Historische Serie: Wohnungen im Hallenbad, Flüchtlinge in der Sporthalle

Vor 50 Jahren wurde das Sportzentrum an der Talstraße eingeweiht.

1967: Richtfest am Hallenbad in der Talstraße. Zusammen mit der großen Sporthalle entstand hier in den sechziger Jahren ein großes Zentrum für Leibesübungen - ein Wunsch vieler Bürger der aufstrebenden Stadt Hattingen.

In unserer historischen Serie, die IMAGE zusammen mit dem Hattinger Stadtarchivar Thomas Weiß zu Papier bringt, geht es heute um einen Rückblick auf das frühere Sportzentrum Talstraße, welches im Oktober 1968 - vor fünfzig Jahren - feierlich eingeweiht wurde.

Hattingen nach dem Zweiten Weltkrieg: Eine weitestgehend zerstörte Stadt, die in den fünfziger Jahren auch aufgrund zahlreicher Flüchtlinge immer weiter wuchs. Nachdem Wohnungen und Schulgebäude geschaffen waren, stellte sich Anfang der sechziger Jahre die Frage nach Gesundheit und Leibesübungen. 1962 führte das Institut für angewandte Sozialwissenschaft eine Umfrage in Hattingen durch mit dem Ergebnis, dass sich die Bürger in der Innenstadt ein Schwimmbad wünschten. Im Dezember 1963 begannen die Planungen für ein Sportzentrum mit einer großen Mehrzweckhalle für Schul- und Vereinssport sowie einem Hallenbad. Fast vier Millionen Mark sollte das neue Schmuckstück für Leibesübungen kosten. Selbst der Gedanke an ein Freibad „In der Marpe“ schwebte kurzerhand im Raume, wurde dann aber aufgrund des nicht realisierbaren Flächen- und Finanzierungsbedarfes schnell zu den Akten gelegt.
Umso umtriebiger wurden die anderen Pläne verfolgt. Am 4. Oktober 1968 wurde Einweihung gefeiert. Stolz war man auf das neue Sportzentrum, ein Gütesiegel für die aufstrebende Stadt.
Das blieb auch zunächst so - bis das Sportzentrum in die Jahre kam. Im Mai 1994 platzte im Hallenbad ein Filterkessel und 540.000 Liter gechlortes Wasser ergossen sich in die Kellerräume und in die Hausmeisterwohnung. 2001 erkannte man einen gigantischen Renovierungsbedarf, der auf irgendwas zwischen vier und sechs Millionen Mark geschätzt wurde.  2002 legte die Stadt ein neues Bäderkonzept vor - und das sah die Schließung des Hallenbades an der Talstraße im Jahr 2003 vor. Die Sanierung war finanziell nicht zu stemmen.
Doch die Pläne stießen auf Widerstand der Bevölkerung. Vor allem die Senioren zeigten sich umtriebig und versuchten alles, damit nicht der Stöpsel gezogen werden musste. Stalter Immobilien zeigte zeitweise privates Interesse am Hallenbad. 2004 wurde Dagmar Goch neue Bürgermeisterin der Stadt Hattingen mit der Zusage, sich für den Erhalt des Hallenbades einzusetzen - in einer Zeit mit fünf Schulschwimm- und zwei Hallenbädern sowie einem Freibad. Doch die Idee vom „City-Bad“ scheiterte. Stattdessen begannen die Planspiele, was man wohl an dieser Stelle - zentrumsnah und daher begehrt - noch machen könnte. Die Sporthalle zu erhalten war stets unstrittig. Zu viele Vereine hatten hier ihre Heimat gefunden.
Zu den Ideen gehörte ein Ärzte- und Therapiezentrum. Auch ein Konzept von Wohnen und Pflege im Alter, vorgelegt von der Evangelischen Stiftung Augusta, stand in der Debatte. Die Idee mit dem Ärztehaus erledigte sich von selbst - denn der investierende Apotheker legte die vereinbarte Kaufsumme von 416.000 Euro nicht fristgerecht vor. So ging das Ärztezentrum sang- und klanglos baden.
Schließlich baute ein Herner Investor auf der Fläche des ehemaligen Hallenbades, das 2010 abgerissen wurde, barrierefreie Wohnungen. 2015 wurden in der bis heute bestehenden Sporthalle in Hattingen ankommende Flüchtlinge untergebracht. Bis 2017 mussten die Vereine auf die große Halle verzichten - erst dann konnte sie leergezogen und anschließend renoviert werden.
Heute ist sie wieder innerstädtischer Mittelpunkt vieler sportlicher Aktivitäten - an das einstige Hallenbad erinnert allerdings nichts mehr.


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