Sprockhövel

Bariton Jens Hamann will ein Vokalmusikfestival aufbauen

Der Sprockhöveler Sänger und Bachpreisträger will mit großen Stimmen an besonderen Orten im EN-Kreis und drumherum einen Leckerbissen der Hochkultur erschaffen.

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Nach zahlreichen Preisen bei Wettbewerben wurde Jens Hamann, als höchstbewertete Männerstimme, Bachpreisträger des XVI. Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbs in Leipzig. Jens Hamann war Mitglied der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben. Er studierte in der Gesangsklasse von Rudolf Piernay an der Staatlichen Musikhochschule Mannheim.

Als ich den Sprockhöveler Bariton Jens Hamann kennenlerne, ist es Mai 2020. Und eigentlich hätte dieses Treffen gar nicht stattgefunden, denn Jens Hamann ist in der ganzen Welt unterwegs. Mit seiner Frau Eva-Maria und den beiden Kindern Jona und Elisa wohnt er in Sprockhövel. Mit Werken aus dem klassischen Repertoire, unter anderem von Bach und Haydn, gastiert er international, hat selbst im Petersdom gesungen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Corona-Pandemie zwang das künstlerisch-kreative Ehepaar wie so viele Kulturschaffende in seinen ganz persönlichen Shutdown. Sein Unterricht an der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund führte er damals per Video durch. Europas größte Singschule wurde 2012 gegründet und seit dieser Zeit ist der Sänger maßgeblich am Projekt beteiligt. Jetzt treffe ich ihn zum zweiten Mal. Präsenzunterricht ist zwar wieder möglich. Doch Chorproben sind immer noch eine Herausforderung. Und Konzertveranstaltungen gibt es nur in kleinem Rahmen. Aber es gibt eine - selbstgeschaffene - Perspektive.

„Schwierig ist die Situation bei den Chorproben in Dortmund“, berichtet der Sänger. „Wir sind etwa fünfzig Chormitglieder im Jugendkonzertchor zwischen 13 und zwanzig Jahren. Gemeinsame Proben scheitern an der mittlerweile benötigten Raumgröße. Wir können in Kleingruppen proben, aber darunter leiden die sozialen Kontakte. Denn für die Chormitglieder ist das Treffen der Chorfreunde neben dem Singen eben wichtig. Außerdem gibt es bei Veranstaltungen das Bühnenproblem. Wie sollen wir mit einem so großen Chor eine ausreichend große Bühne finden? Im Konzerthaus in Dortmund sind unter den geltenden Coronaschutzbedingungen höchstens dreißig Chormitglieder gemeinsam auf der Bühne möglich. Und für mich als Sänger sind internationale Großveranstaltungen immer noch unrealistisch in der Durchführung.“ Aber Jens Hamann wäre kein kreativer Kopf, wenn er diesen einfach in den Sand stecken würde... „Zunächst einmal habe ich mich um ein NRW-Stipendienprogramm aus dem Stärkungspaket ‚Kunst und Kultur‘ beworben und den Zuschlag erhalten. Daraus hat sich eine Konzertreihe in Sprockhövel entwickelt, die mit Künstlern vor Ort das lokale Publikum ansprechen soll. So sollen Kulturveranstaltungen trotz geringer Einnahmemöglichkeiten aufgrund der Abstandsvorgaben auch in Coronazeiten möglich sein.“
Nach zwei Terminen Anfang Oktober in Hagen und Sprockhövel stehen in der Reihe noch drei weitere Termine an: am Sonntag, 1. November, 17 Uhr, findet in der Ev. Zwiebelturmkirche in Sprockhövel unter dem Titel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ein Liederabend mit Christian Drengk an der Orgel statt. Jens Hamann singt vier ernste Gesänge von Brahms und das „Vater unser“ von Cornelius. Auf die Winterreise von Franz Schubert begibt sich Hamann dann mit Götz Payer am Klavier am 27. Februar, 19 Uhr, in Herdecke und am 28. Februar, 17 Uhr, erneut in der Ev. Zwiebelturmkirche. Zum einen kann der Sänger auf diese Weise durch die finanziellen Mittel aus dem NRW-Stipendium weiteren Künstlern helfen, zum anderen aber auch durch die Eintritte die Sanierung der Zwiebelturmkirche unterstützen.
Doch dabei soll es nicht bleiben. „Ich möchte langfristig ein Vokalmusikfestival in der niederbergisch-märkischen Region etablieren. Ich höre immer wieder, dass viele Menschen Konzertkarten für umliegende große Konzerthäuser erwerben und ich bin der Überzeugung, wir können die Hochkultur auch vor unserer Haustür etablieren. Neben Bochum und Dortmund habe ich den EN-Kreis im Kopf sowie angrenzend die Städte Wuppertal und Velbert. Das Rheingau Musikfestival oder das Schleswig-Holstein Musikfestival sind Beispiele für herausragende Kulturereignisse an verschiedenen Standorten in einer Region. Warum sollte so etwas für Vokalmusik hier nicht möglich sein? Es sind Veranstaltungen, die auch open air gehen können und die eben nicht tausende von Besuchern holen, sondern musikalische Leckerbissen mit großen Namen aus der Szene für bis zu zweihundert Besucher.“
Ins Auge gefasst hat Jens Hamann den 20. bis 28. August 2022. Denn jetzt heißt es erstmal „Klinken putzen“ bei den Bürgermeistern und Kulturdezernenten der angesprochenen Städte. „Es müssen beispielsweise geeignete Orte gefunden werden. Ich möchte das Ambiente unserer schönen Naturlandschaft nutzen, um besondere Events mit hervorragenden Musikern an ungewöhnlichen Orten zu schaffen. Außerdem brauche ich Partner in den Kommunen und beim Land NRW sowie dem Landesmusikrat NRW.“
Für Jens Hamann hat das Musikprojekt der Hochkultur viele Vorteile. Ein sanfter, sich den Gegebenheiten anpassender Tourismus, der eben nicht überrollt, sondern die regionalen Besonderheiten in Szene setzen kann. „Ich sehe hier Potenzial für Hotels, für Sponsoren, für den Aufbau von etwas kulturell Neuem in dieser Region.“