Logo
Dies und Das

Sternenkinder: „Trauer hört nie auf, sie verändert sich nur“

Ein Interview mit Seelsorgerin Mareike Jauß über das sensible Thema und Tipps für Betroffene.

Portraitbild

Mareike Jauß, Seelsorgerin

Bildquelle: Hendrik Steimann

Es ist teilweise immer noch ein Tabuthema: Sternenkinder. Der Begriff bezeichnet Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben. Von einer Totgeburt spricht man, wenn ein Kind mindestens 500 Gramm wiegt oder die 24. Schwangerschaftswoche erreicht hat. Der internationale Tag war am 15. Oktober. Mareike Jauß hat jahrelang in Witten als Seelsorgerin gearbeitet und war dabei vor allem auf Sternenkinder fokussiert. IMAGE hat mit ihr gesprochen.

IMAGE: Wie verbreitet ist das Thema Sternenkinder und wie häufig sind Eltern davon betroffen?
Jauß: Es ist sehr schwierig, das zu beziffern, weil es für Fehlgeburten keine standesamtliche Meldepflicht gibt. Kinder, die vor der 24. Schwangerschaftswoche und mit einem Gewicht unter 500 Gramm geboren werden, werden also nicht vollständig erfasst. Es gibt Schätzungen, wonach circa 20 Prozent der bestätigten Schwangerschaften vorzeitig mit einer Fehl- oder Totgeburt enden. Die Dunkelziffer dürfte sogar weitaus höher liegen, wenn man bedenkt, dass viele Schwangerschaften enden, bevor sie überhaupt bemerkt wurden.
IMAGE: Wie viele Personen haben Sie bereits bei der Trauerbewältigung begleitet?
Jauß: Puh, das ist schwer zu sagen, weil ich die Begleitungen nicht zähle oder dokumentiere. Sicher bin ich bereits einigen Hundert Menschen begegnet, die um ein Sternenkind trauern.
IMAGE: Wieviel Zeit brauchen Betroffene?
Jauß: Bei dieser Frage möchte ich direkt zurückfragen: Zeit wofür? Nach meiner Erfahrung sucht Trauer ein Leben lang nach Raum und Ausdruck. Trauer hört nie auf, sie verändert sich eher mit der Zeit und der Verlust wird nach und nach immer mehr zum Teil der eigenen Lebensgeschichte. Das benötigt häufig aber deutlich mehr Zeit, als das Umfeld bereit ist, den Trauernden zuzugestehen. Man sagt, unsere Gesellschaft räume trauernden Menschen etwa drei Monate Zeit ein, bis „es auch mal wieder gut sein“ müsse. Ein solch kurzer Zeitraum genügt aber natürlich auf keinen Fall, um das eigene Leben und die eigene Identität neu zu konstruieren.
IMAGE: Kennen Sie ein Paar, das mehrere Fehlgeburten hatte und sich trotzdem nicht von ihrem Kinderwunsch abbringen ließ? Was war der Antrieb?
Jauß: Ich erinnere mich an ein Paar, das auch nach zwölf Fehlgeburten das Vertrauen ins Leben nicht verloren hatte.
IMAGE: Worauf ist bei diesem sensiblen Thema besonders zu achten – auch, wenn Angehörige versuchen, für betroffene Eltern da zu sein? Welche weiteren Sätze gilt es, zu vermeiden?
Jauß: Ich glaube, es ist grundsätzlich hilfreich, sich mit vermeintlich tröstenden Allgemeinplätzen zurückzuhalten und stattdessen den Betroffenen „einfach“ zuzuhören. Ihnen ein offenes Ohr und Raum für das anzubieten, was sie bewegt, Interesse zu zeigen und den Schmerz des Verlustes zu würdigen. Sätze wie „Sei froh, dass das Baby noch so klein war und du es noch nicht richtig kennengelernt hast“ oder „Ihr seid doch noch jung und könnt doch noch viele Kinder bekommen“ bewirken häufig genau das Gegenteil und vermitteln vielen Eltern: So schlimm ist euer Verlust doch gar nicht! Deshalb braucht ihr doch nicht so traurig zu sein. Häufig resultieren solche Aussagen aus einer tiefen Unsicherheit oder dem Wunsch, dass die Betroffenen möglichst schnell wieder „normal“ werden, weil man als Außenstehende ihre Trauer vielleicht nur schlecht erträgt und/oder mit dem Thema nicht konfrontiert werden möchte.
Manchmal hilft man Betroffenen aber auch am meisten dadurch, dass man sie in ihrer Trauer „sieht“, das heißt Rücksicht darauf nimmt, dass sie aktuell vielleicht nicht in der gleichen Weise „funktionieren“ können wie sonst.
IMAGE: Mit welchen Personen führen Sie Gespräche?
Jauß: Gerade bei Schwangerschaftsverlusten ist es wichtig, im Blick zu behalten, dass nicht nur die Mutter um ihr Sternenkind trauert. Gerade die Väter geraten in ihrer Trauer häufig aus dem Fokus, zum einen, weil alle Aufmerksamkeit der gebärenden Mutter gilt, und zum anderen, weil die Väter sich selbst oft zurücknehmen, für ihre Partnerin „stark sein“ wollen. 
Viele Sternenkinder haben aber auch „große“ Geschwisterkinder, die sich auf das kleine Brüderchen oder Schwesterchen gefreut haben und nun vielleicht durch die Ereignisse und die Trauer der Eltern ziemlich überfordert sind. Hier gilt es, einfühlsam zu schauen, wie eine Abschiednahme vom Geschwisterkind aussehen und wie der Trauerprozess im Familiensystem gestaltet werden kann.
Und schließlich sind da auch noch Großeltern und andere Verwandte und Bekannte, die hin und wieder Kontakt zu mir aufnehmen, weil sie vielleicht verunsichert sind und nicht wissen, wie sie für die trauernden Eltern da sein können.
IMAGE: Wie können Paare füreinander da sein, selbst wenn sie die Situation unterschiedlich verarbeiten?
Jauß: Der Schlüssel ist sicher Kommunikation. Paare müssen miteinander reden, um die Perspektive ihres Partners kennenlernen und Unterschiede im Erleben der Trauer wahrnehmen und akzeptieren zu können. Trauer ist ein hochindividueller Prozess und Männer trauern häufig anders als Frauen. Ein Austausch darüber kann auch zu der Erkenntnis führen, dass der eine Partner die Bedürftigkeit des anderen nicht heilen oder stillen kann und das auch nicht muss. Meiner Erfahrung nach ist es oft zielführender, dass jeder gut für sich selbst sorgt und sich nötigenfalls die Hilfe holt, die zu seinen Bedürfnissen passt.
IMAGE: Wie lässt sich eine Abschiedsfeier gestalten und wer kann bei Erinnerungsstücken wie etwa Fußabdrücke oder Fotos helfen?
Jauß: Leider steht den Familien nur ein kurzer Zeitraum zum Kennenlernen und Abschiednehmen zur Verfügung. In dieser Zeit ist es wichtig, wirklich „Eltern“ oder „Geschwister“ für das Kind sein zu dürfen, indem man sein Kind zum Beispiel wickelt, anzieht oder ihm sein „Bettchen“ oder den Sarg schön herrichtet. Auch für Geschwister ist es wichtig, dem kleinen Familienmitglied noch etwas „mitgeben“ zu können, zum Beispiel ein selbstgemaltes Bild, ein Kuscheltier oder Ähnliches. 
Außerdem kann es wertvoll sein, Erinnerungsstücke zu schaffen, die später auch als eine Art „Beweis“ für die Existenz des Kindes dienen können. Die Stiftung „Dein Sternenkind“ bietet an, kostenlose Fotos von professionellen Fotografen machen zu lassen, die für diese sensiblen Situationen geschult sind. In den meisten Krankenhäusern gibt es zudem die Möglichkeit, Hand- und Fußabdrücke vom Sternenkind zu nehmen, die zum Beispiel eine Erinnerungsecke oder Erinnerungskiste bereichern können.

Von Hendrik Steimann