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Gesundheit

IMAGE-Serie Wie tickt der Mensch

Hate Speech - was macht es so gefährlich?

Nichts ist so spannend und bewegt den Menschen so sehr wie sein eigenes Verhalten und das seiner Mitmenschen. IMAGE greift gemeinsam mit Experten wie Dr. med. Willi Martmöller, Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie (Tiefenpsychologie) in unserer Serie „Wie tickt der Mensch“ spannende Fragen auf und stellt verblüffende Antworten aus der Psychologie vor.

„Wir leben in einer Empörungsgesellschaft, in der die Hassrede immer alltäglicher wird. Zwei Gruppen sind dabei besonders betroffen: zum einen jene, die in der Öffentlichkeit als Kommunikatoren tätig sind, zum anderen junge Menschen zwischen 12 und 17 Jahren. Eine repräsentative Studie mit dem Titel ‚Lauter Hass – Leiser Rückzug‘ (2024) des Kompetenznetzwerkes gegen Hass im Netz unter mehr als 3000 Internetnutzern fand heraus, dass ein Viertel der Befragten mit verbaler körperlicher, 13 Prozent mit sexualisierter Gewalt konfrontiert wurde und fast jede zweite junge Frau bereits ungefragt Nacktfotos erhalten hat,“ erklärt Dr. med. Willi Martmöller. „Unter dem Deckmantel der Anonymität lässt sich enthemmter Hass ungehemmt ausleben. Ohne ein direktes Gegenüber drohen kaum Konsequenzen. In vielen Fällen liegt dem Hate Speech ein Mangel an Selbstwertgefühl zugrunde, außerdem die Angst, dass andere einem etwas wegnehmen könnten. Wer andere Menschen abwertet, kann sich selbst oder seine eigene Gruppe aufwerten. Machterhalt und Ungleichheit sind der Nährboden von Hate Speech, denn in der Herabwürdigung des anderen erfährt das eigene Selbstwertgefühl eine Aufwertung: Ich ‚fühle mich wieder als wer und habe es dem jetzt aber gezeigt‘ ist die Kompensation der eigenen gefühlten Unsicherheit. Gerade verunsicherte Menschen, die Kontrollverlust erleben, können so ein Gefühl der scheinbaren Kontrolle wiedererlangen. Oft erfahren sie sogar eine Aufwertung, weil andere sie für ihre Worte liken, sie bestärken und dadurch ein Gruppen- und Zusammenhangsgefühl entsteht“, beschreibt Martmöller die psychologische Dimension von Hate Speech.
„Hinter Hate Speech stehen Menschen, die wissen, was sie mit ihrem Hass anrichten. Es gibt aber auch Personen, die aus einem Affekt heraus reagieren und keine anderen Strategien kennen, als sich so zu verteidigen. In jedem Fall sind die Konsequenzen für Betroffene erheblich. Angst, Stress, Rückzug aus der Debatte bis hin zu depressiven Symptomatiken und Selbstzweifeln gehören dazu. Die eigene Selbstwahrnehmung gerät ins Wanken und eine Verunsicherung über den digitalen Raum hinaus tritt ein. Deshalb darf man zu Hate Speech nicht schweigen. Persönliche Ansprechpartner bis hin zur Telefonseelsorge helfen.“

Hate Speech - was ist das?
Unter dem Begriff „Hate Speech“ (Hassrede) werden diskriminierende, abwertende und bedrohliche Äußerungen verstanden, die gegen Einzelpersonen oder Gruppen gerichtet sind. Inhaltlich haben diese Äußerungen oft etwas mit der Herkunft, dem Geschlecht, der sexuellen Identität oder der Religion zu tun. Ihr Ziel ist die Verbreitung von Hass, Diskriminierung, Einschüchterung und die Anstiftung zur Feindseligkeit. Die Beleidigungen, Bedrohungen und Verunglimpfungen finden sowohl in den digitalen Netzwerken als auch in der analogen Welt statt. Der Schwerpunkt liegt allerdings deutlich in der digitalen Welt. Es soll der Eindruck erweckt werden, die Hetze bilde die gesellschaftliche Meinung ab. Die reale Meinung der Mehrheit kommt dabei nicht zum Ausdruck, denn die Meinung der Minderheit stellt sich durch die einfache Verbreitung in der digitalen Welt als Meinung der Mehrheit dar.
„Hate Speech“ ist nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Bestimmte Formen sind strafbar. Dazu gehören beispielsweise die Volksverhetzung (§ 130 StGB) sowie Beleidigung und Bedrohung (§ 185 StGB).

Von Dr. Anja Pielorz