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Hattingen

Für die jüdische Kaufmannsfamilie war 1938 alles vorbei

Zusammen mit der Hattinger Stadtarchivarin Sabine Krämer besuchen wir in der Serie „Historische Orte“ die alten Gebäude und Plätze. Thema heute: Die Familie Kaufmann.

Altes Bild: Reichskristallnacht

Synagoge in der Reichskristallnacht 1938.

Bildquelle: Stadtarchiv Hattingen

Es war der 9. November 1938. In Hattingen in der Bruchstraße 3 befand sich das repräsentative Kaufhaus der jüdischen Familie Kaufmann. Gegründet von Hugo Kaufmann, gehörte es zu den repräsentativen Gebäuden in der Stadt. Der Gründer, in Essen geboren und 1930 verstorben, war zu Lebzeiten ein angesehener Bürger, war Familienvater von drei Kindern und Stadtverordneter. Seine Witwe Selma lebte 1938 in der Wohnung über den Geschäftsräumen mit ihrem Schwiegersohn Jacob Hefter, seiner Frau Hildegard, geborene Kaufmann, und der kleinen Tochter Ursula. Die Familie war aus Berlin gekommen – Jacob Hefter gehörte dort zu einer Kaufmannsfamilie. Zunächst arbeitete dieser in Bochum, verlor dann jedoch seine Arbeit, weil er Jude war und zog 1929 mit Frau und Kind nach Hattingen, um das Geschäft des Schwiegervaters zu übernehmen. In einem viele Jahre später stattfindenden Gespräch erinnerte sich die damals 15-jährige Ursula: „Es war majestätisch von außen. Im dritten Stock war unsere Wohnung. Mein Zimmer zeigte zu der Seite, wo die Straßenbahn fuhr.“ (WAZ, 9.11.2012)

DIE SERIE: HISTORISCHE ORTE
In der Nacht, in der in Deutschland die Synagogen brannten, passierte noch viel mehr. Brandschatzend und plündernd zogen die Nationalsozialisten durch die Städte. Auch die Familie Kaufmann blieb nicht verschont. Das Geschäft wurde geplündert, alle Fenster zerstört. In ihrer Privatwohnung wurde ebenfalls geplündert und auch hier die Fenster zerschlagen. Jacob Hefter wurde von der Gestapo in Schutzhaft genommen, kam ins Hattinger Rathaus, dann in die Dortmunder Steinwache und ins KZ Sachsenhausen. Gewalt, Enge, Kälte und stundenlanges Appellstehen musste er ertragen. Er wurde erst entlassen, nachdem er dem Zwangsverkauf des Hauses (Arisierungsvertrag) und der Auswanderung in die USA zugestimmt hatte. Bereits am 2. Dezember 1938 meldet die Westfälische Landeszeitung Rote Erde, dass „die jüdische Geschäftemacherei in Hattingen zu Ende gegangen ist“ und „Handwerker die früheren jüdischen Ramschläden herrichten“. Während Jacob, Hildegard und Ursula Hefter in die USA auswanderten, emigrierte Hildegards Mutter Selma im Alter von 64 Jahren am 5. Mai 1939 nach Kolumbien zu ihrem Sohn Wilhelm. Er hatte als jüdischer Rechtsanwalt eine Gestapo-Akte, schon lange ein Vertretungsverbot und war deshalb bereits 1933 ausgewandert. Selma Kaufmann starb in Kolumbien 1947. Mitnehmen konnten die Kaufmanns von dem Geld für den Zwangsverkauf ihres Hauses und Geschäftes nichts. Zum einen war die Kaufsumme ohnedies verschwindend gering, zum anderen lag das Geld auf eingefrorenen Konten. In den Räumen der Familie Kaufmann eröffnete Gustav Demmler jun. sein Textilhaus. Einen Wiedergutmachungsantrag hat die Familie Hefter wohl nie gestellt. Ursula Hefter heiratete in den USA Joseph Winter aus Stuttgart, der seine Familie in Auschwitz verloren hatte. Das Paar bekam zwei Kinder und besuchte Hattingen noch dreimal. 
Ende Oktober 1938 wurden rund 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit – darunter auch die Familie von Herschel Grünspan, einem Deutschen, der 1936 nach Paris emigrierte – Knall auf Fall aus dem Deutschen Reich vertrieben und an die polnische Grenze abgeschoben. Unter ihnen waren auch die Kaufleute Heinrich und Mariem Starkand, die ein Textilgeschäft im Hause Obermarkt 8 betrieben. Sie waren polnische Staatsbürger. Zusammen mit ihrem sieben Jahre alten Sohn wurden sie am 27.10.1938 zwecks Ausweisung nach Polen verhaftet und am 28.10.1938 mit dem Sammeltransport vom Bochumer Hauptbahnhof in den deutsch-polnischen Grenzort Bentschen/ Zbąszyń deportiert. Die gesamte Familie wurde 1959 durch das Amtsgericht Hattingen für tot erklärt. Als Grünspan damals per Postkarte vom verzweifelten Schicksal seiner Familie erfuhr, kaufte er einen Revolver, betrat am 7. November 1938 die deutsche Botschaft in Paris und schoss auf den Legationssekretär Ernst vom Rath, welcher zwei Tage später seinen Verletzungen erlag. Diese Tat diente den Nationalsozialisten als Vorwand für die Novemberpogrome am 9. November 1938. („Reichskristallnacht“). 
In dieser Nacht brannten über 1400 Synagogen, wurden hunderte jüdische Geschäfte geplündert und zerstört. 30.000 jüdische Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt, Hunderte Menschen ermordet. 1938 wurde auch den letzten noch in Deutschland lebenden Juden klar, dass sie im Deutschland ihrer einstigen Kindheit keine Chance auf Überleben hatten. 
In Hattingen lebten zu der Zeit noch 36 Juden. Einige wenige konnten noch emigrieren. Bei drei Transporten im Juli 1942 nach Zamosc bzw. Theresienstadt wurden 24 von ihnen verschleppt und ermordet. Erst der Zuzug jüdischer Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion ab 1990/91 führte dazu, dass im September 2004 in Hattingen wieder 32 Einwohner jüdischen Glaubens gemeldet waren.

Von Dr. Anja Pielorz