Wenn Schlaflosigkeit einen Menschen richtig krank macht

IMAGE im Gespräch mit Dr. Uwe Weber und Dr. Ute Horn vom Schlaflabor am EvK Witten...

Oberärztin Dr. Ute Horn und Dr. Uwe Weber, Spezialist für Schlafapnoe, demonstrieren für das Foto an Jens-Martin Gorny, wie eine Schlafmaske helfen kann.

Wer stationär in das Schlaflabor des Ev. Krankenhauses in Witten aufgenommen wird, hat bereits eine Vordiagnose seiner Schlafstörungen erhalten. Oft liegt der Verdacht nahe, dass eine gravierende Erkrankung vorliegt, die sich durch andauernde Atmungsaussetzer in der Nacht bemerkbar macht. In dem 2016 eröffneten Schlaflabor der Klinik stehen sechs Plätze für die sogenannte Polysomnographie zur Verfügung - eine Untersuchung des Schlafes mit Messfühlern, die verschiedene Aspekte aufzeichen - beispielsweise die Hirnströme, die Augenbewegungen, Atemfluss und Atembewegung und die arterielle Sauerstoffsättigung. So erhält man ein Schlafprofil des Patienten. 

IMAGE: Welche Patienten kommen in das Schlaflabor und warum?
WEBER: Viele Menschen leiden unter Schlafstörungen. Wir bezeichnen das als Insomnie, die erhebliche gesundheitliche Folgen haben kann. Die Ursachen sind unterschiedlich. So kennen wir beispielsweise  das Restless-legs-Syndrom, also permanente oder periodische Beinbewegungen. Körperliche und psychische Erkrankungen können natürlich auch Schlaflosigkeit verursachen. Wenn stark erhöhte Tagesschläfrigkeit, Konzentrationsstörungen, morgendliche Kopfschmerzen, hoher Blutdruck und erhebliches Übergewicht vorliegen, könnte auch ein Schlafapnoesyndrom vorliegen. Das ist eine gefährliche organische Erkrankung, die behandelt werden muss. Was ist das genau? Im Schlaf kommt es zu einer zu starken Erschlaffung der Muskulatur im Schlundbereich. Der Atemweg wird durch die Spannung der Muskulatur offen gehalten. Erschlafft diese nur leicht, kommt es zu Schnarchgeräuschen. Erschlafft sie zu stark, kann der Atemweg durch Halsweichteile verschlossen werden. Dann gelangt keine Luft mehr in die Lunge und damit kein Sauerstoff ins Blut. Der Körper reagiert mit der Produktion von Stresshormonen und diese führen zu Weckreaktionen, die der Mensch in der Regel aber nur im Unterbewusstsein wahrnimmt. Kommt es aber sehr häufig zu diesen Atempausen mit nachfolgenden Weckreaktionen, dann wird der Schlafrhythmus nachhaltig gestört. Normalerweise wechseln sich Traum- und Tiefschlafphasen miteinander ab. Tiefschlafphasen sind für die körperliche Erholung wichtig, Traumphasen für die geistige Erholung. Wenn der Körper in diesen Schlafrhythmus nicht mehr hineinfindet, bleibt der Schlaf oberflächlich, ist unerholsam, es resultieren daraus die anfangs beschrieben Folgen. Um den Verdacht der Schlafapnoe abzuklären, geht der Patient in ein Schlaflabor.
IMAGE: Wer stellt denn die Vordiagnose?
WEBER: Das ist unterschiedlich. Oft beginnt alles beim Hausarzt. Es ist aber ein Fachgebiet aus der Pneumologie. Hier beschäftigen wir uns mit der Lunge und ihren Erkrankungen. Und die Lunge wird ja bei Vorliegen der Schlafapnoe nicht mehr mit Luft versorgt. In der Vordiagnose wird in der Regel die sogenannte Polygraphie eingesetzt. Man erhält ein kleines Gerät mit verschiedenen Messfühlern, das im eigenem Bett im Schlaf aufzeichnet, ob Schnarchen und Atempausen bestehen, in welcher Ausprägung und Körperposition und wie sich die nächtlichen Sauerstoffwerte verhalten. Dies wird am nächsten Tag ausgewertet. Wenn sich der Verdacht erhärtet, steht das Schlaflabor als nächstes auf dem Anamneseplan. Es besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dies ambulant oder stationär durchzuführen. Dies wird abhängig von der aktuellen Situation des Patienten und des Krankheitsbildes entschieden.
IMAGE: Und was wird dann im Schlaflabor gemacht?
WEBER: Nun, der Patient kommt in der Regel für zwei Nächte. Mit Hilfe der Polysomnographie wird sein Schlaf untersucht. Bestätigen die Messungen den Anfangsverdacht, sollte eine Therapie in Angriff genommen werden. Denn unbehandelt verstärkt die Schlafapnoe das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
IMAGE: Und welche Therapien gibt es?
WEBER: Die einzige Therapie, die von den gesetzlichen Krankenkassen bisher anerkannt ist und für die anstandslos die Kosten übernommen werden, ist die sogenannte Überdruckbeatmung. Hier wird von einem kleinen Kompressor oder Beatmungsgerät über einen Schlauch und eine Maske, die in der Regel über der Nase oder über Mund und Nase sitzt, ein leicht erhöhter Luftdruck in den Schlundbereich abgegeben, damit die Halsweichteile die äußeren Atemwege nicht verschließen. Das ist eine Therapie, mit der die meisten Menschen gut zu Recht kommen. Sie müssen sie allerdings lebenslänglich anwenden, sonst kommt es wieder zu den anfangs dargestellten Symptomen. Eine Behandlung mit Sauerstoff wird nur bei gleichzeitig bestehenden Lungengewebsschäden eingesetzt. Liegen körperliche Fehlbildungen oder Veränderungen des Hals-Nasen-Ohren-Bereichs vor, so können in einigen Fällen operative Eingriffe Abhilfe schaffen. Wir haben übrigens etwa vier Prozent der Männer und zwei Prozent der Frauen, die unter Schlafapnoe leiden - Tendenz steigend bei zunehmendem Alter. Als wir 2016 das Schlaflabor eröffneten, hatten wir im ersten Jahr 260 Patienten, heute sind es noch mehr. Und es gibt eine deutliche Warteliste.
IMAGE: Kann man selbst etwas tun, damit man überhaupt nicht erst erkrankt?
WEBER: Na ja, man kann für eine gute Schlafhygiene sorgen, Übergewicht vermeiden und eine gesunde Ernährung zum Alltag machen. Zwei Stunden vor dem zu Bett gehen sollte kein Alkohol mehr getrunken werden. Alkohol hat eine entspannende Wirkung auf die Muskulatur und kann dazu führen, dass die Muskulatur der oberen Atemwege stärker erschlafft als normal. Auch zu spätes Essen ist nicht ratsam. Seitliches Schlafen ist sinnvoll - allerdings kann man mit diesen Maßnahmen eine Schlafapnoe nicht heilen, wenn sie eingetreten ist.


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