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Sprockhövel

„Bei uns gibt es keine Plätze, sondern Lebensperspektiven“

Rainer Bücher, Geschäftsführer Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen, geht in den Ruhestand.

Rainer Bücher

Rainer Bücher

Rainer Bücher (65), geht nach insgesamt 48 Berufsjahren zum Jahresende in den Ruhestand. Er ist Geschäftsführer der Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen e.V. sowie Geschäftsführer der drei gemeinnützigen Gesellschaften Lebenshilfe Wohnstättenverbund gGmbH, Lebenshilfe Betreutes Wohnen gGmbH sowie Lebenshilfe Inklusions-Gesellschaft gGmbH, außerdem Vorstandsmitglied der Stiftung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Ennepe-Ruhr/Hagen. Vor 24 Jahren hat der damals 41-Jährige die Geschicke der Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen in seine Hand genommen. 
Er lässt „sein Feld bestellt zurück“. Daniel Krieter und Timo Batz übernehmen die Geschäftsführung der Lebenshilfe Wohnstättenverbund und der Lebenshilfe Betreutes Wohnen. Katharina Nebel, heute stellv. Geschäftsführerin Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen e.V. und Prokuristin Lebenshilfe Inklusions-Gesellschaft gGmbH, übernimmt in beiden Fällen die Geschäftsführung und tritt damit die direkte Nachfolge von Rainer Bücher an.

Ein Blick zurück
Rainer Bücher lebt seit vielen Jahren in Sprockhövel. „Ursprünglich komme ich aus Wetter/Volmarstein und bin Diplom-Betriebswirt und Heilerziehungspfleger. Ich habe in einem Kinderheim für geistig behinderte Menschen gearbeitet und in Dortmund ein Modellprojekt für Enthospitalisierung geleitet. Dazu muss man wissen, dass viele Kinder mit geistiger Behinderung früher nur eine familiäre Betreuung kannten oder – wenn dies nicht möglich war – in Kliniken lebten, die eigentlich für psychisch kranke Menschen gedacht waren. Eine flächendeckende Schulpflicht gab es in Deutschland für geistig behinderte Menschen erst 1978. Doch die psychischen Kliniken als letzte Auffangstation für geistig behinderte Menschen waren der völlig falsche Ort, denn diese Menschen mussten nicht behandelt, sondern gefördert werden. Geistige Behinderung ist keine Krankheit. Sie bedeutet eine Beeinträchtigung der intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen. Nicht davon betroffen sind andere Wesenszüge, wie die Fähigkeit etwas leisten zu können, kreativ zu sein, Freude zu empfinden und Freunde zu gewinnen. Durch Förderung und Begleitung können sie lernen, ein Leben zu führen, das ihren Bedürfnissen gerecht wird und das dem von Menschen ohne Behinderung nicht nachsteht. Deshalb entstanden Wohnformen, in denen Menschen mit geistiger Behinderung und unter Anleitung eigenständig leben konnten. Das erste Haus dieser Art in NRW in Dortmund-Aplerbeck wurde unter meiner Leitung eröffnet und es folgten weitere 12 Wohnheime in NRW. Im Rahmen dieses Netzwerkes habe ich irgendwann Ellen Buchner kennengelernt, die gemeinsam mit ihrem Mann Gerd in Hattingen die Ketteltasche, heute Ellen-Buchner-Haus, leitete. Das war ein Haus für geistig behinderte Menschen und wurde 1982 mit neun Plätzen eröffnet. Unter der Regie von Gerd Buchner wurde der Kreisverband Lebenshilfe Ennepe-Ruhr/Hagen und die Lebenshilfe Wohnstättenverbund gemeinnützige GmbH gegründet. Ellen Buchner hat mich damals für die Lebenshilfe abgeworben“, erinnert sich Rainer Bücher. 
Seine Entscheidung hat er nie bereut. Im Gegenteil. „Wir stellen in den Einrichtungen der Lebenshilfe nicht einfach Plätze zur Verfügung. Wir entwickeln Lebensperspektiven für Menschen mit einer geistigen Behinderung, die hier Heimat und Zuhause finden. Geistige Behinderungen können jede Familie treffen. Es gibt viele Ursachen dafür. Ein Beispiel ist eine bestimmte Anordnung der Erbinformationen wie beim Down-Syndrom. Behinderungen können aber auch durch Komplikationen bei der Geburt – u. a. durch mangelnde Sauerstoffversorgung – ausgelöst werden. Auch Krankheiten oder Verletzungen, zum Beispiel bei Unfällen, können eine geistige Behinderung zur Folge haben. Wenn eine Familie die Diagnose bekommt und glaubt, jetzt geht die Welt unter, dann stehen wir an ihrer Seite und zeigen ihnen: die Welt geht nicht unter. Wir schaffen gemeinsam Leben, Alltag, Freizeit, Urlaub – das geht alles.“ Nicht umsonst wurden aus Namen wie „Aktion Sorgenkind“ im Laufe der Zeit „Aktion Mensch“.
Rainer Bücher liebt seine Arbeit. „Mein Beruf war viele Jahr für mich Heimat. Ich bin auch jetzt nicht müde oder krank, aber ich will Platz machen für einen engagierten Nachwuchs. Wir haben junge Leute und die machen ihre Sache gut. Das heißt aber nicht, dass ich in der Lebenshilfe ehrenamtlich nichts mehr machen werde. Zwei Projekte liegen mir dabei besonders am Herzen. Zum einen in meiner Heimatstadt Sprockhövel das neue Haus auf der Hauptstraße, wo hoffentlich Ende 2027 sechzehn Menschen mit einer geistigen Behinderung einziehen werden. Dort wird es auch einen öffentlichen Gemeinschaftsbereich geben, in dem Angebote für alle stattfinden werden. Zum Beispiel Infoabende zu Themen wie Handynutzung oder Schockanrufe bei älteren Menschen. Und dort können dann auch unsere Angebote im inklusiven Bildungswerk – das zweite Projekt –stattfinden, die heute noch im Lebenshilfe Center in Schwelm laufen. Außerdem bin ich auch noch ehrenamtlicher Vorsitzender im Paritätischen Wohlfahrtsverband Ennepe-Ruhr. In meiner Freizeit fahre ich gern Fahrrad und bin in der Heimat unterwegs. Ganz ohne die Lebenshilfe kann ich mir meine Zukunft jedenfalls nicht vorstellen.“
Rainer Bücher wünscht sich für die Zukunft: „Es wäre schön, wenn noch mehr junge Menschen durch ein soziales Jahr oder ihren Zivildienst die Arbeit der Lebenshilfe (wieder) entdecken würden. Wir möchten Menschen mit geistiger Behinderung und ihren Familien unbürokratisch zur Seite stehen und ihre Inklusion in die Gesellschaft fördern.“ Denn wie sagte schon Richard von Weizsäcker: Es ist normal, verschieden zu sein.

Von Dr. Anja Pielorz