Retter in Not: Immer mehr Helfer werden angegriffen

Neben körperlichen Angriffen häufen sich vor allem auch die verbalen Attacken.

Marc Friedrich, Dienststellenleiter DRK-Zentrum Sprockhövel. Auf dem Foto hält er eine Notfalldose in der Hand. Diese Dose beinhaltet Unterlagen zu Krankheiten und Medikamenteneinnahme, die man ausfüllen kann. Mit Hilfe eines Aufklebers an der Wohnungs- oder Haustür weiß der Rettungsdienst dann, wo die Dose sich befindet und kann dem Patienten gezielt helfen.

Angriffe auf Polizisten und Feuerwehrleute, auf Ärzte, Pfleger und Rettungssanitäter: Helfer werden beleidigt, bespuckt, mit Böllern beworfen, gar mit Waffen bedroht. Einer der jüngeren Fälle - der tödliche Angriff auf einen 51-jährigen Hausarzt in Offenburg - sorgte für eine Debatte darüber, ob und wie man über diese Fälle berichten soll. Vor kurzem hatte es auch eine Kettensäge-Attacke auf DRK-Helfer in Hintersee (Vorpommern) gegeben. Der Chef der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, erklärt in einem Interview mit der „Rheinischen Post“: „Die Politik muss dringend einen Kulturwandel befördern, damit man wieder begreift, dass diese Menschen Retter und Helfer sind.“ Das sieht auch Marc Friedrich (39), Dienststellenleiter des DRK-Zentrum Sprockhövel so. Auch er wurde als ausgebildeter Notfallsanitäter Opfer körperlicher Gewalt im Einsatz.
Damals wurde er zusammengeschlagen, obwohl er zur Hilfe gerufen wurde. Er weiß: „Es kommt immer auf die Bedingungen an, unter denen der Einsatz stattfindet. Dazu zählen beispielsweise sinnbetäubende Mittel aller Art, aber auch Sprachproblematiken oder schlicht Gepflogenheiten anderer Kulturkreise. Wenn Rettungssanitäter beispielsweise zu einem Einsatz mit einer muslimischen Frau gerufen werden und kein weiblicher Notfallsanitäter vorhanden ist, dann kann es Schwierigkeiten geben, wenn man etwa ein EKG anlegen muss. Es kann aber bei Einsätzen auch vorkommen, dass man einfach behindert wird durch unbeteiligte Personen. Oder man bekommt verbale Kritik und Entgleisungen zu hören – etwa, warum man jetzt erst kommt, wieso man hier parken muss, warum man mit Martinshorn fährt oder dass der Rettungswagen einfach im Weg stünde. Ich bin seit zwanzig Jahren im Rettungsdienst und noch länger in der Feuerwehr – ein einziges Mal habe ich auch körperliche Gewalt an mir selbst in einem Einsatz erlebt. Das ist in jedem Einzelfall sehr schlimm, doch die in Einsätzen zunehmenden verbalen Beleidigungen in Form von Respektlosigkeit sind sehr demotivierend und mindestens genauso schlimm. Wer seinen Beruf als Notfallsanitäter ausübt oder als Rettungssanitäter unterwegs ist, macht dies mit einer gewissen Leidenschaft und aus Berufung. Das braucht man auch, sonst hält man das nicht lange durch.“ In der Ausbildung genießt Kommunikation mittlerweile einen hohen Stellenwert, denn man weiß um ihre deeskalierende Wirkung – weiß aber auch, wie schnell eine emotional aufgeladene Situation (und das sind Rettungseinsätze in der Regel immer) aus dem Ruder laufen kann.
2017 brachten CDU, CSU und SPD eine Reform des Strafrechts durch den Bundestag. Seitdem gelten höhere Strafen – bis zu fünf Jahre Haft – für Angriffe auf Polizisten, Rettungskräfte und Feuerwehrleute. Die Opposition kritisierte die Reform als „Symbolpolitik“, da Gewalt gegen Helfer bereits damals unter Strafe stand, das Verbot aber offenbar nicht hinreichend durchgesetzt werden konnte. Ärzte wurden bei der Neuerung übrigens übergangen und fordern deshalb eine Nachbesserung.
Eine neue Idee, der Marc Friedrich viel Positives abgewinnen kann, haben Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten in Rheinhessen. Sie wollen gemeinsam in einer Datei erfassen, wie oft sie beleidigt und angegriffen werden. Solch eine Datensammlung ist in Deutschland einmalig. Mit dabei sind neben dem DRK, der Polizei und der Feuerwehr auch der Arbeiter Samariter Bund (ASB), die Johanniter Unfallhilfe, der Malteser Hilfsdienst und der Rettungsdienst Corneli. „Auf Ortsebene ist der Datensatz zu klein, aber wenn sich der Kreis oder gar das Land zu so einem Schritt entschließen könnten, hielte ich das für sinnvoll“, so Friedrich.
Die Gründe, warum Menschen, die kommen, um zu helfen, verbal und körperlich attackiert werden, sind schwierig zu benennen. „Ich glaube, die Gesellschaft verroht zunehmend. Die Respektlosigkeit nimmt zu. Das Ich steht im Mittelpunkt und will keine Beeinträchtigungen durch andere hinnehmen. Ich denke, wir haben auch eine gestörte Streitkultur, sind oft nicht mehr in Lage, sachlich miteinander zu kommunizieren. Permanenter Zeitdruck kommt hinzu. Das mögen einige Gründe sein, warum wir manchmal nicht mehr als Helfer, sondern als Störenfriede wahrgenommen werden.“
Notfallsanitäter werden in ganz Deutschland gesucht. Manchmal werden sogar Wechselprämien angeboten, um den Bedarf in einer Region decken zu können. Eine Entwicklung, die sich dringend ändern sollte – denn im Notfall Hilfe bekommen wollen wir alle.


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