Stadt will Zweigstelle schließen, die Politik lehnt ab

Geringe Akzeptanz bei Büchereinutzern und Raummangel im Rathaus sind die Gründe.

Soll die Zweigstelle der Bücherei in Niedersprockhövel geschlossen werden? Mit dem Gedanken liebäugelt die Stadtverwaltung - zum einen aus Gründen der Raumnot (im Falle der Schließung will man das Standesamt in die Räumlichkeitem im Bürgerhaus in Niedersprockhövel auslagerm), zum anderen auch deshalb, weil sich immer weniger Menschen für das Angebot interessieren und man hofft, durch die Verbesserung von Ausleihzeiten am Standort Haßlinghausen dadurch insgesamt mehr Interesse zu wecken. Die Politik und der Förderverein „Lesezeichen“ sind dagegen.

Aus dem Bericht der Stadtbücherei werden zahlreiche Probleme deutlich: Die Großbaustelle vor der Zweigstelle in Haßlinghausen in 2017, die Kündigung einer Mitarbeiterin und die weitere Reduzierung der Öffnungszeiten sind nur einige Beispiele. Aktuell haben die Büchereien in Sprockhövel nur Mittwoch und Freitag in Haßlinghausen von 10 bis 13 Uhr sowie 14.30 bis 18 Uhr und am Dienstag und Donnerstag zu den gleichen Zeiten in Niedersprockhövel geöffnet. Es gibt noch insgesamt 625 aktive Leser - 288 davon in der Zweigstelle in Niedersprockhövel. 2016 waren es noch knapp über 1000 aktive Leser. Auch bei den Besucherzahlen kann man schon von einem dramatischen Rückgang sprechen: 6404 in 2017 gegenüber 14.327 in 2016. Dagegen schlagen die Kosten für die Bücherei mit rund 175.000 Euro pro Jahr zu Buche.
Der Raumknappheit bei der Stadt Sprockhövel soll durch die Auslagerung des Standesamtes begegnet werden - denn ein möglicher Anbau an das Rathaus käme sehr viel teurer. Zöge hingegen das gesamte Standesamt mit zwei ­Büroarbeitsplätzen, Aktenraum und Trauzimmer in die Büchereiräume, würden im Rathaus zehn Arbeitsplätze frei werden – die Raumnot wäre gelöst. Allerdings muss in die Überlegungen auch einfließen, dass die Politik der Verwaltung einen personellen Sparkurs verordnet hat, um die dramatisch gestiegenen Personalkosten (wir berichteten) in den Griff zu bekommen.
Mit Sorge  verfolgt der Hattinger Autor Stefan Melneczuk, der unter anderem Schirmherr der Lesementoren in Sprockhövel ist, auch die aktuellen Nachrichten um die drohende Schließung der Stadtbücherei in Niedersprockhövel: „Das ist der falsche Weg, ein Armutszeugnis und setzt weit mehr als nur ein schlechtes Zeichen.“ Wie auch das Beispiel der sehr gut angenommenen und ausgestatteten Stadtbibliothek in Hattingen zeige, gehöre jede Bücherei zur kulturellen Infrastruktur einer Stadt, die etwas auf sich halte.
Schnell wurde in der Sitzung des Kulturausschusses deutlich: Die Politik ist einvernehmlich gegen die Schließung der Büchereizweigstelle in Niedersprockhövel. Die Raumnot im Sprockhöveler Rathaus ist damit allerdings nicht gelöst. Wirft man einen Blick auf die Situation bei den Trauungen, so haben nach Auskunft des Standesamtes 2016 genau 69 und in 2017 genau 66 standesamtliche Trauungen stattgefunden. Neben dem - in die Jahre gekommenen - Trauzimmer im Rathaus der Stadt gibt es die Möglichkeit, sich in der Heimatstube das Ja-Wort zu geben. Mit dieser Möglichkeit wird der Trend zu Event-Trauungen aufgegriffen. Das Ambiente wird immer wichtiger - das zeigt sich beim Blick auf die Nachbarstadt Hattingen. 495 Paare wurden 2017 in Hattingen getraut. Und die Möglichkeiten, wo man „Ja“ sagen kann, sind groß. Neben dem Standesamt sind Trauungen im Alten Rathaus, im Stadtmuseum in Blankenstein, im Industriemuseum und im Haus Kemnade möglich - alles Orte mit einem ganz besonderen Ambiente, allerdings nicht immer barrierefrei.

 

Kommentar:

Geld her oder die Bücherei stirbt: Rund 4700 aktive Leser, steigende Besucherzahlen (allein im Monat August 2017 kamen etwa 13 000 Besucher), immer mehr Workshops und Lesungen, besondere Veranstaltungen wie die Papazeit, die Onleihe Ruhr, komfortable Öffnungszeiten - das ist die Stadtbibliothek Hattingen im Reschop-Carré. Die ist nach neun Jahren an diesem Standort zwar auch in die Jahre gekommen - was etwa die Abnutzung von Mobiliar angeht - aber die Stadt hat damals beträchtliche Summen in die Hand genommen, um diesen großen Wurf überhaupt zu machen. Das hat sich ausgezahlt.
Ja, es ist richtig, die Besucherzahlen und Ausleihen in Bibliotheken haben es überall - auch in anderen Ländern - schwer. Und nein, es liegt nicht daran, dass weniger gelesen wird. Aber anders. Auch digital. In Sprockhövel gibt es viele Probleme: die personelle Situation ist eine Katastrophe. Die Öffnungszeiten unattraktiv. Auch bei den Räumlichkeiten könnte man nachbessern - wenn einem die Bücherei wirklich wichtig wäre. Es ist die Frage: Muss man die Attraktivität steigern, damit mehr Besucher kommen und sich mehr aktive Leser anmelden oder sollen sich erst die Zahlen positiv entwickeln, damit unter diesem Druck die Attraktivität gesteigert werden kann? Kurz und knapp: Wer die Bücherei in Sprockhövel erhalten will, muss Geld in die Hand nehmen. Sonst stirbt sie in „Salami-Taktik“ einen langsamen, aber stetigen Tod.
Etwas unsinnig scheint es, ihr Schicksal an das Standesamt zu knüpfen: bei knapp 70 Trauungen pro Jahr, von denen einige sicherlich in der Heimatstube stattfinden, und von der Politik verordnete sinkende Personalstellen lohnt es aus meiner Sicht nicht, diese Debatte überhaupt zu führen

Dr. Anja Pielorz


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