Logo
Hattingen

Karl Moritz Reich und die „umgedrehte Schuhkommode“

Blankensteiner Stadtgeschichten in Zusammenarbeit mit Nachtwächter Henning Sandmann.

Maler

Karl Moritz Reich

Henning Sandmann ist Heimatforscher, Nachtwächter, Stadtführer und ein Quell der Anekdoten und Geschichten aus seinem Stadtteil Blankenstein. Profundes Wissen hat er auch über den Blankensteiner Kunstmaler Karl Moritz Reich (1862 - 1929) zusammengetragen. „Er gehörte zu den vielen Malern, die das idyllische Ruhrtal um Blankenstein mit der Burg und den industriell markanten Punkten vor über 100 Jahren für sich mit seinen Arbeiten bzw. Bildern entdeckte. Er selbst bezeichnete sich auch als Landschaftsmaler und es existieren noch einige Farbgemälde und Lithographien im Original von ihm“, erzählt Sandmann und ergänzt: „Die Halbach Hämmer in Blankenstein hat er sowohl als Lithographie, als auch als Ölgemälde im ursprünglichen Zustand aus unterschiedlichen Perspektiven dargestellt. Viele seiner Bilder sind nach seinem Tod verschwunden oder waren durch den Krieg vernichtet.“
Karl Moritz Reich wurde unweit von Blankenstein am 28. Dezember 1862 in Bochum geboren. Sein Vater, Moritz Reich, war vermögend und besaß in Bochum einige Immobilien. Schon als junger Mann entdeckte er seine Leidenschaft für die Malerei und soll dem Düsseldorfer Künstlerbund „Malkasten“ angehört haben. Dieser Künstlerbund existiert noch heute in Düsseldorf und ist damit einer der ältesten Künstlervereinigungen Deutschlands.

Das Atelier-Haus, die „umgedrehte Schuhkommode“
Am 9. Juli 1905 kaufte der Kunstmaler Karl Reich von der Witwe des Berginvaliden Heinrich Wilde, Caroline Wilde geb. Siepmann zu Blankenstein, den unteren Teil des Grundstückes auf der Bahnhofstraße (heute Zu den sieben Hämmern 9). 1906 zog Reich nach Blankenstein und baute dort ein Haus. „Das Grundstück bot ihm einen wunderbaren Blick ins Ruhrtal und zur Burg. Es war aber auch für damalige Verhältnisse verkehrsgünstig gelegen. Am Ende der Straße war der Bahnhof und auch der Übergang zur Fähre nach Stiepel. Es kamen damals viele Menschen durch die Bahnstation den steilen Berg, die ‚Himmelsleiter‘, hinauf nach Blankenstein. Der Nordhang des Gethmannschen Gartens zur Ruhr, im Volksmund auch Rampelduse genannt, schloss an das Grundstück an und es war auch der Nebeneingang zur selbigen Gartenanlage, die viele Wochenendbesucher anzog. Blankenstein war in der damaligen Zeit durch die Burganlage, den vielen Wirtshäusern und dem Gethmannschen Garten ein Anziehungsmagnet touristischer Art. Als Kunstmaler konnte er sich somit viele Auftragsarbeiten erhoffen“, erzählt Sandmann. 
Zusammen mit dem Berliner Portraitmaler Ludwig Roth wollte Reich hier leben. Zur Rückseite des Hauses entstand ein üppig verglastes Atelier. Doch die beiden Maler zerstritten sich über den weiteren Baufortgang, es kam zum Bruch und Karl Moritz Reich ging das Geld aus. 
„Entsprechend blieb es bei einem Geschoss mit einem provisorischen Flachdach und Säulen, die ursprünglich für den Weiterbau gedacht waren. Diese ,Bauruine‘, die auch in der Sichtachse vom Gethmannschen Garten zur Burg lag, war vielen Blankensteinern ein Dorn im Auge und so hieß das Gebäude im Volksmund verächtlich die ‚umgedrehte Schuhkommode‘“, weiß Sandmann zu berichten. 
Reich holte sich eine junge Düsseldorferin, Elsa Stark, als Haushälterin in das Haus. Sie organisierte sein Leben. Reich selbst war eine auffallende Persönlichkeit in Blankenstein. Immer vornehm gekleidet, mit Hut oder Zylinder, vornehm schreitend durch den Ort. „Sein Haus mit einer großen Treppe vor dem Atelier konnte man nur durch einen kleinen Weg über das oberhalb gelegene Nachbargrundstück Wilde erreichen. Das Haus selbst war durch das fehlende Obergeschoss undicht und ständig reparaturbedürftig. Der Garten war parkähnlich gestaltet mit Aussichtsebenen und Bänken. Für alle Blankensteiner war das Haus und der Garten offen und es wurden dort viele Fotografien mit dem Hintergrund Ruhrtal, Burg und Fachwerkhäuser erstellt. Kinder aus dem Ort waren im Haus und Garten gern gesehen.“ Nur am Wochenende nicht – da wurden Haus und Garten zur Bühne für die Düsseldorfer Künstler.

Künstler hatte nicht viel Geld
Während die einen in ihm einen Blankensteiner Bürger und Künstler mit Kontakten in die Kunstszene nach Düsseldorf sahen, stand für andere Blankensteiner eher seine stets knappe Kasse im Vordergrund. Seine Haushälterin schickte er öfter in den Ort, damit diese sich Geld leihen sollte. Auch die ständig notwendigen Reparaturarbeiten am Haus wurden nicht sofort bezahlt, was ihn nicht gerade beliebt machte. Aber: „Anlässlich der Feierlichkeiten zur 700-Jahr-Feier der Stadt Blankenstein im Jahre 1927 soll er einige seiner Gemälde und Lithographien verkauft haben. Mit diesen Einnahmen soll er einen Teil seiner Schuldverpflichtungen getilgt haben.“
Walter Wortmann, ehemaliger Vorsitzender des Heimatvereines Blankenstein, schrieb 1994 die Geschichte von Karl Moritz Reich auf. Als Reich im November 1929 merkte, dass er sterben würde, ließ er sich ein Totenlager bauen, weil er nicht im Bett sterben wollte. „Dies bestand aus einer Matratze mit einem Holzuntergestell. Warum er dies so veranlasst haben soll, ist nicht gesichert überliefert, aber es ging ihm wohl darum, wie eine wichtige Person aufgebahrt zu werden“, so Sandmann. Karl Moritz Reich soll in Blankenstein beerdigt worden sein, aber die Begräbnisstätte ist nicht bekannt.
Auf den Grundmauern entstand Sechsfamilienhaus
„Über den Nachlass des Malers Reich weiß man, dass er bei seinem letzten Spanienaufenthalt sein Testament geändert und der Familie Brinkmann sein Haus mit Inventar und seine Bilder überschrieben hatte. Seine ihm über Jahre treu ergebene Haushälterin Elsa Stark wurde enterbt, erhielt aber ein Wohnrecht auf Lebzeiten. Nach seinem Tod wurde der Nachlass nach Spanien gebracht, auch seine Bilder „Madonna in Rosen“ und ein zweiteiliges Landschaftsbild mit den Gebirgszügen um Burg Hardenstein. Das Haus wurde von der Tochter des Erben Brinkmann in den 1960er Jahren an den Fliesenlegermeister Theodor Hartmann und seiner Frau Dorothea verkauft. Dieser baute auf den Grundmauern des Gebäudes das heutige Sechsfamilienhaus, in dem heute noch drei seiner vier Kinder leben.“

Von Dr. Anja Pielorz