Donnerstag, 9. Dezember
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Gesundheit

Alterstraumatologie für Patienten im höheren Lebensalter

Die Chefärzte Michael Luka und Ulrich Weitkämper kümmern sich gemeinsam um die Versorgung.

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Dr. med. Ulrich Weitkämper, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Tagesklinik, und Dr. med. Michael Luka, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am EvK Witten.

Seit sieben Jahren arbeiten die Kliniken der Unfallchirurgie und der Geriatrie im zertifizierten Zentrum für Alterstraumatologie zusammen. Dadurch wurde die schon länger existierende Zusammenarbeit auf eine noch intensivere Basis gestellt - zum Wohle des älteren Patienten mit seinen speziellen Bedürfnissen. IMAGE hat mit Dr. med. Ulrich Weitkämper, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Tagesklinik, und Dr. med. Michael Luka, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am EvK Witten, gesprochen.

IMAGE: Was bedeutet Alterstraumatologie? 
WEITKÄMPER: Die Alterstraumatologie behandelt Verletzungen und Wunden im Alter. Dabei ist neben dem Alter der Patienten die sogenannte Multimorbidität der Betroffenen, das heißt die Anwesenheit meist mehrerer Erkrankungen chronischer oder akuter Natur, sehr wichtig. Ziel der Behandlung ist es, die bisherige Selbstständigkeit möglichst wiederherzustellen und die Ursachen für die Verletzungen zu identifizieren und wo immer möglich zu beheben. 
Im Laufe der letzten Jahre ist die Zahl der älteren Patienten deutlich gewachsen. Der Geriater ist der Arzt, der die speziellen medizinischen Probleme dieser Patienten behandelt. Für eine optimale Versorgung arbeitet er interdisziplinär mit verschiedenen Spezialisten zusammen: den Chirurgen, den Unfallchirurgen, den Neurologen, den Urologen oder einem anderen Facharzt. In der Geriatrischen Abteilung erfolgt die Arbeit im Geriatrischen Team, welches neben den Ärzten aus Pflegepersonal, Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Logopäden, Sozialarbeitern, Psychologen und der Wundbeauftragten besteht. 
Im Alterstraumatologischen Zentrum werden die Patienten zunächst auf der Unfallchirurgie aufgenommen, dort ggf. operiert und nach Stabilisierung der Situation zur weiteren Behandlung und Frührehabilitation auf die Geriatrie übernommen.
IMAGE: Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben?
LUKA: Die meisten Patienten, die wir im Zentrum für Alterstraumatologie behandeln, haben einen Bruch des Schenkelhalses, des Beckens, des Oberarmkopfes, der Speiche oder der Wirbelsäule. Die demografische Entwicklung zeigt, dass wir es hier mit einer deutlichen Zunahme an Betroffenen zu tun haben. Ein Teil der älteren Patienten wird sich nach der erfolgreichen chirurgischen Behandlung - oft eine Operation - dennoch auf eine schwierigere Lebenssituation einstellen müssen. Nicht selten ist die Selbstständigkeit im Alltag des Patienten danach stärker eingeschränkt oder er ist auf Hilfsmittel angewiesen. Unser Ziel ist eine Versorgung der Verletzung, die möglichst schnell eine volle Belastung ermöglicht, um die Mobiliät des Patienten so früh wie möglich wiederherzustellen. Hier haben sich die Behandlungsverfahren verändert, denn früher wurden die Patienten mit Verfahren behandelt, die sie oft für Wochen immobil machten. Heute arbeiten wir im Zentrum für Alterstraumatologie eng mit der Geriatrie zusammen.

IMAGE: Die Therapie des Patienten wird also interdisziplinär durchgeführt und versteht sich als Netzwerk mit unterschiedlichen Fachkräften und Angehörigen? 
WEITKÄMPER: So ist es. Gerade ältere Patienten stellen mit ihren Bedürfnissen eine Herausforderung dar. Die Gruppe der Patienten mit demenziellen Erkrankungen stellt uns dabei noch einmal vor eine besondere Aufgabe. Ein Umgebungswechsel und die ungewohnten Abläufe und Untersuchungen im Krankenhaus sind für einen demenzkranken Menschen eine große Belastung. 
LUKA: Deshalb haben wir seit drei Jahren auch eine speziell ausgebildete Krankenschwester, die bereits vor der Operation Kontakt zu dem Patienten aufbaut, ihn bis zur Operation begleitet und auch danach an seiner Seite ist. Hier gibt ein vertrautes Gesicht auch eine entsprechende Sicherheit. 
WEITKÄMPER: Zu dem Netzwerk gehört übrigens auch der Narkosearzt. Bei einem älteren Menschen ist es wichtig, dass der Narkosearzt das Narkoseverfahren und die Narkosetiefe dem Zustand des Patienten und der Art der Operation anpasst, um das Risiko eines postoperativen Delirs gering zu halten. Auch die bereits von Dr. Luka angesprochene Delirschwester spielt hierbei eine ganz wichtige Rolle Ein Patient mit demenziellen Erkrankungen kann postoperativ delirant sein, sich also in einem verwirrten Zustand befinden. Eine sogenannte Delirprophylaxe ist daher sehr wichtig.

IMAGE: Sie schauen bei einem gestürzten Patienten aber auch auf die Gründe, die zu seinem Sturz geführt haben? 
LUKA: Unbedingt. Das können sowohl äußere als auch innere Ursachen sein. Die Beispiele reichen von Stolperfallen in der Wohnung und schlechter Beleuchtung bis hin zu allgemeiner körperlicher Schwäche, Gleichgewichtsstörungen, Medikamentenunverträglichkeiten und vielem mehr. Wir versuchen in der Therapie, eine Frührehabilitation des Patienten zu erreichen, damit dieser dadurch in die Lage versetzt wird, in eine Reha-Maßnahme zu gehen. Viele der Patienten sind nämlich zunächst nicht in der Lage, selbstständig an einer Rehabilitation teilnehmen zu können.

IMAGE: Das heißt, Sie nehmen die Zeit nach der Entlassung schon während des stationären Aufenthaltes in den Blick...
WEITKÄMPER: Angebote wie Sturzprävention, gezieltes Kraft- und Ausdauertraining, Gedächtnistraining, Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen sowie aktivierende Pflege verbessern die allgemeine gesundheitliche Situation des Patienten und ermöglichen nach der Entlassung einen möglichst selbstbestimmten Alltag. Um diese Ziele zu erreichen, arbeiten die Mitarbeiter berufsübergreifend im Geriatrischen Team zusammen. 
Von Anfang an versuchen wir, die Angehörigen frühzeitig einzubinden. Räumliche Veränderungen und pflegeunterstützende Maßnahmen - mit oder ohne ambulanten Pflegedienst - lassen sich nicht von heute auf morgen durchsetzen. anja