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Hattingen

Hüttenkampf vor vierzig Jahren: Eine Stadt im Widerstand

Zusammen mit der Hattinger Stadtarchivarin Sabine Krämer und Zeitzeuge Bernd Lauenroth besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ die alten Gebäude und Plätze. Thema heute: Der Hüttenkampf und das legendäre „Dorf des Widerstandes“.

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Das „Dorf des Widerstandes“ entstand im September 1987 auf dem Parkplatz der Henrichshütte, wo heute der Hellweg-Baumarkt steht.

Erz, Kohle und die Ruhr waren die Bausteine für die Gründung der Henrichshütte 1854. Hier wurde Eisen und Stahl erzeugt, gegossen, geschmiedet und gewalzt. Bis zu 10.000 Arbeitsplätze waren in der Blütezeit „auf der Hütte“ tätig. Noch 1959 wurde die Ruhr in ihrem Flussbett umgeleitet, weil der Betrieb mehr Platz brauchte. 25 Jahre später steckte die Stahlindustrie im Revier in einer tiefen Krise. Das „magische Viereck“ aus Wachstum, Preisstabilität, außenwirtschaftlichem Gleichgewicht und einem hohen Beschäftigungsstand geriet aus dem Gleichgewicht. Bergbau, Stahlkrise und die Automatisierung in der Metallindustrie führten zu einem atemberaubenden Strukturwandel und zu der Frage, wer dafür den Preis bezahlen sollte.

DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
Im Juni 1987 kam der damals 29-jährige Bernd Lauenroth von der IG Metall in Peine als Gewerkschaftssekretär nach Hattingen. Er kam zu einer Zeit, als sich in der Bevölkerung bereits Widerstand und Wut den Weg bahnte und als Otto König Erster Bevollmächtigter der IG Metall Hattingen war. Nach dem Kampf um die Arbeitsplätze in der Maschinenfabrik Mönninghoff war König seit Herbst 1986 in den Kampf um den Erhalt der Henrichshütte in Hattingen involviert. Erstmals in der Nachkriegsgeschichte sollte es in der Stahlindustrie zu Massenentlassungen kommen. 
Im Februar 1987 entzündete sich der Widerstand in einer beispiellosen Dynamik. Das Bürgerkomitee „Hattingen muss leben“ wurde gegründet. „Alle, die ganze Stadt, haben den Protest getragen“, sagt Bernd Lauenroth heute. Als er im Juni nach Hattingen kam, waren schon viele Aktionen gelaufen: Es gründete sich eine Frauen- und Jugendinitiative, auf einem Aktionstag wurde der Verkehr an der Reschop-Kreuzung komplett lahmgelegt. Neben Otto König waren es Pfarrer Klaus Sombrowsky und Bürgermeister Günter Wüllner, die aus dem Arbeitskampf „eine echte Stadtrebellion“ machten, so Lauenroth. Im März demonstrierten 30.000 Menschen – die größte IG-Metall-Kundgebung in der Geschichte Hattingens. 
Der Juni 1987 brachte die Stunde der Wahrheit. „Es gab einen Hungerstreik der Fraueninitiative, es gab Demonstrationszüge von der Hütte, von O & K und von Köppern. Allein 14.000 Menschen standen auf dem Rathausplatz und demonstrierten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung am 23. Juni 1987. Die Arbeit in der Hütte ruhte. In Duisburg demonstrierten 15.000 Stahlarbeiter vor der Thyssen-Zentrale, 2500 Krupp-Stahlarbeiter von Rheinhausen blockierten eine Rheinbrücke. In Duisburg kommt der Aufsichtsrat zusammen und um 16.45 Uhr verkündet der IG Metall Bevollmächtigte die Stillegung der Henrichshütte – Betriebsratsvorsitzender Rolf Bäcker schafft es nicht.“ 
Aufgeben war aber keine Option. Auf dem Parkplatz der Henrichshütte, wo heute der Hellweg-Baumarkt steht, entstand vom 15. bis 25. September 1987 – trotz Drohung durch den Thyssen-Vorstand – das „Dorf des Widerstandes.“ „Alle waren dabei. Jugend, Senioren, Überregionale, die Kirche und die Künstler. Hellmut Lemmer, Egon Stratmann, Bernhard Matthes, Martin Funda, die Band Skifellia Hattingensis, Reinhard Kreckel – es gab so viele. Kreckel setzte im Dorf visuelle Zeichen des Widerstands mit Kunst- und Flaggenaktionen und schuf die Stahlpyramide FE 3 aus drei schweren Stahlblechen, die heute wieder an der Hütte-/Bismarckstraße steht. Unser Ziel waren Beschäftigungsgesellschaften statt Abwicklung. Wir wollten die Landesregierung und den Konzern in die Pflicht nehmen und die Menschen durch Qualifizierung in Ersatzarbeitsplätze bringen, anstatt sie einfach auf die Flure zum Arbeitsamt zu schicken.“ 4500 Menschen versammelten sich am 25. September 1987 im Dorf zur Abschlusskundgebung. 
Der Widerstand der Stahlarbeiter und der ganzen Stadt übte auf Politik und Arbeitgeber enormen Druck aus und schuf den Grundstein für die Schaffung einer Beschäftigungsgesellschaft. Aus diesem Modell entwickelte sich die heutige Form der Transfergesellschaften. Die sofortige Entlassung von 2900 Menschen konnte verhindert werden. 1200 Beschäftigte wurden in andere Thyssen-Werke übernommen und 1500 ältere Beschäftigte wurden über Vorruhestandsregeln und einer Transfergesellschaft sozial abgefedert. „Demokratie braucht Widerstand“, ist sich Bernd Lauenroth damals wie heute sicher. Ein lebendiges Beispiel war der Hüttenkampf vor vierzig Jahren. 
EU, Bund, Land und Stadt investierten rund 135 Millionen Euro in den heutigen Gewerbe- und Landschaftspark. Neben dem LWL-Industriemuseum sind dort jetzt rund 180 Unternehmen mit 2850 Arbeitsplätzen angesiedelt.

Von Dr. Anja Pielorz