Wirtschaftsforum: Unterhaltung, Vergnügen, klare Ansagen

Der kathedralenhaft anmutende Festsaal in der „Neuen Schulenburg“, in stimmungsvolles Licht getaucht, die mehr als 100 Gäste an dem Freitagabend ebenso ent- wie gespannt, Bürgermeister Dirk Glaser auch auf heiklem Terrain gewohnt souverän – und ein Festredner, der schwere Psychologie mit leichtem Lachen verkauft: Das 2. IHK-Wirtschaftsforum in Hattingen bot jede Menge Information, Unterhaltung, Vergnügen – und klare Ansagen.

Zum Ende des Gesprächs mit Moderatorin Kerstin Groß, Kompetenzfeldmanagerin bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet, ging Glaser dann in die Offensive – und bescheinigte der Stadt an der Ruhr vor allem eines: „Lebensqualität“.

Diesen letzten Part übernahm Dirk Glaser. Denn auf den IHK-Wirtschaftsforen in den vier Städten des Kammerbezirks werden die Stadtoberhäupter im Laufe des Abends immer mit der aktuellen Stimmungslage der örtlichen Unternehmer konfrontiert. Abstimmung mit dem Smartphone – also: eine Unternehmerumfrage in Echtzeit. Repräsentativ und aufschlussreich. Fühlt man sich als Unternehmer in der Stadt willkommen? Würde man den Standort weiterempfehlen? Wo drückt der Schuh besonders? Was erhofft man sich für die Zukunft?
2018 hatte Glaser dies ein erstes Mal live und in Farbe erlebt – seit Freitagabend weiß er: Es ist (noch) nicht alles Gold, was glänzt. Zwar fühlen sich sieben von zehn Unternehmer in Hattingen willkommen. Aber nur zwei Drittel würden den Standort weiterempfehlen. Beide Werte liegen unter den Vorjahresergebnissen. Größte Nachteile aus Unternehmersicht: die hohen Standortkosten und die Langsamkeit der Verwaltung.
An Satz nicht vorbeigekommen
An einem zentralen Satz kam Glaser 2019 wie auch ein Jahr zuvor nicht vorbei: „Hattingen ist eine arme Stadt.“ Man habe in der Verwaltung zu wenig Personal, da sei man „schlecht aufgestellt“. Aber die Finanzsituation lasse es nicht zu, „einfach Personal einzustellen“. An die Adresse jener, die die Verwaltung – etwa bei der Genehmigung von Bauanträgen – als zu langsam kritisierten, formulierte Glaser: „Wir wollen schnell sein, müssen dabei aber auch immer korrekt bleiben.“ Manche Kritiker würden beispielsweise vergessen, dass „wir in Hattingen gerade drei Kindergärten bauen“. Die personell knapp besetzte Bauverwaltung ist ausgelastet.
Die hohen Standortkosten – Gewerbesteuer wie Grundsteuer B – liegen dem Bürgermeister ebenso im Magen wie den Unternehmern. Was Hattingen dagegen tun könne: nichts. Denn, siehe oben: „Hattingen ist eine arme Stadt.“ Doch einen ersten Schritt aus diesem Finanzdilemma werde man machen, wenn dem Ruhrverband die Kanalnutzungsrechte in Hattingen überschrieben würden. „Das bringt uns im nächsten Jahr 110 Millionen Euro. Damit können wir 80 Prozent unserer Kassenkredite ablösen. Wir mussten diese Möglichkeit nutzen, um aus der Schuldenfalle herauszukommen.“
Dirk Glaser ging dann in die Offensive
Zum Ende des Gesprächs mit Moderatorin Kerstin Groß, Kompetenzfeldmanagerin bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet, ging Glaser dann in die Offensive – und bescheinigte der Stadt an der Ruhr vor allem eines: „Lebensqualität“. Dieses Stichwort sei ihm noch viel wichtiger als Einschätzungen, Hattingen sollte ein Standort „innovativer Unternehmen“ oder des „Ruhrtourismus“ sein. Wie hoch die Lebensqualität sei, machte er unter anderem daran fest, „dass wir in Hattingen genug Lehrer haben“, anders als in anderen Städten des Ennepe-Ruhr-Kreises. Damit Hattingen sich zu einem Standort innovativer Unternehmen entwickeln kann, hat der Bürgermeister auch einen Plan: „Wir wollen ein An-Institut nach Hattingen holen“ – also Wissenschaftsstandort ohne Hochschule werden. Die anwesenden Unternehmer reagierten mit Beifall.
Das hatten sie auch einige Minuten vorher schon lautstark getan, als IHK-Vizepräsident Christopher Schäfer, Vorsitzender des Wirtschaftsbeirates Hattingen, in seiner Begrüßungsrede ankündigte, dass die Hochschule Bochum im IHK-Wirtschaftsbüro demnächst gemeinsam mit der IHK Ausbildungs- und Studienberatung anbietet. Dies sei nicht nur für junge Menschen von Interesse, die eine qualifizierte Berufswahlorientierung brauchten, sondern auch für Unternehmen in Hattingen. Aus eigener Erfahrung könne er Unternehmen nur raten, Kooperationen mit Hochschulen anzustreben – der enge Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft sorge nicht zuletzt für Innovationen in Unternehmen und wirtschaftsnahe Lehre in den Hochschulen. „Deshalb ist diese Kooperation mit der Hochschule Bochum eine tolle Sache“, sagte Christopher Schäfer.
Gleichzeitig nutzte er eindringlich die Chance, für Ausbildung zu werben – denn auch in Hattingen bildet nur ein kleinerer Teil von Unternehmen, die ausbilden können, auch aus. „Ausbildung sichert nicht nur die Zukunft für die jungen Menschen, sondern auch die Zukunft von Unternehmen.“ Auch hier Beifall.


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