sonntag nicht mehr offenhalten - die Sonntagsarbeit war damit verboten. „Sodom und Gomorrha“ in Hattingen auf der einen Seite, auf der anderen Seite Zerstörungen durch den Erbfolgekrieg und Belagerer. Kaiserliche Truppen zerstörten 1633 die Ruhrbrücke, um den Vormarsch der Schweden zu stoppen. Im Juli 1640 wurde die Hattinger Stadtmauer zerstört - kurzum: Es war eine schreckliche und kulturlose Zeit, die erst 1648 ihr offizielles Ende fand. Dennoch dauerte es Jahrzehnte, bis sich die Hattinger Wirtschaft von den Kriegsfolgen erholen konnte.
Im Februar 1650 wird Hilbrand Vollmer zum „Hansegrafen“ der Stadt Hattingen ernannt. Er hat auf den Jahrmärkten die Krämerwaren, Maße und Gewichte zu überwachen und Zuwiderhandlungen gegen die Marktordnung zu bestrafen. 1661 wird die wiederaufgebaute Ruhrbrücke eingeweiht. Immer noch gibt es viele einquartierte Soldaten. Das kostet die Stadt viel Geld für die Versorgung. 1679 überschreitet ein französisches Heer die Rhein und zieht plündernd durch Hattingen. Soldaten hatten die Waffen und damit die Macht.
Auch weitere Krankheiten sorgen für große Probleme und Tote. Die Rede ist beispielsweise von der „rothen Ruhr“ 1684 und 1689 sowie dem „Flecken-Fieber“ 1686.
Hattingen - zu dieser Zeit belagert, besetzt und beraubt. Man konnte sich glücklich schätzen, wenn man sein eigenes Leben behielt. Besonders die verstreut im Hattinger Land liegenden Bauernhöfe waren Plünderungen schutzlos ausgeliefert. Aus den Überlieferungen wird deutlich: Zu dieser Zeit war in Hattingen halb Europa „zu Besuch“. Spanier, Holländer, Italiener, Schweden, Franzosen und was sonst noch alles - sie alle wollten Geld und bedienten sich an dem, was da war. Rücksicht auf die verarmte und geschundene Bevölkerung gab es nicht. Daher kommt wohl auch der Galgenhumor, dass „Hatnegen“ eigentlich „Hatnichts“ heißen müsste. Wer betteln musste, durfte dies nur mit einem Bettlerausweis tun, der ihn als tatsächlichen Bettler brandmarkte. Die Hoffnungen ruhten auf der Zukunft...anja