Logo
Superbanner 749 x 89 Pixel_Platzhalteranzeige.jpg
Witten

Artenvielfalt und Artensterben in unserer Heimat

Im Gespräch mit NABU und NaWitt anlässlich des Tages der biologischen Artenvielfalt.

WIT-Storch-Mai2023.jpg

Seit 1992 ist jedes Jahr am 22. Mai der Tag der biologischen Artenvielfalt. Der Tag soll daran erinnern, die biologische Vielfalt zu erhalten und zu schützen, um die Artenvielfalt auch für nachfolgende Generationen zu bewahren. Anlässlich dieses Gedenktages hat Image sich beim Naturschutzbund NABU Ennepe-Ruhr-Kreis e.V. und der Naturschutzgruppe Witten Biologische Station e.V. (NaWit) über die Artenvielfalt und das Artensterben in der Region erkundigt.
Die Städte Hattingen, Sprockhövel und Witten bieten vielen Tieren und Pflanzen ein Zuhause, doch welche davon eher besonders sind, wissen Dr. Pit Städtler, Ralf Steiner, Dr. Peter Roos, Michael Reiffert und Anne Peter vom NABU. Im EN-Kreis gibt es beispielsweise Siebenschläfer, Haselmäuse, Wasseramseln oder die selteneren Grau- und Schwarzspechte. „Siebenschläfer beziehungsweise Bilche gibt es in unserer Region, jedoch ist der Bestand zumindest des Siebenschläfers in den letzten Jahrzehnten offenbar stark rückläufig“, so die Experten vom NABU. Auf dem Vormarsch beziehungsweise zurückgekehrt sind hingegen, gemäß der Erfassung der Biologischen Station im Ennepe-Ruhr-Kreis e.V., Schwarzstörche - und auch die Wildkatze wurde seit 2019 hier wieder gesichtet. Auch im Reich der Insekten hat sich etwas getan: „In der letzten Zeit sind als besondere Schmetterlinge, die bei uns wieder aufgetaucht sind, zu nennen: Schwalbenschwanz, Großer Schillerfalter und Kaisermantel. Bei den Käfern ist der Rosenkäfer in den letzten Jahren auf dem Vormarsch.“ Als Besonderheit würden auch einige im EN-Kreis ansässige sehr seltene Fledermausarten gelten.

Storchenpaar in Witten
Witten hat in diesem Jahr ebenfalls ganz besondere Bewohner, von denen Birgit Ehses vom NaWit berichtet: „Ein besonderes Highlight ist in diesem Frühjahr das Weißstorch-Paar, das im Naturschutzgebiet Ruhr­aue auf Bommeraner Seite den von der NaWit im letzten Jahr errichteten Storchenmast besetzt hat.“ Laut Augenzeugenberichten soll es sogar zu einer erfolgreichen Brut gekommen sein. „Es wäre das erste Mal, dass in Witten Störche brüten“, bestätigt die 1. Vorsitzende der NaWit.
Doch so rosig, wie es den Anschein hat, ist es um die Artenvielfalt dann leider doch nicht bestellt, wie Birgit Ehses vom NaWit berichtet: „Neben dem Rückgang verschiedener Insektenarten oder speziellen Vogelarten, wie beispielsweise dem Kiebitz und der Feldlerche, sind vor allem Amphibien vom Artenrückgang betroffen. Die massiven Verluste in den vergangenen Jahren sind auf den Verlust von Lebensräumen, zunehmende Trockenheit und Ausbreitung von Krankheiten, wie z.B. die Salamanderpest zurückzuführen.“ Die Experten um Anne Peter bestätigen diese Einschätzung, auch im EN-Kreis sei der Rückgang der Arten - bei Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Insekten und Pflanzen - deutlich erkennbar. „Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Eine der Ursachen ist, dass vielen Arten der Lebensraum entzogen wird - wie z.B. auch bei der früher häufig vorkommenden Feldlerche. Insgesamt werden auch bei anderen Vogelarten sowohl das Nahrungsangebot als auch die notwendigen Rückzugsorte und Brutplätze in der Landschaft durch den Menschen (Stichworte „intensive Landwirtschaft“, „Besiedlung“ oder „Freizeitaktivitäten“) und durch den Klimawandel sowie zum Teil durch den Einfluss von Neozoen ( z.B. Nilgans/Waschbär) so reduziert bzw. beeinträchtigt, dass die Tiere entweder, wenn sie können, in andere Regionen abwandern oder durch fehlende Nahrungsquellen, Brutmöglichkeiten oder Bruterfolge auf kürzere oder längere Sicht in ihrem Bestand reduziert werden oder verschwinden.“ Es sei viel die Rede vom Insektenrückgang aber auch vom Sterben der einheimischen Bäume. Auskunft über die Artenvielfalt geben den Naturschützer aber auch die Menschen aus der Region selbst: „Zahlreiche Gespräche zeigen, dass immer mehr Menschen einen Rückgang an Schmetterlingen registrieren und diese als Symbole für schöne Sommertage vermissen. So sind offenbar Änderungen in der Häufigkeit geläufiger Tierarten oder Tiergruppen gut feststellbar.“

Konkrete Zahlen gibt es kaum
„In NRW gibt es allein mehr als 25.000 Insektenarten, im Ennepe-Ruhr-Kreis sicherlich mehr als 1.300 Schmetterlingsarten. Eine laufende Registrierung all dieser Arten über die Zeit und in verschiedenen Lebensräumen ist schier unmöglich“, so der NABU. Die Naturschützer beider Vereine berichten übereinstimmend von eingewanderten Arten. „Vermehrt haben sich vor allem gebietsfremde Arten, die durch menschlichen Einfluss in unsere Region gelangt sind, wie Nutria (Südmamerika), Nilgans (Afrika) oder der Waschbär (Nordamerika). Auch die wärmeliebende Mauereidechse hat sich in Witten stark ausgebreitet“, so NaWit-Expertin Birgit Ehses.

Diese Arten sind besonders bedroht
Unter den menschengemachten Faktoren wie Klimawandel oder schwindenden Lebensraum leiden viele Tier- und Pflanzenarten. Doch manche Tiere, wie den Feldhasen, diverse Fledermausarten oder Vögel wie z.B. Feldlerche, Steinkauz, Wespenbussard trifft es besonders hart. Auch viele Schmetterlinge sind vom Artensterben betroffen: „Der Mädesüß-Perlmutterfalter ist an ganz bestimmte Lebensräume mit den dort vorkommenden Futterpflanzen gebunden und kommt deshalb nur an wenigen Stellen im Gebiet vor.“ Dadurch ist er besonders gefährdet durch den Verlust der Futterpflanze, denn „auch bei Pflanzen ist wie überall ein starker Rückgang zu beobachten.“ So zum Beispiel die Silene vulgaris (Taubenkropf-Leimkraut). NABU: „Sie gehört zu den Nelken und ist heute noch im Alpenvorland und auf extensiv gepflegten, trockenen Wiesen zu sehen. Bei uns im Kreis ist nur eine Stelle bekannt, wo sie noch wächst. Sie ist zwar laut Roter Liste noch nicht gefährdet, ist aber stark rückläufig im Bestand.“ Noch schlechter steht es um das Kleine Tausendgüldenkraut (Centaurium pulchellum), das in der Roten Liste als gefährdet gelistet ist. „Im Kreis ist kein Standort bekannt. Sie steht auf Schotter und sandigen Böden und bevorzugt wechselweise Standorte. Letzte Sichtung war auf der Halde Hoheward im letzten Jahr.“

Fazit des NABU
Die Experten des NABU ziehen ein Fazit: „Dem Rückgang der Artenhäufigkeit und -anzahl können wir entgegenwirken, indem wir Bereiche der Natur wieder überlassen oder unsere Umgebung tierfreundlicher und pflanzenreicher gestalten. Am effektivsten: Anpflanzung einheimischer Blumen, Kräuter, Sträucher, Bäume in den (Vor-) Garten! Wichtig ist es auch, bei den verschiedenartigen Aktivitäten der Menschen, vor allem im Rahmen der Freizeitnutzung, auf die Tiere und ihre Ansprüche Rücksicht zu nehmen und die hierzu ergangenen Gebote und Verbote zu beachten.“ nxs