Nichts ist so spannend und bewegt den Menschen so sehr wie sein eigenes Verhalten und das seiner Mitmenschen. IMAGE greift gemeinsam mit Experten wie Dr. med. Willi Martmöller, Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie (Tiefenpsychologie) in unserer Serie „Wie tickt der Mensch“ spannende Fragen auf und stellt verblüffende Antworten aus der Psychologie vor.
„Jeder Mensch hat soziale Bedürfnisse. Der Wunsch nach Beziehungen gehört zum Mensch-Sein. Die heutigen Beziehungen im real-analogen Leben werden jedoch stark von der digitalen Welt geprägt“, sagt Dr. med. Willi Martmöller. „Die Nutzung der elektronischen und als sozial bezeichneten Medien wie WhatsApp, Facebook, Instagram, Twitter, TikTok, aber auch Dating-Apps oder vergleichbare Online-Plattformen machen deutlich: wir sind auf der Suche nach Beziehungspartnern - sowohl freundschaftlich als auch für eine Paarbeziehung. Je größer die Dominanz der digitalen Welt bei der Suche ist, desto höher ist das Risiko einer parasozialen Beziehung. Das meint eine einseitige und illusionäre Beziehung, die sich durch ein Gefühl der Vertrautheit darstellt, obwohl man die Person überhaupt nicht kennt. Man weiß noch nicht einmal, ob diese Person als Mensch überhaupt existiert oder ob es sich nicht um eine Interaktion mit einem Chatbot handelt. Je zeitintensiver diese dauerhafte Nutzung ist, desto größer ist die Gefahr der Ablösung von real-analogen Kontakten.“
Doch Parasozialität meint noch mehr. „Auch wenn die Person real-analog existiert, kann die Beziehung zu ihr von Illusionen geprägt sein. Im Präsentationsmodus performen wir beispielsweise vor dem ersten persönlichen Treffen das ‚Schöne und Faltenfreie Ich‘. Wir erzeugen ein Bild von uns, was nicht immer mit der Realität übereinstimmt. Die erste Enttäuschung beim persönlichen Kennenlernen ist dann oft groß. Doch es geht weiter: Zunehmend werden Konflikte nicht mehr von Angesicht zu Angesicht ausgetragen, sondern in die digitale Welt verlagert. Auf WhatsApp muss man auf das Gegenüber nicht sofort reagieren. Man kann sein Gegenüber ‚stumm‘ stellen. Auch Internet-Eifersucht ist ein parasoziales Thema. Wieviel Zugriff hat man auf die Daten des Partners? Nutzt man die Ortungsfunktion? Wann beginnt emotionale Untreue? Und schließlich: wie lange darf ich mir mit der Antwort auf eine Frage meines Gegenübers Zeit lassen? Eine digitale Beziehung ist ständig kontrolliert verfügbar. Ist sie Teil einer Beziehung, die im analogen Leben geführt wird, müssen wir mit Veränderungen, Nicht-Verfügbarkeit und einer anderen Kommunikationsform leben können. Ist die Erwartung an eine real-analoge Beziehung die gleiche wie bei der digitalen Beziehung, ist das Risiko des Scheiterns hoch.“ Viele Beziehungen mischen digitale und analoge Formen. „Es muss verstanden werden, dass die Online-Komunikation minimalistischer und fragmentarischer ist. Kennt man sein Gegenüber in der real-analogen Welt, ist das Verständnis dafür in der Regel vorhanden. Videochats, Livestreams oder Verabredungen in der virtuellen Welt ersetzen analoge Treffen nicht. Es braucht den direkten Gesichtsausdruck oder die Gelegenheit, das Gegenüber zu berühren, um eine Beziehung zu vertiefen.“
Der Mensch besteht aus fünf Sinnen
Die fünf Sinne des Menschen sind Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen/Tasten. Mit allen Sinnen nimmt der Mensch seine Umwelt wahr. Über Augen, Ohren, die Nase, die Zunge und die Haut ist der Mensch mit seiner Umwelt verbunden. Für seine Interaktion ist der Gebrauch aller Sinne notwendig. Eine dauerhaft digitale Beziehung befriedigt nur zwei Sinne: das Sehen und das Hören. Eine gute partnerschaftliche Beziehung braucht die Befriedigung aller Sinne - wobei die Schwerpunkte, welche Sinne gerade besonders gefragt sind, wechseln können.
Von Dr. Anja Pielorz