Für die Zukunft: Hattinger Krankenhaus stellt sich neu auf

Neben der Akutversorgung werden Schwerpunkte in Neurologie und Geriatrie gebildet.

Dr. Olaf Hagen (Geriatrie), Geschäftsführer Thomas Drathen und der Chefarzt für Neurologie, Prof. Dr. Min-Suk Yoon.

Für das Krankenhaus der Zukunft aus Sicht einer Studie des Fraunhofer-Instituts 2017 ist neben dem Fachkräftemangel insbesondere der demografische Wandel mit der einhergehenden Multimorbidität der Patienten wesentlich. Hinzu kommen Trends wie die weitere Ambulantisierung, die steigenden Qualitäts- und Dokumentationsanforderungen sowie technische Innovationen. Das Schlagwort „Krankenhaus 4.0“ fasst diese Entwicklung zusammen. Wie gut ist das Evangelische Krankenhaus Hattingen dafür aufgestellt? Darüber sprach IMAGE mit Geschäftsführer Thomas Dra­then, Prof. Dr. Min-Suk Yoon, Chefarzt der Neurologie und Stroke Unit (Schlaganfall), und Dr. Olaf Hagen, der zusammen mit Prof. Dr. Andreas Tromm die geriatrische Klinik des Hauses leitet.

IMAGE: Vielen Krankenhäusern geht es wirtschaftlich heute eher schlecht. Unter den Bedingungen des Krankenhausstrukturgesetzes (KHSG) sind sie zum Kostensenkungsunternehmen mit Stellenkürzungen und Mengenausweisungen geworden. Liegt die Lösung nicht  in Qualitätssteigerungen und effektiven Arbeitsstrukturen?
DRATHEN: Natürlich muss ein Krankenhaus wirtschaftlich geführt werden, aber es darf bei der Versorgung von Kranken nicht nur um Zahlen gehen. Das Evangelische Krankenhaus in Hattingen ist als kleineres Haus in ein Verbundsystem eingebunden. Träger ist die Ev. Stiftung Augusta mit Sitz in Bochum mit den Häusern Augusta-Krankenanstalt in Bochum-Mitte, Bochum-Linden und EvK Hattingen. Damit kleinere Häuser effizient arbeiten und überleben können, bilden sie neben der Akutversorgung medizinische Schwerpunkte. Für das Hattinger Haus sind dieses neben der chirurgischen und internistischen Versorgung der Schwerpunkt der neurologischen Versorgung/Stroke Unit (Schlaganfall) sowie die Neurologische Komplementärmedizin (Parkinson). Als weiterer Schwerpunkt ist die Geriatrie implementiert, diese wird stiftungsweit von Dr. Olaf Hagen geleitet - in enger Absprache mit den vorhandenen Fachabteilungen.  
IMAGE: 30 bis 50 Prozent der Krankenhaus-Patienten sind heute älter als 75 Jahre und alle zwei Minuten erleidet ein Mensch in Deutschland einen Schlaganfall (etwa 280.000 Fälle pro Jahr) – für das EvK Hattingen also die Top-Themen der Zukunft?
HAGEN: Sechzig Betten in Linden und dreißig Betten in Hattingen bilden derzeit die Geriatrie. Die Liegezeit unserer Patienten liegt bei etwa 14 Tagen - und wir werden immer mehr Menschen haben, die in hohem Alter mit unterschiedlichen Krankheitsbildern (darunter auch dementielle Erkrankungen) Hilfe brauchen. Vor diesem Hintergrund ist gerade für die geriatrische Versorgung eine interdisziplinäre und frühzeitige Zusammenarbeit enorm wichtig.
YOON: Der Schlaganfall ist ein bedeutender Faktor in der neurologischen Versorgung. Hervorzuheben ist, dass die Erkrankung altersunabhängig auftreten kann. Am 1. Mai 2018 habe ich meine chefärztliche Tätigkeit im EvK Hattingen aufgenommen. Mein Ziel ist es, hier in der Region für neurologische Erkrankungen eine optimale Versorgung anzubieten. Jeder Patient, der zu uns kommt, wird bestmöglichst versorgt. Gerade bei Notfallpatienten ist es wichtig, zeitnah die richtigen Behandlungstherapien festzulegen und entsprechend zu handeln.
IMAGE: Stichwort Notfall - zum 1. Februar 2014 wurde die Notfallpraxis im EvK geschlossen, die seit 2011 die ambulante Versorgung außerhalb der Sprechzeiten der niedergelassenen Ärzte sicherstellte. Als Grund gab die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) damals eine zu geringe Auslastung an. Die Notfallambulanz des EvK blieb natürlich bestehen. Nach einem Bericht in 2017 ist sie aber stark defizitär. Bei knapp 7000 Patienten im letzten Jahr soll der jährliche Verlust bei mehr als 600.000 Euro liegen. Die Kosten, die über die Kassenärztliche Vereinigung abgerechnet werden können, liegen bei einer Erstattung von 32 Euro – eine Notfallbehandlung verursacht in der Regel Kosten von 120 Euro. Wenn diese Zahlen stimmen – welchen Weg kann das EvK gehen, um aus dieser Kostenfalle herauszukommen?
DRATHEN: Die Zahlen kann ich bestätigen Die zentrale Notaufnahme ist für jedes Krankenhaus eine große organisatorische Herausforderung. Hier gilt es für Ärzte vor Ort zu erkennen, was tatsächliche Notfälle sind und welche einer sofortigen stationären Behandlung bedürfen. Für den angesprochenen Anteil von Patienten, die eine ambulante Versorgung benötigen, müssen Wege gefunden werden, um der Kostenfalle zu entkommen. Wir brauchen aber auch für sie eine adäquate medizinische Versorgung. An einer Lösung wird gearbeitet.
IMAGE: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young haben 2006 eine Studie zur Gesundheitsversorgung 2020 durchgeführt. Damals prognostizierten sie eine Abnahme der Krankenhäuser um 25 Prozent, eine Verkürzung der Liegezeit der Patienten auf sechs Tage und eine Überlebenschance für Kliniken, die ambulante und stationäre Versorgung unter einem Dach anbieten. Ist das eingetroffen?
DRATHEN: Die Zahl der Klinikstandorte ist nicht so dramatisch gesunken, vielmehr sind kleinere Häuser in Verbünde aufgegangen. Liegezeiten haben sich verkürzt, das ist aber auch gewollt. Die Verzahnung der ambulanten medizinischen Versorgungszentren mit stationären Kliniken sind das Modell der Zukunft. Wichtig ist es, hier Fachpersonal zu binden und auch weiterzubilden. Das ist für uns ein wichtiges Anliegen.


* Am Samstag, 6. Oktober, 10 bis 13 Uhr, findet im Ev. Gemeindehaus Augustastraße ein öffentlicher Vortrag von Prof. Dr. Min-Suk Yoon  zur Allgemeinen Neurologie statt.


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