Zusammen mit der Hattinger Stadtarchivarin Sabine Krämer besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ die alten Gebäude und Plätze. Thema heute: Das Antoniusheim .
Luftbild vom Gebäude
Eingebettet in sanfter Natur lag in Bredenscheid einst der alte Bauernhof Hegenberg. Nach einem Brand stand er zum Verkauf und sollte das Herzstück von Einrichtungen der Nächstenliebe werden, die auf Theresia Albers zurückgehen. Die Sauerländerin Theresia Albers wurde 1872 geboren. Ihr Berufswunsch Ordensfrau zu werden, trifft auf den Widerstand des Vaters. Stattdessen absolviert sie erfolgreich die Ausbildung zur Lehrerin und kümmert sich danach vor allem um „minderbegabte“ Mädchen in Dortmund. Mehr durch Zufall erfährt sie von dem abgebrannten Hof in Hattingen Bredenscheid, der zum Verkauf steht. Sofort erkennt die Lehrerin und Erzieherin die Chance zur Umsetzung ihrer Idee, ein Heim für „lernbehinderte“ Mädchen zu gründen. Mit Hilfe des elterlichen Erbes, Spenden und zahlreichen Unterstützern kauft sie 1920 für 280.000 Papiermark das mehrere 100 Morgen große Gut und gründet hier ein Jahr später den Schwestern-Orden „Zum Zeugnis der Liebe Christi“. Die Zeiten sind schwer, die Inflation groß. Die Gebäude werden zunächst instand gesetzt und 1923 wird der Grundstein für das Antoniusheim gelegt. Schon ein Jahr später, am 14. September 1924, kann es eingeweiht werden. Dort waren anfangs drei Schwestern und für die Landwirtschaft zwei Männer beschäftigt. Es zogen dort 16 „minderbegabte“ Mädchen, aber auch andere hilfsbedürftige Personen ein.
1926 erfolgt die bischöfliche Anerkennung und damit kirchliche Genehmigung unter dem Namen „Caritasschwestern vom göttlichen Kinderfreund“. In der Folge wird das Antoniusheim mehr und mehr zum Zufluchtsort und Theresia Albers leistete wahre karitative Pionierarbeit unter dem Dach der katholischen Kirche.
DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
1930 wurde das Antoniusheim erstmals erweitert, sodass fortan etwa vierzig „minderbegabte“ Mädchen dort unterkommen konnten, die von den Kreis- und Wohlfahrtsämtern vermittelt wurden. „Tragt mit ungebrochenem Mut die Flamme der göttlichen Liebe zu allen Menschen, mit denen euch euer Beruf zusammenführt“ ist der Leitspruch von Theresia Albers. Sie ist den Bewohnern eine Mutter und kümmert sich um deren Sorgen und Nöte. Ihre Tür steht stets offen. Ihre Kraft gewinnt sie aus ihrem Glauben.
Ihre Arbeit mit und für diese Mädchen geriet mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 in Gefahr. Die NS-Rassenhygiene-Politik versuchte zunächst, mittels Zwangssterilisationen geistig, körperlich oder psychische „Behinderte“ von der Fortpflanzung auszuschließen. Dies betraf auch die Arbeit im Antoniusheim. Sowohl die Kirche als auch Theresia Albers selbst versuchten, ihre Schützlinge zu retten. Die Sterilisation von etwa 25 bis 30 Mädchen konnten sie nicht verhindern. 1942 geriet das Antoniusheim in den Blick des „Reichsbeauftragten für die Heil- und Pflegeanstalten“ Herbert Linden und seiner Behörde, wie aus den privaten Briefen Theresia Albers’ hervorgeht. Der deutsche Mediziner Linden war federführend in die Planung und Durchführung der industriellen Massenvernichtung involviert und entzog sich 1945 einer Gerichtsverhandlung durch Suizid. Aus dem Antoniusheim wurden keine Kinder abtransportiert, was vermutlich dem geschickten Taktieren Theresia Albers’ vor allem in der letzten Kriegsphase zu verdanken ist. So soll sie den Bewohnern teilweise andere Namen gegeben haben und sie als Arbeitskräfte eingesetzt haben, um so dem Etikett „nicht arbeitsfähig“ zu widersprechen. Stets versuchte „Mutter Theresa“ mit ihren Ordensschwestern, passiven Widerstand gegen das NS-Regime zu leisten und ihre Schützlinge durch die schweren Zeiten zu bringen. Der jüdische Zahnarzt Dr. Leo Markes und seine Frau Hilde wurden vom Antoniusheim mit Nahrungsmitteln versorgt. 1944 nahm Theresia Albers eine schwer misshandelte ukrainische Zwangsarbeiterin im Antoniusheim auf. Die Schwestern pflegten sie bis zu ihrem Tod und setzten gegen anfänglichen Widerstand der Behörden sogar eine kirchliche Beisetzung durch. Gegen Ende des Krieges mussten viele Bombenopfer, Obdachlose und Kranke aufgenommen werden. Nach einem Bombenangriff auf das Evangelische Krankenhaus werden 1944 beispielsweise 80 Kranke aufgenommen. Selbst Ärzte zogen in das Antoniusheim ein und operierten dort. Es wird der Satz geprägt: „Weißt du weder aus noch ein, dann gehe zum Antoniusheim.“ Nach Kriegsende normalisierte sich das Leben im Antoniusheim erst allmählich. Erst im Spätherbst 1945 gab es wieder Strom.
Theresia Albers hat ihre Betätigungsfelder im Laufe ihres Lebens ständig erweitert. Sie wollte beispielsweise ein Wohnheim für einsame, alleinstehende Menschen errichten – der Grundstein für das Altenheim St. Josef wird gelegt, das 1933 bezogen wird. Bis zu ihrem Tod 1949 hat Mutter Theresia, wie die Ordensgründerin genannt wird, rund 30 Niederlassungen und Filialen begründet, in denen die Schwestern in der ambulanten Krankenpflege, der Gemeindeseelsorge, in Nähschulen, in Kindergärten und in der Altenbetreuung arbeiteten. Außerdem gehen zwei Privatschulen in Hattingen auf sie zurück.
Da die Schwesterngemeinschaft kleiner wurde, konnten sie die Aufgaben nicht mehr erfüllen. 1996 wurde die Theresia-Albers-Stiftung gegründet, die das Lebenswerk von Theresia Albers fortführt. Heute umfasst sie in Hattingen zehn Einrichtungen. Das ehemalige Antoniusheim trägt den Namen der Gründerin Theresia Albers. Hier leben heute erwachsene Menschen, die aufgrund einer chronisch psychischen Erkrankung und weiterer Beeinträchtigungen stationäre Hilfe brauchen. Am 10. Oktober findet hier der 1. Palliativ- und Hospiztag für Hattingen, Sprockhövel und Umgebung statt.
Von Dr. Anja Pielorz