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Sprockhövel

Der Pfarrer, der vom Fünfer springt, wird entpflichtet

Arne Stolorz ab 30. August offiziell „Pfarrer außer Dienst“. Das hat er gemacht, das will er tun.

Man schreibt das Jahr 1999. Arne Stolorz, Baujahr April 1960, hatte sein Theologiestudium in Münster, Heidelberg und einem Semester in Bangalore/Indien hinter sich gebracht und verantwortete nach einem Vikariat im Siegerland zu der Zeit das Projekt „Brücken bauen“ im Kirchenkreis Arnsberg. In Sprockhövel suchte man einen neuen Pfarrer, der die Nachfolge von Manfred Jacob, der 1998 in den Ruhestand ging, antreten sollte. Familienvater Arne Stolorz bewarb sich auf die Stelle, erhielt den Zuschlag bei 58 Bewerbern und zog im Februar 1999 mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern, heute 31 und 29 Jahre alt, in das Pfarrhaus ein.

 Arne Stolorz

Arne Stolorz

Gemeinderfahrung hatte er damals keine und ursprünglich war in seiner Lebensplanung Sprockhövel nur für sieben Jahre angedacht. Aus den sieben Jahren wurden 27. Mit der Entpflichtung enden am 30. August seine administrativen und seelsorgerischen Pflichten, nicht aber das geistige Amt. „Dann kommt quasi die Kür“, lacht er und meint damit, dass er durchaus noch Aufgaben in der Kirchengemeinde wahrnehmen könnte und würde – wenn das gewünscht ist. „Ich denke zum Beispiel an die Freibadgottesdienste und an Gottesdienste und Seelsorge in der Altenhilfe – Stolorz war viele Jahre Kuratoriumsvorsitzender vom Matthias-Claudius-Haus – oder in der Kita.“ Die Kita ist ihm im Moment besonders nah, denn mit seiner zweiten Frau, einer freiberuflichen Musik- und Tanzpädagogin, wurde er noch einmal Vater des jetzt dreijährigen Karl.

Vier Projekte sind die Highlights des Pfarrers
Beim Rückblick auf seine lange Tätigkeit in der Gemeinde sagt Stolorz: „Ich durfte eine sehr persönliche Kirche mit vielen Hausbesuchen kennenlernen. Man kannte viele Gemeindeglieder mit Namen. Ich durfte den Werdegang der Großgemeinde Hattingen-Sprockhövel von Anfang an begleiten und ich glaube, wir haben die Fusion gut hinbekommen. Aber die Herausforderung ist riesengroß. Die Volkskirche, der ein Großteil der Bevölkerung einer Region angehört und die durch Familientradition tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und die ich noch kennenlernen durfte, geht dem Ende entgegen.“ 
Blickt er auf die Inhalte der letzten 27 Jahre, sind es vor allem vier Projekte, die ihn bis heute bewegen. „Da wäre an erster Stelle das Fundraising für die Zwiebelturmkirche zu nennen. Also das Organisieren von Spenden und Dienstleistungen, um unsere Kirche sanieren zu können. Wir haben zusammen mit den Rücklagen bis heute zwei Millionen Euro investiert und rund 600.000 Euro davon waren Spenden. Das zeigt, wie tief die Kirche im Zentrum von Niedersprockhövel in der Bevölkerung verwurzelt ist. Zu meiner Entpflichtung am Sonntag, 30. August, 11 Uhr, im Sprockhöveler Freibad, wünsche ich mir deshalb anstelle von Geschenken Spenden für mein Herzensprojekt. Zweitens nenne ich die Freibadgottesdienste mit den Taufen, die ich seit vielen Jahren durchführe. Drittens ist es die Männerarbeit, vor allem die ‚Bruzzelbrüder‘, die seit zwanzig Jahren als Kochtreff bestehen, viele Aktionen ‚bekocht‘ haben und mit zwanzig Aktiven weiterhin bestehen werden. Hier bleibe ich dabei. Und viertens meine Arbeit für den Gemeindebrief, der unter den Namen Ausblick, Augenblick und glaubste das Leben der Gemeinde darstellt und die Gemeindeglieder auch zuhause erreicht.“ Nicht nur Arne Stolorz verbindet sein Pfarrerleben mit diesen Projekten. Für die Sprockhöveler ist sein Name genauso untrennbar mit ihnen verbunden. Welche Gemeinde hat einen Pfarrer, der unter seinem Talar eine Badehose trägt und nach der Taufe eines Kindes im Freibad in Badekleidung vom Fünfer ins kühle Nass springt! 
Seine Pfarrstelle wird in der neuen Großgemeinde Hattingen-Sprockhövel nicht mehr nachbesetzt. Mit 4 1/2 Pfarrstellen – Heike Rienermann, Hansjörg Federmann, Oliver Kallauch, Tilmann Marek und Ludwig Nelles, der noch eine halbe Stelle in der Krankenhausseelsorge verantwortet – muss die Großgemeinde auskommen. Sparzwang.

Das macht der Pfarrer in Zukunft
Privat bleibt Arne Stolorz den Sprockhövelern erhalten. „Wir haben erst mal einen Mietvertrag für das Pfarrhaus bis 2032. Das Haus wird ja nicht für einen neuen Pfarrer benötigt. Für mich heißt es carpe diem – nutze den Tag. Das ist meine Lebenserfahrung vor dem Hintergrund vieler Beerdigungen, auch denen meiner Eltern und meines Bruders. Ich habe einen dreijährigen Sohn und mir nach seiner Geburt auch Elternzeit genommen. Nach meiner Entpflichtung möchte ich mich meiner Familie widmen, einfach mehr Zeit haben. Übrigens auch für viele Dinge, die liegengeblieben sind. Dazu gehört, endlich einmal aufzuräumen. Wir reisen gerne. Mein zweites Zuhause ist Kreta. Wir mögen die Wärme und sind gerne in südlichen Regionen unterwegs. Ich mag die Berge und das Bergsteigen, wir haben einen VW-Camper, mit dem wir unterwegs sind.“
Langeweile hört sich anders an. Und wenn der kleine Karl mit kräftiger Stimme ein Liedchen singt, in den Händen die Ukulele, die er schon richtig halten kann, versteht man den Pfarrer, wenn er sagt: „Früher wollte ich im Ruhestand eine Weltreise machen. Heute würde ich zwar gerne mal einen Sechstausender in den Anden bezwingen, aber meine Zeit gehört in erster Linie der Familie.“
Was er nicht geschafft hat, aber gerne gemacht hätte: „Ein Klettergerüst am Zwiebelturm.“ Vermutlich hätte der Denkmalschutz ein Wörtchen mitgeredet. Ein Nachfolger wird keinen Versuch unternehmen. Es gibt ja keinen.

Von Dr. Anja Pielorz/Fotos: Pielorz