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Hattingen

Abfallentsorgung: In Ausnahmefällen auch rückwärts

Ein schwieriger Spagat zwischen der Verkehrssicherheit und der Bürgerfreundlichkeit.

Müllwagen in enger Straße

Das Thema Müllentsorgung hat zum Ende 2025 in Hattingen hohe Wellen geschlagen. Zum einen lag dies an der Gebührenerhöhung – eine 60-Liter-Restmüll-Tonne kostete bisher 168,60 und schlägt jetzt in diesem Jahr mit 192,64 Euro zu Buche. Gebühren müssen grundsätzlich kostendeckend erhoben werden und die Müllentsorgung in Hattingen wurde auch deshalb deutlich teurer, weil die Stadt aufgrund der gebotenen Vermeidung von Rückwärtsfahrten kleinere Fahrzeuge einsetzen muss und daher mit diesen Fahrzeugen wegen des kleineren Volumens die Mülldeponie öfter anfahren muss. Um Unfälle und gefährliche Situationen für Mitarbeiter und Bürger zu vermeiden, dürfen Müllwagen nur ausnahmsweise rückwärts fahren. Geregelt ist dies durch die Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaft Verkehr. Das Hauptproblem bei Rückwärtsfahrten ist, dass Teile eines rückwärts zurückzulegenden Fahrweges von den Fahrern definitiv nicht vollständig eingesehen werden können. Dies gilt auch unter Benutzung von Spiegeln und ist selbst mit Einweiser schwierig. Laut den Berufsgenossenschaften ersetzen auch Assistenzsysteme den Einweiser (noch) nicht. Assistenzsysteme wie Rückfahrkameras zeigen jedoch häufig nur einzelne Ausschnitte. Die Fahrzeuge sind aber oft zwölf Meter lang und wiegen voll beladen bis zu 26 Tonnen.

Rückwärtsfahren ist nicht verboten, aber...
Bereits im Oktober 2016 trat eine Branchenregel zum Rückwärtsfahren in Kraft. In einer gemeinsamen Pressemitteilung von BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V., Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), Entsorgergemeinschaft der Deutschen Entsorgungswirtschaft e.V. (EdDE), Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) sowie Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) heißt es am 26. Oktober 2016: „Laut Branchenregel sollen Entsorgungsunternehmen die Touren bei der Abfallabholung grundsätzlich so planen, dass unfallträchtige Rückwärtsfahrten möglichst vermieden werden. In Ausnahmefällen soll das Rückwärtsfahren jedoch möglich sein, wenn der Arbeitgeber in der Gefährdungsbeurteilung Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten festlegt.“ Das bedeutet: Die Regel basiert auf Gesetzen und hat den Stellenwert einer Empfehlung. Aber wenn es nicht anders geht, dann ist Rückwärtsfahren immer noch möglich. Gefüllte Behälter sind schwer, das Fahrzeug sollte also möglichst nah an sie heranfahren. Man wollte einen Kompromiss finden zwischen Verkehrssicherheit und Bürgerfreundlichkeit.
Unstrittig: Die Rückwärtsfahrt ist bei der Tourenplanung die letzte aller denkbaren Maßnahmen. Sie ist ein Risiko. Immer wieder finden sich Berichte über schwere Unfälle. Was sich jedoch nicht findet: eine exakte, öffentlich verfügbare Gesamtzahl, die alle Unfälle bei rückwärts fahrenden Müllwagen in Deutschland pro Jahr erfasst. 
In Hattingen waren 250 Straßen vom Rückwärtsfahren betroffen. Nach Prüfungen in den einzelnen Bezirken blieben 130 Straßenabschnitte übrig, bei denen bisher keine Maßnahmen getroffen werden konnten, den Müll wie bisher an der Haustür abzuholen, aber das zukünftig im Vorwärtsgang. Das Institut für Abfall, Abwasser und Infrastruktur-Managements (INFA) in Ahlen hatte die Zahl auf städtischen Aufrag hin ermittelt. Die Stadt wird aber das Rückwärtsfahren sukzessive, wenn möglich, einstellen. So steht es auf der städtischen Homepage. Durch Halte- und Parkverbot an dem jeweiligen Müllabfuhrtag, dem Rückschnitt von Grün oder der Erlaubnis von Eigentümern, auf deren Privatgrundstück zu wenden, wurden Möglichkeiten geprüft, sogenannte Müllsammelstellen zu vermeiden. Zu diesen Sammelstellen müssen die Anwohner die Tonnen und Säcke am Tag der Leerung eigenständig hin- und zurückbringen. Das Hattinger Stadtgebiet ist in neun Bezirke unterteilt. Auf der Homepage finden sich die betroffenen Straßen ohne Angabe der Sammelplätze bisher nur für die Bezirke 1,2 und 5. Im Stadtgebiet gibt es bisher etwa 24 solcher Sammelplätze.

Post von der Stadt Hattingen
Post von der Stadt mit dem Hinweis, ihren Restmüll in Zukunft selbst zu einer Sammelstelle zu bringen, erhielten auch 18 betroffene Familien aus Blankenstein aus dem Abfallbezirk 7. Dabei geht es um die schmale steile Straße „Zu den sieben Hämmern“ und Umgebung, die bisher mit einem Pritschenfahrzeug der Stadt bedient wurde. Dieses Fahrzeug soll 2026 nicht mehr zum Einsatz kommen und weil die Straßenenge so ist wie sie ist, sollen die Bürger ihre Restmüllsäcke - hier gibt es Säcke statt Tonnen - den steilen Berg selbst hinauftragen bis zur Sammelstelle. Die Anwohner haben protestiert und sogar mit Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing gesprochen. Trotzdem haben sie die neuen Bescheide der Stadt zugestellt bekommen. Darin steht, dass der Restmüll in Zukunft ausschließlich an der Sammelstelle Marktplatz abgeholt wird.

Von Dr. Anja Pielorz