Traumjob Bürgermeister? Sonja Leidemann aus Witten

Sie steht als Frau seit 2004 in Witten „ihren Mann” an der Spitze der Stadt. Dabei hat Sonja Leidemann gerade auch aus den Reihen der eigenen Partei schwere Zeiten erlebt. Sieht Sie den Job heute immer noch als persönliche Berufung an?

IMAGE: Die Bürger empfinden den Job als Stadtoberhaupt nicht selten als eine Mischung zwischen Sekt und Selters, Häppchen und Konferenzen. Hinzu kommen ebenfalls nicht selten Online-Anfeindungen und manchmal auch persönliche Attacken. Ist der Job als Stadtoberhaupt ein schöner Job?
LEIDEMANN: Für mich ist dieser Beruf eine Berufung. Ich würde ihn allerdings nicht als Traumjob bezeichnen. Man braucht einen großen Willen zur Stadtgestaltung und muss auch einstecken können. Manchmal kommen Querschläge aus unerwarteten Richtungen. Aber würde ich meinen Beruf nicht als Berufung empfinden, würde ich ihn nicht machen. Man darf aber nicht vergessen, dass dieser Beruf in großer Mehrheit eine Verwaltungsaufgabe ist. 1500 Mitarbeiter gilt es zu führen, Millionenbeträge kurz-, mittel- und langfristig zu planen. Eine Aufgabe mit Gestaltungswillen, die politische Mehrheiten braucht.

IMAGE: Der neue Regionalplan richtet seinen Blick verstärkt auf die Industriebrachen im Ruhrgebiet, die wieder mit Leben gefüllt werden sollen. Die ländlichen Regionen und die Gebiete am Rande des Ruhrgebietes scheinen eher eine Freizeitrolle zu spielen. Doch auch diese Städte wollen und müssen wachsen. Gibt es eine Chance, die Regionalplaner umzustimmen?
LEIDEMANN: Im Wesentlichen können wir als Stadt Witten mit dem Regionalplan gut leben. Die Ausweisung eines 18 ha Gewerbegebietes in Witten-Stockum im Regionalplan ist kein Vorgriff auf die kommunale Bauleitplanung. Die Fläche „Vöckenberg“ ist heute eine landwirtschaftlich genutzte Fläche, das kann sich aber durchaus ändern. Einige Flächen, die wir gern entwickeln würden, liegen auch nicht in unserem Besitz. Flächen zur Wohnentwicklung haben wir mit dem Handlungskonzept Wohnen bereits erarbeitet. Das steht nicht im Widerspruch zum Regionalplan.

IMAGE: Welche Herausforderungen hat die Stadt 2019 zu meistern?
LEIDEMANN: Sehr wichtig sind sicherlich Schulen und Kitas. In einem 10-Jahres-Programm wollen wir 100 Millionen in die Sanierung der Schulen stecken. Hier ist die Digitalisierung ein großes Thema. Weitere wichtige Themen sind die Straßensanierung - man denke an die umfangreiche Baustelle Pferdebachstraße - und natürlich der dauerhafte Kampf um ausreichende Finanzausstattung, gerichtet an die Adresse von Land und Bund.

IMAGE: Auf welche Highlights freuen Sie sich als Bürgermeisterin in 2019?
LEIDEMANN: Auf jedes Projekt, welches wir zu einem erfolgreichen Abschluss bringen können. Und ich freue mich auf unsere traditionellen Veranstaltungen - die Himmelsfahrts- und die Zwiebelkirmes und unseren Weihnachtsmarkt. Sie beleben unsere Stadt und sind gern gesehene Events für jeden Bürger. Ein Highlight haben wir schon erlebt: die Rodelwochen auf dem Hohenstein mit rund 10.000 Besuchern, organisiert vom Stadtmarketing.  

IMAGE: Wie ist die Stadt in den Bereichen Bildung und Wohnen ausgerichtet? Gut aufgestellt oder eine zu lösende Herausforderung?
LEIDEMANN: Zu den Schulen habe ich schon etwas gesagt - ergänzend muss ich erwähnen, dass wir mit der Umwandlung der Otto-Schott-Realschule in eine weitere Gesamtschule dem Schulabstimmungsverhalten der Eltern entsprechen. 2023 läuft auch die letzte Hauptschule aus. Was wir ebenfalls diskutieren, sind die Kosten für auswärtige Schüler, etwa bei den Schülerbeförderungskosten. Beim Wohnen müssen und werden wir natürlich neue Wohngebiete ausweisen, etwa an der Breiten Straße. Stockum ist ja bereits realisiert.
IMAGE: Ein immer wieder neu diskutiertes Problem ist die gefühlte Ferne zwischen Politik und Bürgern. Sehen Sie das auf der kommunalen Ebene auch als vorhandenes Problem oder überwiegt hier die Bürgernähe?
LEIDEMANN: Wir haben die Bürger in die Planung von „Witten 2020“ als Stadtentwicklungsprogramm eingebunden. Wir gehen in die Stadtteile, wir bieten Veranstaltungen zum Haushalt an. Ich selbst bin mit Bürger- und Marktsprechstunden vor Ort und auch in den Schulen als Ansprechpartner dabei. Ich glaube, wir sind hier gut aufgestellt, wenn der Bürger ein solches Angebot im Dialog annehmen möchte.

IMAGE: Was sagen Sie als Bürgermeisterin zur gerade heiß diskutierten Straßenausbaugebühr? Gehört sie abgeschafft? Und wie sähe eine Gegenfinanzierung aus?
LEIDEMANN: Wenn wir eine Gegenfinanzierung finden, können wir die Beiträge abschaffen. Wenn wir keine Gegenfinanzierung finden, geht das nicht, denn die Stadt ist auf die Einnahmen angewiesen.

IMAGE: Fünfzig Jahre Neugliederung EN-Kreis 2020: Ist das ein Grund zum Feiern oder ist der Kreis ein kommunales Zwischengebilde auf dem Weg in eine größere Struktur, weil er in dieser Form aufgrund der strukturübergreifenden Probleme mittel- bis langfristig nicht überleben kann?
LEIDEMANN: Interkommunal arbeiten wir natürlich mit allen zusammen. Aber für Witten als kreisangehörige Stadt ist die Kreisstruktur schwierig. Im Gegensatz zu Städten wie Bochum und Dortmund als unmittelbare Konkurrenz sind wir durch die Kreiszugehörigkeit in einer finanziell wesentlich schwächeren Funktion, beispielsweise bei den Fördermitteln. An eine größere Struktur glaube ich nicht - sie muss auch nicht zwingend effektiver arbeiten.


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