Villa bella riva - das vornehmste Ausflugsziel in Hattingen

„Hattingen historisch“: Diesmal geht es in unserer Serie um das Schleusenwärterhäuschen.

Die „Villa bella riva“ um 1900 in Hattingen: Für viele Hattinger war dies ein Sinnbild einer romantischen Gartengaststätte an der Ruhrbrücke. Dabei war das Gebäude ursprünglich als Schleusenwärterhaus errichtet worden.

Mit der Serie „Hattingen historisch“ wirft IMAGE mit Hilfe von Stadtarchivar Thomas Weiß einen Blick in alte Zeiten. In diesem Beitrag geht es um das einstmal vornehmste Ausflugsziel am Platze, die Villa bella riva an der Ruhrbrücke.

1772 wurde die Hattinger Schleuse gebaut, damals noch ohne ein Schleusenwärterhäuschen. „Vermutlich hat der Schleusenwärter im Haus Cliff gewohnt, weil sein Besitzer für die Schleuse verantwortlich war. Erst 1810 erhielt er ein eigenes Haus“, erklärt Stadtarchivar Thomas Weiß. Dabei ist der genaue Standort nicht bekannt, wohl aber gibt es einige Hinweise auf das Aussehen des Hauses.  Zehn Jahre später dachte man bereits über ein neues Haus nach, welches näher an der Schleuse liegen musste.
Das Haus entstand hinter „Haus Wallbaum“ an der Schleusenstraße 4 - allerdings dauerte der Bau viele Jahre und beherbergte dann auch nicht mehr nur den Schleusenwärter, sondern auch den Wasserbaumeister.

Bruchsteine und Schiefer
Das Haus bestand aus einem Wohn- und Nebengebäude, aus Höfen und einem Garten. Es war aus Bruchstein und Ziegelmauerwerk errichtet und hatte ein Schieferdach. Doch als das neue Haus endlich fertig war, ging die Zeit der Ruhrschifffahrt bereits dem Ende entgegen. Und als 1869 der Hattinger Bahnhof eingeweiht wurde, war der Untergang besiegelt.
Die Ruhrschifffahrtsverwaltung vermietete die Wohnng des Wasserbaumeisters auch an Privatpersonen und 1881 begann durch die Verpachtung an Louis Koch, Betriebsführer der Zeche St. Mathias im Rauendahl, ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Hauses.
Es sollte eine „Restauration für das bessere Publikum“ werden. Und sie erhielt den Namen „Villa bella riva“ - das Haus am schönen Ufer.
„Louis Koch legte eine Veranda an und bei schönem Wetter wurde im Freien ausgeschenkt. Er stellte einen Antrag, für die berittenen Gäste einen Pferdestall für die Tiere bauen zu dürfen („Pferdestall für die Pferde der Touristen“). Außerdem schenkte er besondere Biersorten wie das Spatenbräu aus“, erläutert Thomas Weiß.
1888 gab es noch etwas sehr Bemerkenswertes: Die Hattinger Zeitung berichtet am 24. März wie folgt: „Villa bella riva. Durch die Anlage eines Druckapparates flüssiger Kohlensäure verabreiche ich das Bier in Gläsern. L. Koch“. Hochgelobt wurden in historischen Aufzeichnungen die schöne Lage, die freundliche Bedienung - und eine reichhaltige Speisekarte.
1892 gab Louis Koch den Betrieb auf, ein gastronomischer Nachfolger ließ sich zunächst nicht finden. So wurde das Gebäude  wieder als Wohnhaus genutzt, doch im Jahr 1899 wurde dort erneut ein Restaurant unter dem  alten Namen „Villa bella riva“ eröffnet.

Neueröffnung des Restaurants
Eine zweite Veranda entstand, außerdem ein Musikpavillon. Es gab einen Küchenanbau, einen Pferdestall und ein Abortgebäude.  Die Hattinger Bevölkerung kam zur Villa bella riva entweder über die Bahnhofstraße und die heutige Bochumer Straße in Richtung Ruhrbrücke. Oder sie konnte über den Leinpfad spazieren, den der Hattinger Verschönerungsverein 1899 durch die Anpflanzung von Bäumen noch attraktiver machte. „Das Flußbett der Ruhr lag bis 1959 parallel zur noch heute vorhandenen Eisenbahnlinie. Der Leinpfad befand sich auf der südlichen Seite der Ruhr“, erklärt der Stadtarchivar. 1913 wurde der Leinpfad sogar zum Promenadenweg mit Sitzbänken ausgebaut.
Die Besitzer der Villa bella riva gaben sich in den kommenden Jahren quasi die Klinke in die Hand. Tragisch war das Schicksal von Ernst Dahl, der nur ein Jahr nach Übernahme des Gartenlokals von seinem Pferd so heftig getreten wurde, dass er an den Folgen starb.
Zu dieser Zeit gab es bereits viele Gartenlokale in Hattingen. Nur mit guten Getränken lockte man niemanden mehr. Der neue Betreiber Werner Daub lockte mit erlesenen Speisen: Frühlingssuppe, Omelette mit feinem Ragout, Roastbeef mit jungem Gemüse, junge Hähnchen mit Kopfsalat und Zitronen-Creme oder Butter und Käse (Hattinger Zeitung, 12. Juli 1914, Stadtarchiv Hattingen).
„Doch durch den Ersten Weltkrieg und den Kampf um Grundnahrungsmittel passte das Konzept einfach nicht in die Zeit. Der Niedergang der Villa bella riva war nicht mehr aufzuhalten“.
1918 ging das Gebäude an die Firma Henschel & Sohn, Abteilung Henrichshütte zwecks Errichtung von Wohnungen. Ein Baugesuch für ein weiteres Haus, die Schleusenstraße 4a, wurde eingereicht.
Die Schleuse selbst und einige Häuser stehen dort heute unter Denkmalschutz.


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