Witten soll keine narrenfreie Schutzzone mehr bleiben

Die Karnevals-Gesellschaft Rot-Weiß möchte Stockumer Umzug in der Innenstadt sehen.

Für Karnevalsmuffel ist Witten ein Paradies, sozusagen ­eine narrenfreie Schutzzone für ­alle, die mit dem organisierten Frohsinn rheinischer Art nichts an der Pappnase haben möchten. Morgens verlassen ein paar Kostümierte hastig die Stadt in Richtung Köln oder Düsseldorf, und das war’s.
In einigen Geschäften werden die Mitarbeiter angehalten, sich in lustigen Kostümen um die Kunden zu kümmern, aber das stört im Allgemeinen nicht. Also: Die Stadt ist karnevalfrei. Aber sollte das so bleiben? Oder war das immer schon so, ist quasi ein ungeschriebenes Stadtgesetz seit der ersten urkundliche Erwähnung im Jahre des Herren 1214?
Spätestens seit dem Buch „Witten-Annen“ des Heimatforschers Christian Lucas wissen wir: Wir konnten zwar nie mit „Kölle alaaf“ mithalten, aber noch in den 1950er Jahren ging es hoch her in der fünften Jahreszeit, besonders auf dem Schnee mit abendlicher Jeckensause und Bacchusbeerdigung am Aschermittwoch. Doch dann fiel die Stadt in den Karnevalsschlaf... bis 2009 – auch wieder auf dem Schnee – ein jeckes Pflänzchen das närrische Licht der Welt erblickte, nämlich die Karnevals-Gesellschaft Rot-Weiß Witten, kurz auch KG Rot-Weiß Witten. Seitdem gärt er im karnevalistischen Untergrund und der Wunsch nach öffentlichem Frohsinn in Witten wird stärker und könnte sich bald Bahn brechen.
Der – oberflächlich betrachtet – eher unscheinbare Vorort Stockum ist Vorreiter. Schon seit ­einigen Jahren tummeln sich die Narren an Rosenmontag in ­aller Öffentlichkeit auf der Hörder Straße, die eigens dafür gesperrt wird – so ähnlich wie in Köln oder Düsseldorf. Tatsächlich haben die Rot-Weiß-Karnevalisten schon mal einen sehnsüchtigen Blick nach Stockum geworfen, wo Wittens großer Rosenmontagszug durch den Ort spaziert. Es ist ein Kinderumzug, vorbereitet von der offenen Ganztagsschule der Harkortschule, der mit den Jahren immer größer geworden ist. Beim vorigen Mal war schon ein Festwagen zu sehen, flankiert von verkleideten Narren, Zuschauern sowie Boller- und Einkaufswagen.
Auch tief fliegende Kamelle fehlen nicht. Was vor knapp zehn Jahren sehr klein und fein begann, zieht heute annähernd 1 500 Leute an, Tendenz steigend. Nun würde die KG Rot-Weiß diesen Kinderumzug gerne in der Bahnhofstraße sehen. Laut einem Bericht in der Wittener Tageszeitung spricht KG-Gründungsmitglied Susanne Bergstein mit den Verantwortlichen des Stockumer Karnevalsumzuges. Sie betont ferner, dass der Charakter des Zuges erhalten bleiben solle, weil er sehr außergewöhnlich sei, was es weit und breit nicht gebe.
Bis auf den Schaustellerverein herrscht eher eine gewisse Skepsis. Sie begründet sich mit der Aufgabe, dann bis zu 70 Kinder in die Innenstadt fahren zu müssen; eine Fahrt, die gut vorbereitet sein will.
Was weitere Karnevalswagen angeht, sehen die Schausteller optimistisch in die närrische Zukunft. Schließlich klappt das bei der Zwiebelkirmes mit dem ­wagengestützten Umzug durch die Stadt auch.


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