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Gesundheit

„Stambulante“ Pflege

Hoffnungsträger oder heiße Luft?

In Deutschland gibt es fast sechs Millionen pflegebedürftige Menschen. Der Großteil von ihnen (fast 90 %) wird zu Hause von den Angehörigen versorgt. Die Kosten für vollstationäre Pflege gehen durch die Decke und betragen bundesweit durchschnittlichlich 3000 Euro Eigenanteil zuzüglich der Beiträge aus der Pflegeversicherung – monatlich. Prognosen und die demographische Entwicklung gehen von immer mehr Pflegebedürftigen („Babyboomer“ kommen in die Jahre) und immer höheren Eigenanteilen aus. Schon heute leiden die Pflegekassen unter einem Milliardendefizit. Es gibt einen massiven Personalmangel und ein Großteil der Pflegebedürftigen ist dauerhaft nicht in der Lage, den Eigenanteil für das Pflegeheim zu zahlen. Kurzum: Das Pflegesystem ist schwerkrank und braucht dringend tiefgreifende Reformen. Die Diskussion zielt daher auch auf alternative Wohnformen im Alter, die bestehende Kosten reduzieren könnte. Die „stambulante“ Pflege wird als eine Möglichkeit diskutiert.

Was ist „stambulante“ Pflege?
„Stambulant“ ist ein Kunstwort aus „stationär“ und „ambulant“. Es beschreibt eine Pflegeform, die Elemente beider Pflegearten kombiniert. Pflegebedürftige wohnen nicht mehr allein zu Hause, aber auch nicht im klassischen Heim. Stattdessen leben sie in kleinen, gemeinschaftlich organisierten Wohneinheiten mit professioneller 24-Stunden-Betreuung. Die Pflegeleistungen werden als Module über die Pflege- und Krankenversicherung abgerechnet. Der Bewohner zahlt nur für tatsächlich genutzte Leistungen und Unterkunft. Auch die Rolle der Angehörigen verändert sich: sind sie in der stationären Pflege nur Besucher und in der ambulanten Versorgung die zentrale Versorgungsrolle neben dem ambulanten Pflegedienst, können sie in diesem Pflegemodell im (freiwilligen) Mitmach-Prinzip zur Entlastung beitragen. Durchschnittlich 15 Bewohner leben in einer gemütlich und alltagstauglich eingerichteten Wohngemeinschaft. Der eigene Alltag wird je nach persönlichen Möglichkeiten gestaltet. Es gilt das Prinzip: Wer Menschen alles abnimmt, sorgt für eine größere Abhängigkeit.

Alternative Wohnformen im Alter
In den Niederlanden, Dänemark und Schweden gibt es seit Jahren gemeinschaftliche Wohnformen für pflegebedürftige Menschen, die weder als Heim noch als häusliche Pflege klassifiziert werden. Diese Modelle zeigen nachweislich eine hohe Zufriedenheit bei Bewohnern und Angehörigen, oft bei niedrigeren Kosten als die vollstationäre Versorgung. Auch in Deutschland wird über alternative Wohnformen im Alter diskutiert. Wohngemeinschaften für Ältere gibt es, aber die Herausforderung stellt sich dann, wenn Pflege benötigt wird. Vereinzelt gibt es Wohnformen, bei denen Angehörige selbst die Pflege gemeinsam mit einem ambulanten Pflegedienst übernehmen. Viele Rechtsvorschriften sind jedoch stark reguliert. Flächendeckende Modelle sind bisher Fehlanzeige. Mit dem stambulanten Modell will der Bund das ändern. Entwickelt wurde das Konzept 2016 von der BeneVit-Gruppe in Baden-Württemberg, zusammen mit der AOK und dem Sozialministerium. Dort wurde es im Haus Rheinaue in Wyhl als „Mitmach-Pflegeheim“ erstmals praktisch umgesetzt. Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet und aufgrund seines Erfolges immer wieder verlängert. Die AOK Baden-Württemberg finanziert das Modell jetzt seit zehn Jahren.

Stambulante Idee 2026 schon zehn Jahre alt
Geprägt wurde es durch BeneVit-Gründer Kaspar Pfister, der als Erfinder des stambulanten Systems gilt. In Pfisters Modell leben pflegebedürftige Menschen in eigenständigen, barrierefreien Wohngemeinschaften, die gemeinschaftlich organisiert sind. Dort erhalten sie eine auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Pflege – nach ambulantem Leistungsrecht, aber unter stationärer Kontrolle. In der Pflege-WG findet ein möglichst normaler Alltag statt. Wer kann und möchte, beteiligt sich an hauswirtschaftlichen Tätigkeiten wie Kochen, Waschen und Putzen. Was nicht mehr selbst erledigt werden kann, übernehmen nach Absprache Angehörige, das Stammpersonal oder Pflegefachkräfte.
Was das Modell möchte: starre Strukturen überwinden, ein Höchstmaß an Selbstständigkeit und Gemeinschaft für die Pflegebedürftigen bei gleichzeitiger Ressourcenschonung des Pflegepersonals. Und eine Reduzierung der Kosten: für die Pflegebedürftigen sollen bis zu 1000 Euro im Monat wegfallen im Vergleich zu einer stationären Pflege. Auch für das Gesundheitssystem soll es sich lohnen und Geld einsparen – bis zu 7.200 Euro pro Bewohner und Jahr.
Doch dem Ideengeber des Modells geht es erst in zweiter Linie um Zahlen. Weitaus wichtiger ist ihm der Mensch. Das Gemeinschaftsmodell fördert die Aktivität der älteren Menschen, weckt und erhält die Lebensgeister und schafft es in manchen Fällen sogar, bereits verloren geglaubte Fähigkeiten erneut zu erlangen.

Weg in die Politik brauchte acht Jahre
Erstmals bundesweit in die Diskussion gebracht wurde das Konzept im Jahr 2024 durch den damaligen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Er bezeichnete die stambulante Pflege als Lösung für die Versorgungslücke zwischen häuslicher und vollstationärer Pflege und will sie in einer dritten Säule zwischen stationärer und ambulanter Versorgung etablieren. Es gibt jedoch große bürokratische Hürden. Der stationäre und der ambulante Pflegebereich in Deutschland sind rechtlich und versicherungstechnisch strikt getrennt. Um Mischformen zu ermöglichen, braucht es zahlreiche Reformen der Vorschriften. 
Am 1. Januar 2026 trat das Bürokratieentlastungs- und Pflegepersonaleinsparungsgesetz (BEEP) inkraft. Die stambulante Versorgung ist dabei einer von mehreren Bausteinen. Dadurch soll der Aufbau einer stambulanten Versorgung auch bundesweit gelingen.

Kritiker sehen neues Bürokratiemonster
Kritiker der stambulanten Versorgung sehen vor allem ein weiteres Bürokratiemonster auf sich zukommen. Sie wollen eine komplette Aufhebung der starren Versäulung und eben nicht mit der stambulanten Pflegeform eine weitere, dritte Säule im System. Sie wollen, dass Pflegeleistungen nach Bedürftigkeit und nicht nach Wohnform gewählt werden können. Fehlende Standards, eine komplizierte Finanzierung und die Gefährdung bestehender alternativer Wohnformen sind weitere Kritikpunkte. Außerdem lasse sich damit das Grundproblem – eine steigende Nachfrage nach Pflege in Kombination mit einer sinkenden Personalproblematik – nicht lösen. Schon 2024 sagte der damalige ehrenamtliche Sprecher der Ruhrgebietskonferenz Pflege, einem Arbeitgeberbündnis von 40 Unternehmen der Sozialwirtschaft, Ulrich Christofczik: „Wir leiden an einer Gesetzgebungsdiarrhö, die Ressourcen bindet, aber keine Probleme löst.“

Von Dr. Anja Pielorz