Hoch oben in St. Georg: Auf der Spur des tönenden Windes

Verborgen hinter der Roetzel-Orgel verbirgt sich in der 800 Jahre alten St. Georgs-Kirche in der Hattinger Altstadt die historische Kalkantenstube. Den Besucher erwartet eine 170 Jahre alte Zeitreise und ein Einblick in das bewegte Leben der Roetzel-Orgel.

Ein Blick in die Kalkantenstube, in der man selbst Tasten und Knöpfe bedienen kann.

Versteckt hinter der Orgel befindet sich die historische Kalkantenstube. Sie ist der älteste Winkel der 800 Jahre alten St.-Georgs-Kirche, deren Innenleben immer wieder umgebaut wurde. Man erreicht diesen Ort über eine historische Treppe aus dem frühen 19. Jahrhundert. Dort zeigt eine Dauerausstellung die ausgeklügelte Mechanik der Orgel mit ihren 2000 Pfeifen (von vorne sieht man übrigens nur 45 Stück), an der fünf Orgelbauer gewerkelt haben. IMAGE hat hinter die Kulissen geschaut.

Wer die historische Kalkantenstube betreten möchte, muss klettern. Während die St. Georgs-Kirche barrierefrei zu besichtigen ist, gilt dies nicht für den Raum, der hinter der bedeutenden Roetzel-Orgel liegt. Die Orgel der St.-Georgs-Kirche wurde 1826/30 von Christian Rötzel aus Alpe bei Eckenhagen erbaut. Das frühromantische Instrument ist ein historisch wertvolles Dokument westfälischer Orgelbaukunst und wurde mehrfach restauriert.
Wenn man die steilen Treppen erklommen hat, steht man quasi hinter der Orgel. In der Regel weiß man, dass die Orgel nicht nur ein Tasten-, sondern auch ein Blasinstrument ist. Durch Rohrleitungen gelangt die Luft aus dem Blasebalg bis unter die Pfeife. Und dann? Ein Ton kann nämlich nur entstehen, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Zum einen muss ein Registerknopf gezogen und zum anderen muss eine Taste gedrückt werden. Diese beiden Handlungen geben eine Pfeifenreihe frei und öffnen den Verschluss der Pfeife. Zu theoretisch? Na, dann muss man in die Kalkantenstube gehen, denn dort wird das Gesagte höchst anschaulich - mit allen Sinnen - erlebbar. Und man darf sogar selbst den Ton produzieren und sich als „Windmacher“ präsentieren. Drei verschiedene Modelle gibt es zu bestaunen.

Seit vielen Jahren ist Maria Cristina Witte die Organistin in St. Georg und kennt sich bestens mit dem Instrument aus. Sie weiß auch, dass die sogenannten „Kalkanten“ eben diejenigen waren, die sich nach dem Erklingen einer kleinen Glocke an die Arbeit machen mussten und den Blasebalg zu bedienen hatten. Manchmal waren sogar für eine Orgel mehrere Kalkanten notwendig. „Und wenn sie ihr Werk nicht ordentlich versahen, dann hörte man das auch“, erklärt sie. Die Orgelpfeifen der Roetzel-Orgel bestehen übrigens aus Metall, genauer aus einer Zink-Blei-Legierung. Als die Orgel erbaut wurde, bekam ihr Erbauer für seine Arbeit 2800 Reichstaler - das entspricht dem Wert von etwa 280 fetten Schweinen. „Christian Rötzel war ein sehr angesehener und wohlhabender Mann, der auch noch eine Landwirtschaft betrieb und die Pastorentochter heiratete“, berichtet Maria Cristina Witte. Insgesamt baute Rötzel 63 Werke und seine größte Arbeit ist eben diese Orgel in der Hattinger St. Georgs-Kirche.
Wie genau die Orgel funktioniert, kann man in der Kalkantenstube erleben. Kleine und große Besucher können sich auf die Spur des tönenden Windes begeben. Heute ist übrigens kein Kalkant mehr notwendig, um die Töne zu erzeugen. Denn die entstehen im 21. Jahrhundert durch einen Gebläsemotor. Wie die „Lunge der Orgel“ funktioniert, wird bei der Führung genau erklärt. Durch verschiedene Fenster kann man außerdem einen Blick auf die Rückseite der Orgel werfen und beim nächsten Orgelkonzert in der St. Georgs-Kirche denkt man dann sicherlich an den tönenden Wind.   

Die Kalkantenstube entstand mit Hilfe zahlreicher Partner wie dem Freundeskreis St. Georg, der NRW-Stiftung, dem LWL und den Hattinger Lions. Führungen dauern etwa eine halbe Stunde. Die Anzahl der Teilnehmer ist begrenzt. Buchbar sind auch Gruppenführungen (deutsch, englisch, französisch) sowie thematische Führungen zur Architektur, Kunstgeschichte und technischen Aspekten rund um die Kalkantenstube. Auch eine Kinderführung ist buchbar.
Kontakt: E-Mail kirchenmusik-stgeorg@kirche-hawi.de oder (0 23 24) 2 25 24. www.kalkantenstube.de


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