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Gesundheit

IMAGE-Serie Wie tickt der Mensch

Verändert sich Aufmerksamkeit durch Informationsflut?

Nichts ist so spannend und bewegt den Menschen so sehr wie sein eigenes Verhalten und das seiner Mitmenschen. IMAGE greift gemeinsam mit Experten wie Dr. med. Willi Martmöller, Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie (Tiefenpsychologie) in unserer Serie „Wie tickt der Mensch“ spannende Fragen auf und stellt verblüffende Antworten aus der Psychologie vor.

„Gut informiert zu sein ist für die meisten Menschen ein wichtiger Baustein im Zusammenleben. Die Informationsflut moderner Gesellschaften macht das heute zu einer Herausforderung – mit Konsequenzen. Um das zu verstehen, werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. Als die Menschen noch um das Feuer herumsaßen und sich Geschichten erzählten, war die Zahl der Einzelinformationen sehr begrenzt. Im Laufe der Jahrhunderte und mit Hilfe der Technik wuchs sie immer stärker. Heute prasseln ohne Pause in jeder Sekunde Millionen von Informationen auf den Menschen ein. Es ist unmöglich geworden, alle zur Verfügung stehenden Informationen kognitiv zu verarbeiten. Unser Gehirn ist zwar anpassungsfähig, aber immer noch auf klare Handlungsimpulse und echte Erholungsphasen ausgelegt. Normalerweise sorgt ein Teil des Nervensystems, der sogenannte Parasympathikus, für eine notwendige Beruhigung nach einer Phase des Stresses. Fällt diese Regulation aufgrund permanenter Informationsflut weg, passt sich der Organismus an das dauerhaft hohe Stressniveau an. Langfristig führt dies aber zu einer chronischen Erschöpfung“, erklärt Dr.med. Willi Martmöller.
„Wir versuchen ständig, Informationen zu filtern, sind darin aber nicht besonders gut. Den Grund dafür hat der Wirtschaftsnobelpreisträger von 1978, Herbert Simon, schon vor Jahrzehnten erkannt und auf den Punkt gebracht: ‚Ein Überfluss an Information schafft eine Knappheit an Aufmerksamkeit und die Notwendigkeit, diese Aufmerksamkeit effizient zu verteilen.‘ Weil das so ist, nimmt jeder primär die Informationen wahr, von denen er etwas kennt, die ein vertrautes Muster bieten und die zu seinen bisherigen Überzeugungen passen. Das ist für eine demokratische Gesellschaft problematisch, weil sich widersprechende Informationen ein natürlicher Teil des demokratischen Prozesses sind. Hinzu kommt, dass die Informationsquellen heute oft keine qualitative Vorauswahl mehr bieten. Ein Algorithmus ist eben kein repräsentatives Abbild der Informationslage, sondern nur eine Selektion auf der Basis unserer bisherigen Informationssuche im Netz. Je höher die kognitive Last, desto stärker die Suche nach Informationen, die die eigene Meinung bestätigt. Unter Zeitdruck verliert der Mensch die Fähigkeit zum Nachdenken sowie wahre und falsche Informationen zu unterscheiden. Angezogen von negativen Schlagzeilen aus Angst um das eigene Überleben ist die Informationsflut und ihr Algorithmus ein Produkt, welche das tägliche Verhalten von Menschen steuert und ihre Aufmerksamkeit nachteilig verändert.“

Von Dr. Anja Pielorz