Schüler an der Wittener Blote-Vogel Schule und dem Hattinger Berufskolleg werden sensibilisiert.
Am Berufskolleg Hattingen fanden die „Game Days“ statt.
Das Handy ist in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken. Jede Altersgruppe hat es mittlerweile in der Hand – auch schon Grundschüler. Aus diesem Grund gab es in den letzten Wochen des vergangenen Schuljahres an der Wittener Blote-Vogel-Schule ein besonderes Projekt: „Smartphone aus – Leben an“. Am Hattinger Berufskolleg fanden „Game Days“ statt, um angehenden Erzieherinnen und Erziehern zu vermitteln, worauf sie bei ihrer Arbeit achten müssen.
Die „Leben-an-Methode“, wie sie die Gründer Jacob Weizman und Linda Schmiedel nennen, wird deutschlandweit über Workshops vermittelt. „Wir sehen große Unterschiede in Schulen mit Handyverbot und in Schulen ohne Handyverbot“, sagt Weizman, der bewusst für den Umgang mit Handys plädiert – der aber im Rahmen bleiben soll, um es „gesünder“ zu nutzen: „Jugendliche spielen wieder mehr miteinander und lesen. Das ist wieder mehr normaler Schulalltag, als wenn jeder in einer Ecke für sich sitzt und in seinem Algorithmus drin ist.“ Auch die Lehrkräfte und Eltern waren eingeladen, das Projekt für sich mitzumachen. Das Programm wird ohnehin an die Lehrkräfte übergeben, die jeden Tag eine Viertelstunde vermittelten. Denn statistisch festgehalten greifen auch sie alle elf Minuten zum Handy – Jugendliche alle fünf Minuten.
Vier Kernthemen in vier Wochen
Es reiche nicht aus, alles mit Verboten zu lösen. „Es braucht Wissen, was Algorithmen und deren Ziel bedeuten. Was es bedeutet, sechs Stunden am Tag am Smartphone zu hängen, ist Schülern nicht bewusst“, hat Weizman festgestellt. Das Programm ist in mehrere Themenwochen gegliedert. In der ersten Woche soll den Schülern ihr Nutzverhalten am Smartphone bewusst werden. In der zweiten Woche ist die Selbstbestimmung der Kernbegriff: Nicht der Algorithmus entscheidet, wie das Handy genutzt wird, sondern jeder selbst. „Der Griff zum Handy muss nicht passieren“, merkt Weizman an.
In der dritten Woche beschäftigen sich die Schüler damit, welche Dinge ihnen wirklich wichtig sind und sie in den Vordergrund stellen wollen. „Viele wissen gar nicht, dass sie ihre Freizeit so gestalten können, wie sie wollen. Sie laufen Influencern hinterher und schauen, was diese machen. Aber sie können spazieren gehen, malen, singen, zum Sport“, vermittelt Weizman. Gewonnene Zeit soll wertvoll mit Leben gefüllt werden. In der vierten Woche geht es um Gewohnheiten, mit denen man das eigene Leben langfristig verändern kann. „Wir können die Technik des Smartphones natürlich weiter zu unserem Vorteil nutzen. Etwa als Navigation oder auch zur Kommunikation“, so Weizman.
Die 53 Schülerinnen und Schüler evaluierten das Projekt. Sie aktivierten ihr Handy um knapp 50 Prozent weniger, sodass die Bildschirmzeit um 23 Prozent sank. 67 Prozent fühlten sich dadurch selbstbestimmter. Manche haben sogar Profile auf den sozialen Netzwerken gelöscht und sich wirklich wieder häufiger getroffen. Manche wollen die selbst gewählte Einschränkung fortführen und nicht ständig über den Bildschirm scrollen. Einige wünschten sich noch mehr Aufklärung.
Berufsschüler simulieren Alltagssituationen
In Hattingen haben die Schüler auf etwas andere Weise erfahren und erarbeitet, was zu lange Bildschirmzeit bedeutet und daneben Gefahren erkannt, die durch unkontrolliertes Nutzen von sozialen Medien auf den Geräten entstehen. Sabine Batzer, Lehrerin im Bereich Medienerziehung, wurde auf das Präventionsprojekt „Game Days“ von Gameshift aufmerksam. „Es ist ein Riesenthema, für das wir einen extern kompetenten Partner sehr gut nutzen konnten“, freut sie sich. Es habe den Unterricht sehr gut ergänzt, in dem sogar Spielkonsolen eingesetzt wurden, um ganz nah an der Praxis zu sein. Und schon da setzten die Schüler an, beispielsweise Florian: „Was sind gute Spiele, die etwas vermitteln und wo beginnt eine Grenze?“ Es sind pädagogische Fragen, die in die Diskussion gingen. Manche der Schüler orientieren sich in den Bereich Kindertageseinrichtung, andere etwa in Richtung OGS oder Jugendtreff. Egal wo: Kinder kennen heutzutage fast nur digitale Medien, da sie in vielen Lerneinrichtungen verwendet werden.
Das Projekt „Game Days“ ist häufig bei Schülern der Sekundarstufe eins angesiedelt und erarbeitet mit den Jugendlichen direkt Gefahren. „Wir haben uns am Berufskolleg etwas mehr darauf fokussiert, welche Bedeutung das Ganze im Alltag hat und wie Erzieherinnen und Erzieher damit umgehen und aufklären können“, sagt Lotta Krickel, Referentin von Gameshift, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Yeliz Mahmutoglu in Hattingen vor Ort war. Dabei ging es um verschiedene Komponenten, die in der Theorie und nach der Praxis in der Gruppe besprochen wurden.
Alle können über Medienkonsum nachdenken
Ein Thema ist beispielsweise „Darkpatterns“, manipulative Design-Tricks auf Internetseiten, um Daten für Anbieter freizugeben und Geld auszugeben. Außerdem wurden die sozialen Medien betrachtet: „Es herrscht dabei ein Druck im Freundeskreis, selbst aktiv zu sein. Dabei machen wir auf Mechanismen aufmerksam, die bewusst angewendet werden. Es gilt die Frage: Wo kann ich mich schützen?“, erklärt Krickel. Positive Effekte durch weniger Bildschirmzeit seien persönliche Kommunikation und Lösungen dafür, wie sie gelingen kann – etwa durch Selbstreflexion.
Auch Erwachsene können so über ihren Medienkonsum nachdenken. „Wenig ist gesund, aber auch nicht in allen Familien praktikabel. Etwa, wenn die Eltern wenig Zeit haben. Wir vermitteln dabei, den Kindern aber nicht nur das Handy in die Hand zu drücken, damit sie beschäftigt sind“, erklärt Krickel. Beim Nachstellen von Alltagssituationen, etwa dem Verzicht des Handys von Eltern bei Veranstaltungen in der Kita oder der Begrenzung der Spieldauer auf Konsolen in Jugendtreffs auf nur eine Stunde stellte sich heraus, dass es schnell zu Empörung und Hilflosigkeit kommt. Dabei gilt es, auf realistisch entstehende Sucht durch viele verfügbare Mediengeräte aufmerksam zu machen.
Gedanken zweier Schüler
Velten (Bereich Jugendeinrichtung): „Wenn ein Kind etwas postet, können die Folgen enorm sein. Bei Prominenten sieht man, dass ein Skandalfoto nicht wegzubekommen ist. Die KI kann mittlerweile alles nachgestalten und sogar Video- und Audiospuren dazu raussuchen.“
Paul (Bereich Kindergarten): „Wir müssen Eltern klar machen: Wer leitet einen WhatsApp-Status weiter oder macht einen Screenshot? Bilder sind dann dauerhaft im Internet. Sie sollten Datenschutzeinstellungen überprüfen, um das zu verhindern.“
Von Hendrik Steimann