Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hattingen/Sprockhövel besteht seit 100 Jahren.
Heinz Hennen (l.) und Ingo Arnst haben sich sehr im Vorstand engagiert.
Als am 29. Mai 1926 rund 50 Personen im evangelischen Gemeindehaus in Hattingen zusammenkamen, wurde ein neuer Verein gegründet: Der Blinden- und Sehbehindertenverein. Er ist seitdem als Untergruppe des Verbandes Westfalen angegliedert. Seitdem werden die Zielgruppen und Angehörigen in vielen Bereichen unterstützt und sollen in der Gesellschaft „sichtbar“ werden. Dies geschieht in Hattingen nun seit genau 100 Jahren.
Aktuell gehören dem Verein rund 30 Mitglieder an, zu Gründungszeiten waren es 19. Schon früher trafen sich die Mitglieder regelmäßig, bis zu zwölf Sitzungen fanden jährlich statt. Zu Kriegszeiten gab es höchstens fünf in einem Kalenderjahr, Ausflüge und Kameradschaftsabende fielen weg. Auch die Beteiligung an den Treffen war geringer, was sich aber nach Ende des zweiten Weltkrieges wieder änderte. Der Krieg hatte zwar Einfluss auf den Verein, der diesen aber überlebte und an seiner Bedeutung festhielt. Die Treffen finden seitdem monatlich statt, die auch mit einem Sommerausflug oder einer Weihnachtsfeier gestaltet wurden.
Viele Aktivitäten kommen hinzu
Lange Zeit treu blieben dem Verein ab dem Jahr 1948 einige jüngere Männer, die sich „Herbeder Doppelquartett-Melodia“ nannten und die Zusammenkünfte musikalisch mitgestalteten. 1970 wurde im Zuge der Gebietsreform eine Neueinteilung des Blindenvereins vorgenommen. Die Bezirksgruppe erhielt den Namen „Hattingen-Sprockhövel“. Als im Jahr 1973 Wilma Großeberkenbusch den Vorsitz übernahm, weiteten sich die Aktivitäten aus: Es gab Schwimmen, Kegeln, Töpfern und auch eine Handarbeitsgruppe. Auch Ausflüge wurden unternommen. Bis 1999 war Großeberkenbusch Vorsitzende, ehe der heute 80 Jahre alte Heinz Hennen übernahm und den monatlichen Stammtisch einführte. An jedem zweiten Montag im Monat treffen sich die Mitglieder des Vereins im Restaurant „An de Krüpe“ in Hattingen-Holthausen. Alle Interessierten dürfen zum offenen Stammtisch kommen.
Es wird gemeinsam gegessen und der aktuelle Vorsitzende der Ortsgruppe, Ingo Arnst, bringt alle Anwesenden auf den neuesten Stand über aktuelle den Verein betreffende Nachrichten oder Ideen zu bevorstehenden Planungen und Terminen. Nicht nur beim Stammtisch gibt es sehende Helfer. Mit Barbara Mormann gibt es eine sehr engagierte, die als Kassiererin und Schriftführerin des Vereins fungiert. Sie liest bei den Treffen die Speisekarte laut vor, damit alle sich etwas daraus aussuchen können. Sobald das Essen angereicht wird, unterstützt sie mittels Angaben der Uhrzeigerstellung, an welcher Stelle was auf dem Teller liegt.
Austausch und Beratung der Betroffenen
Arnst betont, dass es wichtig sei, eine Ortsgruppe in Hattingen und Sprockhövel zu haben, in der im Verlaufe der Jahre irgendwann auch Sehbehinderte mit aufgenommen werden konnten statt allein Erblindete. Wichtig ist die Ortsgruppe zum einen, um eine Anlaufstelle zu bieten. Arnst selbst ist einer von derzeit zwei zertifizierten Beratern, wenn es um Fragen bei allen Belangen von Sehbehinderung und Blindheit geht. Es sei wichtig, sich frühzeitig beim Verein zu melden, da die Phase vom guten bis zum schlechten Sehen oder gar bis zur Blindheit eine schwierige Zeit sein kann. „Generell geht es um den Austausch untereinander, den halte ich für ganz wichtig. Ich selbst habe schon vieles erlebt und kann Erfahrungen weitergeben. Es besteht bei vielen oft aber auch ein gewisses Schamgefühl“, weiß der Vorsitzende, der sein Amt seit 2007 bekleidet.
Er könne beispielsweise Tipps geben, wie Betroffene ihr Zuhause einrichten – nämlich mit Kontrasten: „Es sollte bei weißer Deko keine weiße Tasse verwendet werden, genauso ist es im Falle von schwarzen Farben.“ Es komme zudem auf eine gute Ausleuchtung an, gleichzeitig ist dabei gedämmtes Licht zu empfehlen, wenn jemand lichtempfindlich ist. Ein Angebot, was er über den Verein anbietet, ist das Erlernen der Blindenschrift – auch für diejenigen, die (noch) gut sehen können. Das Interesse ist dabei allerdings zurückgegangen. „Das ist schade, die Blindenschrift stirbt aus“, sagt Arnst sogar. Die älteren Mitglieder, die einen großen Anteil im Verein ausmachen, würden sie gerne weitertragen. „Man muss die Schrift allerdings von Grund auf lernen, so wie eine Fremdsprache und dazu ist es noch einmal eine ganz andere Sicht“, merkt der 65-Jährige an.
Hilfen und Anstöße bei Alltagshürden
Viele Hilfen gibt es für Blinde und Sehbehinderte heutzutage über andere Wege, einiges wird digitaler. Etwa über Audios. Es gibt Hörbücher und generell können Texte über Programme vorgelesen werden. „Für viele, die gerne gelesen haben, ist das jedoch eine Umstellung“, weiß Arnst, der übrigens von Geburt aus erblindet ist und immer schon auf Hilfen angewiesen war. Bei Hilfen vor allem im Alltag und außerhalb des eigenen Zuhauses setzt der Verein schon seit langer Zeit an. Denn neben der Beratung sieht sich der Verein insgesamt als ein Bindeglied zwischen Betroffenen und der Politik. Vor allem direkt vor Ort, wo es kleine Hindernisse gibt, die behoben werden sollten.
Das ist immer wieder passiert. An einer Ampel an der Schulstraße in Hattingen-Mitte wurde nach Hinweis schnell ein Blindenknopf angebracht. Vor dem Netto-Markt in Welper ist an der Treppe ein Handlauf montiert worden. Die Treppen vor dem Hattinger Rathaus sind mit Streifen versehen worden. Markierungen, Rillen und Noppen sind an vielen Stellen wichtig – vor dem Umbau des Sprockhöveler Bahnhofs wurde dieser Wunsch geäußert. Sie sind gut mit einem Langstock zu ertasten, den der Verein empfiehlt.
Aktuell ist die neue Skulptur des heiligen St. Georg vor dem Hattinger Reschop Carré ein Thema, wie Arnst berichtet: „Auf Kopfhöhe steht eine Kante etwas vor, wodurch Verletzungsgefahr besteht.“ Er weist darauf hin, dass sich Blinde trauen sollten, sich gegenüber anderen bemerkbar zu machen. Wenn man beim Bäcker in der Schlange steht, soll man ruhig fragen, wann man dran ist. Der Stock sei daher wichtig. Andere Menschen seien dann hilfsbereiter. „Und dann sollte man sich auch helfen lassen“, betont Arnst. Nur so werden Blinde und Sehbehinderte sichtbar.
Von Hendrik Steimann