Zusammen mit den Hattinger Stadtarchivaren Sabine Krämer und Thomas Weiß besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ alte Gebäude und Plätze. Thema heute: Siebzig Jahre Freibad Welper.
Wer die Historie zu Freibädern verstehen möchte, muss weit in die Geschichte zurückgehen. Am 21. November 1634 geschah auf der Ruhr am Mühlenwinkel ein schweres Schiffsunglück. 25 Menschen, die vom Hattinger Markt mit der Fähre zurückkehren wollten, ertranken. Sie konnten nicht schwimmen. Es sollte noch viele Jahrzehnte dauern, bis man sich des Problems annahm und in Hattingen im Juni 1877 die erste Hattinger Badeanstalt an der Schleuse eröffnete. Der Märkische Anzeiger berichtet, dass zumindest für Knaben hier Schwimmkurse stattfanden. An ein gesondertes Freibad war noch lange nicht zu denken, aber das Baden im Fluss war bekannt und beliebt und zumindest rückte zunehmend die Erkenntnis nach, dass man für dieses Vergnügen schwimmfähig sein sollte. Die erste Hattinger Badeanstalt hielt 21 Jahre. Dann wurde sie durch ein Hochwasser so stark zerstört, dass die Kosten zu hoch waren, um sie wieder aufzubauen. Baden im Fluss wollte man trotzdem und so eröffnete Julius Stolle am 8. Juni 1899 bei Haus Weile in Baak die Flussbadeanstalt. Der Fluss als Badeanstalt gewann an Bedeutung: In Blankenstein wurde 1920 ein Ruhrstrandbad eröffnet, am Felderbach wurde 1925 für die Schulen der Gemeinde Niederbonsfeld eine Badeanstalt errichtet. 1928 wurde das Ruhr-Strandbad in Welper eröffnet – von einem Freibad ist jedoch immer noch keine Rede.
DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der Wiederaufbau eine Welle der Industrialierung mit sich. Nicht selten wurden industrielle Abwässer in Flüsse geleitet. Im Juni 1954 wurde das Baden in der Ruhr vom Wehr des Kraftwerks Hohenstein in Witten bis Altendorf wegen der Ansteckungsgefahr durch pathogene Keime verboten. Das Wasser war einfach zu dreckig geworden. Die Stunde der Freibäder mit gesundheitlich bedenkenlosem Wasser und zudem noch kontrollierbarer Wasserqualität war gekommen. 1956 wurden sowohl in Sprockhövel als auch in Welper ein Freibad eröffnet. In Welper fiel der Startschuss am 8. Juli in „hellem Sonnenschein“ und „bei volkstümlichen Preisen“. Eine gute Saison wurde es bei viel Regen allerdings nicht.
Noch gab es die Flussbadeanstalten, die sich allerdings Sorgen um ihre Existenz machten. Nicht nur das Freibad war eine Konkurrenz, es gab auch schon bald Lehrschwimmbecken und Hallenbäder. Der Bedeutung des Schwimmens war man sich bewusst. Die legendäre Flussbadeanstalt Stolle ging 1959 durch die Ruhrverlegung für die Henrichshütte verloren. 1964 wurde das Sportzentrum Niederwenigern mit einem Lehrschwimmbecken eröffnet. In der Südstadt gab es ein solches Schwimmbecken schon seit 1958. Und das vielen Hattingern noch bekannte Sportzentrum in der Talstraße mit seinem Hallenbad wurde am 4. Oktober 1968 eingeweiht, 2003 geschlossen und 2010 abgerissen.
Das Freibad in Welper war – wie eigentlich alle Freibäder – immer ein finanzielles Zuschussgeschäft. Die Freibäder können ja nur in den Monaten Mai bis September öffnen. In diesen fünf Monaten gab und gibt es oft kalte Phasen, sodass die Anzahl der Badegäste zu wünschen übrig ließ. 1994 wurde in Sprockhövel sogar die Schließung des Freibades aus wirtschaftlichen Gründen diskutiert. Das war dort die Geburtsstunde eines bis heute unglaublich aktiven Fördervereines. Und das Bad in der Nachbarstadt kann ebenfalls in diesem Jahr auf siebzig Jahre zurückblicken.
Einen Förderverein gibt es im Freibad Welper nicht. Trotzdem bemüht sich die Stadt Hattingen sehr darum, dass seit November 2004 wegen seiner Architektur unter Denkmalschutz stehende Freibad zu erhalten. Im letzten Jahr wurde die Beckenfolie im Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken ausgetauscht. Die Investition kostete 350.000 Euro. Außerdem wurde am Babybecken ein kleiner Spielplatz gebaut. Immer wieder gibt es auch besondere Veranstaltungen im Freibad.
Ein Blick in die Historie zeigt auch einen ganz besonderen Termin. 1991 wurde ein Sommerspektakel durchgeführt und am 15. September trat im Freibad Welper Pop-Titan Dieter Bohlen mit seiner Band „Blue System“ auf. Hits wie „Under my skin“ wurden geboten. Mit von der Partie war auch seine damalige Lebenspartnerin Nadia Farrag („Naddel“) mit ihren Tanzeinlagen. Allerdings war das Wetter schlecht und die Zuschauerresonanz blieb hinter den Erwartungen zurück. Gerechnet hatte man mit 5000 kreischenden Fans, gekommen waren nur 2000. Bäderchef Rudi Aschendorf klagte damals in der Tageszeitung: „Man kann anbieten, was man will. Es kommt keiner.“
Die Tageszeitung erfreute allerdings damals wie heute mit einer ganz besonderen Überschrift zur Nachberichterstattung des Spektakels.
Von Dr. Anja Pielorz