Stadtarchivar Thomas Weiß weiß, wonach er sucht

Hier sitzt niemand hinter Büchern vergraben, hier wird die Sozialgeschichte rekonstruiert.

Im Archiv stöbern - das hat oft nichts mehr mit dem Blättern in Büchern zu tun: In Wirklichkeit lagern viele Archivmaterialien in Kartons und das hinter verschlossenen Türen. Für Stadtarchivar Thomas Weiß eine alltägliche Suche. Und er weiß aus langjähriger Erfahrung und durch ein gutes Ordnungssystem, wonach und wo er suchen muss.

Mal einfach in einem Archiv in einem Buch stöbern - das geht heute fast nicht mehr, denn in einem Archiv stehen die Bücher nicht mehr einfach im Regal. IMAGE bietet monatlich einen Blick auf das historische Hattingen und hat dabei die Hilfe von Stadtarchivar Thomas Weiß (52). Doch was macht der eigentlich den ganzen Tag?

„Sicherlich nicht den Staub von Büchern pusten“, lacht der Experte, der nach seinem archivwissenschaftlichen Studium in Düsseldorf und Marburg (für das es übrigens auf sieben zu vergebende Studienplätze 700 Bewerber gegeben hat) 1986 in Hattingen seinen Dienst antrat. Schon als Jugendlicher, so Weiß, habe er sich für Geschichte interessiert. Abgefragt wurde in seinem mehrstündigen Bewerbungsgespräch zur Studienbewerbung neben lateinischen und französischen Texten auch Politik und natürlich Geschichte. „Termin war morgens um 10 Uhr, um 19 Uhr war ich wieder in meiner Heimat Wattenscheid“, erzählt er.
„Archivare sind treue Menschen“, sagt Thomas Weiß und deshalb ist er in Hattingen geblieben und hat dreißig Jahre Stadterfahrung.
„Archivare müssen sich in das Wissen um ihre Stadt einarbeiten. Unser Archivbestand wird in Regalmetern gemessen und Hattingen verfügt über 2,5 Regalkilometer. Das ist schon ziemlich viel.“ Neben sehr, sehr, sehr vielen Akten aus der Verwaltung gibt es natürlich auch noch private Nachlässe, es gibt Fotos, Plakate und Zeitungen - auch IMAGE wird hier für die Nachwelt archiviert. Und es kommt laufend etwas dazu.
„In der Regel werden zunächst in einem Archiv Dokumente aufbewahrt, die eine Rechtsverpflichtung haben, eine Beweispflicht. Das ist wie im Privaten. Da bewahrt man ja auch Geburtsurkunde, Zeugnisse, Quittungen und Verträge auf. Im Laufe der Zeit nimmt die rechtliche Bedeutung einzelner Dokumente ab, dafür steigt aber die persönliche oder historische Bedeutung. Ein Stadtarchivar muss aus der Fülle der Dokumente prüfen, welche Bedeutung sie haben, denn auch wir können natürlich nicht alles archivieren. Ein Archivar ist ja kein Messie.“
Und es wird nicht weniger, denn: Viele Vereine, die sich beispielsweise mangels Mitglieder auflösen, übergeben den Nachlass dem Archiv. Auch ein Nachlass von einem Brieftaubenzüchter kann sich hier finden, denn: „Vieles spiegelt einfach das Leben in der jeweiligen Zeit wieder. Mit diesen Dokumenten können sie Sozialgeschichte rekonstruieren.“
Dafür muss die Archivware aber nicht nur mit einer Nummer versehen und einfach abgeheftet werden. „Sie müssen die Dokumente auch haltbar machen. Das bedeutet, zerrissene Seiten kleben oder Metall herausnehmen. Da kommen wir manchmal gar nicht nach.“

Nicht hinter Büchern vergraben
Auf rund 900 Quadratmetern und vier Etagen befindet sich das Hattinger Stadtarchiv im Rauendahl. Rund 500 Besucher jährlich kommen persönlich vorbei, mindestens 600 E-Mails mit Anfragen zu dies und das gibt es aber auch.
Hinzu kommen Recherchen mit Schülern, Vorträge, Fortbildungen, Netzwerkarbeit mit anderen Archivaren, historische Stadtrundgänge und vieles mehr. Am Schreibtisch hinter Büchern vergraben findet man Thomas Weiß deshalb eher selten.


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