Witten

Historischer Kohleschiff-Nachbau soll verschwinden

Heimatkundler aus Witten und Wetter wollen die Ruhraak auf dem Gelände der Zeche Nachtigall retten.

Schiff

Die nachgebaute Ruhraak liegt seit über 20 Jahren in einem Wasserbecken am Museum der Zeche Nachtigall.

Er steht schon lange auf dem kleinen Wasserbecken neben dem Museum der Zeche Nachtigall, der Nachbau eines früheren Kohleschiffes. „Ludwig Henz“ ist das einzig noch existierende Zeugnis, das die Geschichte eines langen industriellen Prozesses in natura vermittelt. Nun soll es im Zuge des teuren Umbaus und des im Rahmen der IGA geplanten Besucherzentrums verschwinden. Das wollen Heimatkundler verhindern. Angestoßen hatte dies Thorsten Schmitz aus dem Heimatverein Wetter. Über ihn ist Klaus Wiegand, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Bommern und Vorsitzender des Fördervereins Zeche Nachtigall, ebenfalls auf das Thema gestoßen.
Die „Ruhraak“ – der Begriff wurde früher verwendet – ist ein 35 Meter langer und fünf Meter breiter Lastkahn, der im Jahr 2002 rekonstruiert worden ist. Und das nach sehr aufwendiger Recherche. Es musste nach alten Plänen geforscht werden, die es letztlich über den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gab. „Es war ein Problem herauszufinden, wie das Schiff genau aussah. Es gab keine Bauzeichnungen, sondern nur Gemälde“, erzählt Schmitz. Man wurde schließlich im Staatsarchiv in Wiesbaden fündig, wo es jedoch keine maßstabsgemäßen Zeichnungen gab, sondern nur eine Skizze mit einer ungefähren Darstellung der Schiffe aus dem 19. Jahrhundert, die über die Ruhr Kohle bis zur Mündung nach Duisburg transportiert haben.

Nur Skizzen als Grundlage für Nachbau
In den Unterlagen taucht nur eine Bauform des Schiffes auf. „Daher weiß man nicht, ob sie alle in dieser Größe gebaut wurden“, erklärt Schmitz. Er vermutet es, weil die Schiffe allesamt in Werften in Mülheim gebaut wurden. In Mülheim wurde das Modellschiff – was mittlerweile in die Jahre gekommen und morsch geworden ist und nicht mehr betreten werden kann – im Rahmen einer Qualifizierungsarbeit von arbeitslosen Jugendlichen drei Jahre lang rekonstruiert. „Der Erhalt wäre also auch ein bisschen Wertschätzung der Arbeit der Jugendlichen, die sehr lange daran gearbeitet haben“, findet Schmitz und merkt an: „Wir leben leider in einer Wegwerfgesellschaft, aber wir müssen nicht alles wegwerfen.“ Zumal es eben keine Originalschiffe mehr gebe.
Bei dem Schiff spricht er sogar von einer „Marke“, die viel Historie zeige. Um 1780 herum befuhren die ersten Schiffe die Ruhr, von Langschede in Fröndenberg aus über mehrere Schleusen bis nach Ruhrort in Duisburg. In Wetter und Herdecke gab es jeweils eine Schleuse, in Witten zwei. „Von der ehemaligen Schleuse Steinhausen aus benötigten die Schiffe etwa 28 Stunden bis Ruhrort“, weiß Wiegand. Die Schleuse in Herbede ist heute noch in Betrieb, wird aber zurzeit saniert. Ein großer Absatzmarkt befand sich auch in den Niederlanden, in die sicher auch Kohle nach ihrem Abbau im Muttental gelangte. An der Zeche Nachtigall wurden außerdem Kohlen bis zum Weitertransport gelagert. Ein Schiff konnte bis zu 165 Tonnen laden.

Nicht nur Kohle wurde transportiert
Über das Königreich Preußen wurde der Transportweg und damit die Ruhraaken zudem zeitweise genutzt, als in Unna über die dort vorhandenen Salinen Salz gewonnen wurde. Viel Gut schiffte also vor zwei Jahrhunderten über die Ruhr. Auch Industriematerial wie Eisenhämmer und Rohstahlhämmer der Familie Harkort aus Wetter oder sogar Schiffdampfmaschinen gelangten in Fabriken bis zum Rhein. Bis etwa 1820 gab es regelmäßig Transporte von Witten aus. Die Ruhr war bis Mitte des 19. Jahrhunderts der am meisten befahrene Fluss in Deutschland. „Sie war einer der wichtigsten Wasserwege Europas, da die Kohleorte eine starke Bedeutung hatten“, erklärt Wiegand.
Der Schiffsverkehr wurde schlagartig weniger, als vermehrt Eisenbahnen fuhren, die deutlich schneller unterwegs waren – sogar an den Ufern entlang. „Der Schiffstransport ging immer weiter zurück, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er aber sehr dominant und bedeutsam, vor allem für die Eisen- und später auch Stahlindustrie“, sagt Wiegand. Deshalb sind sich die Heimatkundler einig: „Die Aake muss erhalten bleiben, was wir auch wiederholt gesagt haben. Das ist fast noch wichtiger als das neue Gebäude am Museum. Sie gibt einen sehr starken Eindruck, wie Kohle von Witten aus abtransportiert wurde. Hier, wo es Stollenbergbau gab.“

Überlegung: Halbes Schiff erhalten
Der Erhalt wurde an mehreren Stellen angesprochen. Schmitz sprach sogar bei der Stadt Wetter vor, die Ruhraak vom LWL als Eigentümer möglichst kostenlos zu erwerben, was aber nicht zustande kam. Wiegand habe in Witten alle Hebel in Bewegung gesetzt. „Aber wir kommen nicht weiter. Ich gebe es allerdings nicht auf“, betont er. Es besteht die Idee, das Schiff als Anschauungsobjekt in eine Ausstellung einzubetten. Zudem gibt es die Überlegung, das halbe Schiff zu erhalten. „Es ist etwas anderes, wenn man es direkt sieht. Gerade für Kinder ist es interessant. In der digitalen Welt kann eine Nachkonstruktion nicht so umgesetzt werden wie ein Modell direkt vor Augen. Außerdem gibt es an der Zeche den direkten Zugang zur Ruhr, die Vorstellung ist eine ganz andere“, findet Wiegand.
Das geplante Besucherzentrum, für dessen Bau bereits 2024 eine Fördersumme genehmigt wurde, wird wohl nicht vor 2027 entstehen. Der LWL hält an seinem Plan fest und sieht eine „große Chance“ durch den Neubau. Ein genauer Starttermin ist noch nicht in Sicht. Eine neue Hoffnung auf den Erhalt gibt es seit ein paar Wochen, wie Schmitz berichtet: „Der Heimatverein Essen-Steele hat Interesse, das Schiff in die ehemalige Flussbadeanstalt zu holen. Der Transport ist allerdings schwierig. Eventuell könnte er per Gütertransport erfolgen.“ Solange noch keine Bauarbeiten beginnen, kann das nachgebaute Ruhrschiff auf jeden Fall noch an seinem Platz in Witten verweilen.

Von Hendrik Steimann