Zusammen mit der Hattinger Stadtarchivarin Sabine Krämer und Thomas Weiß besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ alte Gebäude und Plätze. Thema heute: der Bismarckturm.
Das Foto links zeigt die Bismarck-Plakette, die dort eingelassen war. Daneben der Turm um 1915.
Vor 125 Jahren wurde er an Bismarcks Geburtstag eingeweiht – der Hattinger Bismarckturm, ein Aussichtsturm zu Ehren des „eisernen Kanzlers“ Otto von Bismarck. Neben Statuen und Standbildern gab es deutschlandweit 243 wuchtige Aussichtstürme, von denen heute rund 146 mehr oder weniger erhalten sind. Einer von ihnen steht im Hattinger Stadtpark (Schulenbergwald), ist aber nur noch mit Schlüssel zugänglich.
Bevor der elf Meter hohe Turm aus Bruchstein errichtet wurde, stand an diesem Ort ein hölzener Aussichtsturm, der einen weiten Blick über die Stadt und das Ruhrtal bot. Er war marode und wurde abgerissen. 1899 wurde der Hattinger Unternehmer Robert Hill zum 2. Beigeordneten der Stadt gewählt. Die Beigeordneten-Funktionen waren damals Ehrenämter ohne Bezahlung. Hill spendierte der Stadt anlässlich seiner Wahl 1000 Mark zur beliebigen Verwendung. Der Sohn des Unternehmergründers Heinrich Hill war ein Hattinger Lebensmittel-Unternehmer, der dem Großhandel ein Filialnetz angliederte, das vom Hattinger Stammhaus mit Ware beliefert wurde. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges gab es bereits 120 Läden, im Jahr 1934 waren es 214 Geschäfte. Hill war ein angesehener Bürger der Stadtgesellschaft und sorgte nicht nur für ein markantes Ausflugsziel, sondern setzte sich als nobler Geldgeber mit dem Bismarckturm auch selbst ein Denkmal.
Stadtbaumeister Christian Epping plante den Bau, der bereits ein Jahr nach der Grundsteinlegung am 1. April 1901 eingeweiht werden konnte. Angebracht wurde eine Bronzetafel zu Bismarcks Ehren, die vermutlich im Ersten Weltkrieg der Metallsammlung zum Opfer fiel. Bei der Grundsteinlegung kam ein besonderer Maurerhammer zum Einsatz, der später seinen Platz im Museum finden sollte: Nur viermal wurde mit ihm bei Stadtbauten zugeschlagen: zum ersten Mal beim Baubeginn des Bismarckturmes, im gleichen Jahr bei der Grundsteinlegung des Gymnasiums Bismarckstraße, einige Jahre später beim Bau des Rathauses und schließlich beim Setzen des ersten Bruchsteins für das Kriegerehrenmal am Schulenberg im März 1927.
Ursprünglich hätte der elf Meter hohe Turm übrigens 17 Meter hoch werden sollen, doch schon damals war es so eine Sache mit den Finanzen: Beim Bauen ging das Geld aus und so musste man sich mit elf Metern begnügen. Die prächtige Fernsicht auf Stadt und Ruhrtal zog Ausflügler in Scharen an. Und bald war es nicht nur die prächtge Aussicht, die die „feine Gesellschaft“ auf die Ruhrhöhen am Hohenstein zog. Das Waldrestaurant „Schulenburg“ wurde 1902 durch die Stadt Hattingen erbaut mit Stallungen für Pferde und Unterstellmöglichkeiten für Kutschen – denn so kamen damals die meisten Gäste zur Schulenburg. Schon 1906 wurde ein großer Festsaal errichtet, auch die Küche vergrößerte sich und es gab erste Fremdenzimmer im Dachgeschoss. Mit Schützenplatz, Schulenburg, Bismarckturm und dem Stadtwald hatte man ein Naherholungsgebiet geschaffen. Schon im Juli 1900 ist zu lesen: „Wem dort oben auf unseren Waldeshöhen das Herz nicht aufgeht vor Lebenslust und Dankbarkeit gegen die gütige Schöpfung, der ist ein bedauenswerter Mensch und für das stille Glück eines empfänglichen Gemütslebens verloren.“ (HZ, 22.7.1900)
DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
Auch wenn der Turm beide Weltkriege überlebte, so nagte doch der Zahn der Zeit kräftig an dem Gemäuer. Und nicht nur das. Schon in den sechziger Jahren mehrten sich die Berichte von Vandalismus und Zerstörung. War der Turm früher ein Ausflugsziel, wurde er jetzt zunehmend vor allem bei Dunkelheit ein Treffpunkt der „Rowdys“, die nicht selten mit Hammer und Meißel Brüstungen des Turmes abschlugen und hinabstießen.
Ehrfurcht oder gar Respekt vor dem „großen Deutschen Bismarck“ (so wurde er noch in Veröffentlichungen bei der Errichtung des Turmes genannt) standen jetzt nicht mehr hoch im Kurs. Denkmäler im öffentlichen Raum für eine Person, gar eine solche aus der Politik, waren nach dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr erwünscht und viele Menschen interessierten sich auch nicht mehr für die steinernen Zeitzeugen vergangener Epochen. Auch das Denkmal vom Kaiser unter dem Bismarckturm von 1913 existiert schon lange nicht mehr. Das Kriegerdenkmal von 1927, errichtet in Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges, gibt es allerdings noch.
Außerdem hatte die Stadt andere Sorgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und seiner Zerstörung musste man in Infrastruktur und Wohnungen investieren. Mit dem Wirtschaftswunder kamen immer mehr Arbeiter von nah und fern und sie brauchten ein Dach über dem Kopf. Wen interessierte da der Bismarckturm!
Es kam, wie es kommen musste: der Turm verfiel und der Vandalismus nahm zu. Dabei nahm die Stadt als Eigentümer durchaus Geld in die Hand. Von 2004 bis 2007 wurde der Turm von außen für 100.000 Euro saniert. Danach drückte man den Schlüssel einem ehrenamtlichen Turmwächter in die Hand, der von Mai bis September den Turm morgens um 10 Uhr öffnete und um 17 Uhr wieder abschloss. Geholfen hat es nichts, die Zerstörungen gingen weiter. 2010 wurde die Tür zum Turm zerstört. Der Zahn der Zeit nagte an der Treppe zu den Aussichtsplattformen und ab 2011 wurde der Turm schließlich geschlossen.
2017 wurde er wieder geöffnet. Zumindest kann man sich gegen Personalausweis und einem hinterlegten Pfand einen Schlüssel in der „Schulenburg“ abholen. 2017 hatte der damalige Eigentümer vom Restaurant Schulenburg aus eigener Tasche 9000 Euro in die Hand genommen und so die Öffnung des Aussichtsturmes wieder möglich gemacht. Hintergrund war der Gedanke, die vielen Hochzeitspaare, die in der „Schulenburg“ feiern, könnten den Turm als Fotolocation nutzen. Auch heute noch kann der Schlüssel für den Turm zu den Öffnungszeiten des Restaurants „12 Apostel Schulenburg“ entliehen werden. Am 12. Dezember 1986 wurde der Bismarckturm in die Denkmalliste der Stadt aufgenommen.
Von Dr. Anja Pielorz