Zusammen mit der Hattinger Stadtarchivarin Sabine Krämer, Thomas Weiß und Stadtführer Lars Friedrich besuchen wir in der Serie „Hattingen Historisch“ die alten Gebäude und Plätze.
Thema heute: Der legendäre Nachtclub „Copacabana“ an der Bahnhofstraße.
Copacabana, ca. 1978
Hattingens Stadtführer Lars Friedrich bietet viele Themenführungen an – die frechste von ihnen ist sicherlich „Sex in the City“, wo es nicht nur um den legendären Nachtclub „Copacabana“ an der Bahnhofstraße geht. Was „die Copa“ angeht, weiß er genauso wie Stadtarchivarin Sabine Krämer und der frühere Stadtarchivar Thomas Weiß viel Historisches zu berichten.
Das Gebäude, in dem später die Copacabana Einzug hielt, wurde um 1900 erbaut. Eigentümer war die in Hattingen sehr bekannte Familie Eichholz, die sich mit Pferdezucht einen Namen gemacht hatte und hier ein Hotel errichtete. Im Hinterhof des Gebäudes standen die Pferdeställe. Die Tiere gelangten über die Bahnhofstraße in die Ruhrwiesen. Als Bahnhofshotel erlebte das Gebäude mehrere Pächter, bis 1962 Helmut Kirchmeier das Pachtverhältnis übernahm. Er kam von der Arbeiter-Gaststätte „Zum schmutzigen Löffel“, die damals an der Hüttenstraße/Im Heggerfeld lag. 1964 wurde die Copacabana eröffnet, eine Bar mit von unten beleuchteter gläserner Tanzfläche, Tischen, Live-Musik und Separees in der zweiten Etage. Gegen Mitternacht gab es erste noch zaghafte Strips, die mit der Zeit allerdings deutlich frivoler wurden. Auch passende Filme sorgten für die gewisse Stimmung der überwiegend männlichen Besucher. Geschäftsführer wurde der Schwager von Helmut Kirchmeier, der damals bekannte Boxer Willi Seidler, dem später sein Sohn Uli folgte. Die Gäste kamen aus dem ganzen Ruhrgebiet, denn solche Lokalitäten waren noch Mangelware und die nächste freizügige Bar befand sich in Duisburg. Hattingen und die Copa – das war für viele Jahre ein untrennbares Erlebnis.
DIE SERIE: HATTINGEN HISTORISCH
Will man wissen, wie es dort zuging, so bietet ein Büchlein aus dem Jahr 1988 im Sinne des Wortes tiefe Einblicke. Werner Schmitz und Leo Ard haben mit „Stückwerk. 24 Reportagen von der Ruhr“ so einiges zusammengetragen. „Willi Seidler erzählt gern von den großen Tagen der Copacabana, als die Wirtschaft an der Ruhr noch florierte und der Kauf jeder Spitzhacke von den Spesenrittern mit einer heißen Nacht in seiner Bar gefeiert wurde. Paul Pleiger, der Präsident des nordrhein-westfälischen Arbeitgeberverbandes, ging in der Copa ein und aus... Es war aber nicht nur der Unternehmerverband, der des Nachts die Bar bevölkerte. Kurz hinter Hattingen liegt das Bildungszentrum der IG Metall. Die Standardfrage auswärtiger Kursteilnehmer an ortskundige Referenten lautet dort: „Sag mal, Kollege, wie kommt man denn von hier am schnellsten zur Copacabana?“ Auch die Hattinger Taxifahrer hatten in der Copa ihren Stammtisch. Dort zeigte dann Tamara das Programm „Erotica“. Oder war es Natascha oder Vera...?
Erzählt wird auch von einer Nummer mit einem echten Löwen, der allerdings seine besten Jahre schon hinter sich hatte. Damals stand der Tierschutz noch in den Kinderschuhen und das Publikum fand es erbaulich, wenn sich eine Stripperin im Eisenkäfig auf dem lebenden Tier räkelte und die Hüllen fallen ließ. Irgendwann hatte aber selbst dieser Löwe genug, schnappte zu und trennte der Stripperin den Oberschenkel bis auf die Knochen durch. Die Frau, so steht es geschrieben, landete im Krankenhaus. Der Löwe hatte sein Leben verwirkt.
1980 gelangte die Copa noch einmal zu Ruhm, als Regisseur Werner Possardt in der Bar Szenen zur Krimi-Komödie „Stromberg“ drehte. Im Kino floppte der Film mit Schauspieler Claude-Oliver Rudolph, der später im „Boot“ mitspielte. Der damalige Geschäftsführer der Copa, Uli Seidler, spielte übrigens auch mit – als Empfangschef. 1987 gab es einen Skandal mit zwei Schutzpolizisten, die nach einem Copa-Besuch mit ordentlicher Promille eine Ampel vor dem Etablissement umfuhren und schnell Gas gaben. Die letzte Schicht in der Copacabana wurde 1989 geschoben. Dann war es vorbei mit derlei Vergnügungen an der Bahnhofstraße und spätere Versuche, wenigstens eine neue Gastronomie anzusiedeln, scheiterten. Nicht zuletzt die Veränderungen in der Verkehrsführung ließen die Bahnhofstraße immer mehr zur Nebenstraße werden.
2015 eröffnete in den Räumen der Copacabana der „Freiheitsbäcker“ Richard Sodtke sein Café, der in der Pandemiezeit seine „Berliner“ und „Amerikaner“ mit coronakritischen Sprüchen verzierte. 2025 wurde er insolvent, heute befindet sich dort die Kampfsportakademie Christoph Golla aus Welper. Die Politik schob im Laufe der Zeit Vergnügungseinrichtungen dieser Art den Riegel vor – es gab auch mal den Club Michelle und ein Sex-Kino in der Altstadt. Und so kam es, dass Hattingen „lustlos“ geworden ist.
Von Dr. Anja Pielorz